Die 5 Finger der Langlebigkeit
Wenn ich mich in meiner Bibliothek umsehe und die Schriften der Alten durchblättere, finde ich nichts, was den Menschen so sehr umtreibt und ihm gleichzeitig so oft misslingt, wie die Regierung seines eigenen Fleisches und die eigene Langlebigkeit.
Wir verzehren uns natürlich in jeder Generation in Sorgen um das Gemeinwesen, aber eben auch um unsere Küchen und unser Bett, und oft vergeht das Leben und endet früher, als es enden musste.
Besonders gern denke ich deshalb in solchen Stunden in meiner Bibliothek an jenen wackeren Edelmann, den Venezianer Luigi Cornaro. Vor 500 Jahren hat er unsere Welt verlassen nachdem er mehr als ein Jahrhundert in ihr lebte. Solch einen Prospekt hatte er aber nicht in die Wiege gelegt bekommen, denn als er sein vierzigstes Jahr überschritten hatte, lag er siech und bettlägerig darnieder, geplagt von den Ausschweifungen mit Alkohol und Essensorgien aus der Jugend. Seine Ärzte gaben ihm kaum mehr als ein paar Monate zu leben. Und was tat er? Er beobachtete aufmerksam die Nahrung für Kranke und erfand sich selbst neu. Mit 90 Jahren schrieb er voller Zuversicht einige Essays zum Thema „Wie man 100 Jahre alt wird“, und bewies schließlich seine These.
Sein ganzes Geheimnis, so versichert er uns mit der ihm eigenen Heiterkeit, lag in der Mäßigung: „Geringe Menge, doch köstliche Güte“. Er aß gerade so viel, dass der Magen nicht klagte, aber der Hunger schwieg – zumeist ein wenig Brühe, das Gelb vom Ei und einen Schluck leichten Weines. Man könnte sagen, er aß ab seinem 40. Geburtstag nachdem er bis dahin eher fraß, wie so viele andere Menschen vor und nach ihm und auch in unserer Zeit heute. Cornaro gehört zu denjenigen, die jedoch verstanden haben, dass die Natur ein sparsamer Haushalter ist. Wer sie mit Ballast überlädt, erstickt das innere Feuer.
Das gesunde Leben, so erscheint es mir zunehmend, ist kein langes Traktat und keine Gelehrsamkeit der Fakultäten. Heute werden allerdings in penibler wissenschaftlicher Arbeit unsere Körper erforscht sowie Pflanzen und Tiere, die viel länger als wir leben in der Hoffnung unsere Leben um ein Vielfaches zu verlängern. Ich sage nicht, dass diese Forschung nicht stattfinden soll, im Gegenteil, sie soll stattfinden, aber wir brauchen für die Zwischenzeit, also bis die Forscher es geschafft haben unser Leben maßgeblich zu verlängern, eine einfache Philosophie übersetzt in Praxis, die greifbar und überschaubar ist und die wir an den fünf Fingern unserer Hand abzählen können.
Sie könnte vielleicht so lauten:
- Der Daumen – Die Gemeinschaft: Er ist der stärkste Gliedsatz, der allen anderen gegenübersteht. Ohne ihn greift die Hand ins Leere. Er steht für unsere Freunde und Familie, Kollegen und Bekannte. Einsamkeit ist biologisch toxischer als 15 Zigaretten am Tag. Wer einsam altert, mag noch so viel Kräuter essen, er verdorrt von innen heraus.
- Der Zeigefinger – Der Sinn: Er deutet nach vorn, zeigt auf ein Ziel, ein Werk, eine Aufgabe. Ein Mensch, der nichts mehr vorhat, legt sich hin und stirbt. Wir brauchen einen Grund, um am Morgen die Decke zurückzuschlagen.
- Der Mittelfinger – Der Schlaf: Er ist der längste der Finger, der alles überragt und schützt. Es ist die Nacht, die den Tag erst möglich macht. Wer dem Schlaf seine Stunden stiehlt, stiehlt sie seinem eigenen Leben. Im Schweigen der Nacht repariert die Natur, was wir am Tage zerschlagen haben.
- Der Ringfinger – Die Nahrung: Er trägt den Ring der Bindung und Verpflichtung. Hier wohnt unser Cornaro. Binde dich an die Qualität, nicht an die Masse der Nahrung. Halte den Körper wie einen Tempel rein und überlade und vergifte ihn nicht.
- Der kleine Finger – Die Bewegung: Er mag unbedeutend scheinen, doch ohne ihn verliert die Hand ihre Balance und Eleganz. Der Leib ist für den Gang geschaffen, nicht für den Sessel. Ein wenig Mühsal, ein täglicher Gang durch die Gärten, hält die Säfte im Fluss.
Man braucht kein Philosoph zu sein, um zu begreifen, dass diese fünf Dinge zusammenwirken müssen. Wir haben uns nicht selbst geboren, haben diese Welt nicht selbst geschaffen. Manche von uns besitzen in ihr nicht (oder nicht mehr) Hände oder alle 5 Finger, aber jeder kann nachvollziehen, dass wer einen Finger verletzt, direkt die ganze Hand schwächt. Wer sie aber pflegt, wer Gemeinschaft, Sinn, Schlaf, mäßige Nahrung und Bewegung in den Gedanken hält und zu Gewohnheiten macht, der führt ein Leben, dass Gott und der Natur gefällt – ob es nun achtzig Jahre dauert oder hundert.
