Baden-Württemberg – Heimat und Weltoffenheit unter einem Dach.
Wie konnte ein Land mit außergewöhnlich starken lokalen und regionalen Bindungen zugleich zu einem der internationalsten Wirtschafts-, Wissenschafts- und Lebensräume Europas werden?
Wer Baden-Württemberg von außen betrachtet, könnte zunächst einen Widerspruch sehen. Kaum irgendwo werden Herkunft, Region und Ort so selbstverständlich gepflegt: Badener bleiben Badener, Schwaben Schwaben, Kurpfälzer Kurpfälzer; Dialekte werden nicht nur gesprochen, sondern gehören zum Selbstverständnis, Vereine, Gemeinden, Kirchen, Feste und lokale Traditionen strukturieren vielerorts noch immer das gesellschaftliche Leben. Und gleichzeitig ist dieses Land in einem erstaunlichen Maße nach außen gerichtet. Seine Unternehmen verkaufen Maschinen, Autos, Medikamente und Technologien in die ganze Welt, seine Hochschulen und Forschungsinstitute ziehen Menschen aus vielen Ländern an, und Millionen seiner heutigen Einwohner oder ihrer Familien kamen selbst von anderswo.
Vielleicht liegt das Besondere Baden-Württembergs gerade darin, dass diese beiden Seiten keine Gegensätze geworden sind. Heimat und Weltoffenheit haben sich hier nicht gegenseitig verdrängt. Sie haben sich verbunden und entwickeln sich spiralförmig weiter.
Dabei ist schon die Vorstellung einer uralten baden-württembergischen Heimat historisch bemerkenswert. Baden-Württemberg ist jünger als die Bundesrepublik. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der deutsche Südwesten in Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern geteilt. Erst eine heftig umstrittene Volksabstimmung führte zur Vereinigung; am 25. April 1952 entstand das neue Bundesland. In Südbaden hatten sich zuvor mehr als 62 Prozent für die Wiederherstellung des alten Baden ausgesprochen. Der Widerstand verschwand auch nach der Landesgründung nicht. Erst bei einer erneuten Abstimmung 1970 votierten knapp 82 Prozent der badischen Bevölkerung für den Verbleib im gemeinsamen Land. Baden-Württemberg ist damit das einzige heutige deutsche Bundesland, dessen Entstehung unmittelbar auf eine Volksabstimmung zurückgeht.
Das ist mehr als eine historische Kuriosität. Es erklärt etwas vom Charakter dieses Landes. Baden-Württemberg entstand nicht dadurch, dass seine älteren Identitäten ausgelöscht wurden. Es entstand über ihnen. Baden und Württemberg, Hohenlohe und Kurpfalz, Schwarzwald und Bodensee, Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim, Freiburg, Heidelberg, Ulm und zahllose kleinere Städte und Gemeinden mussten nicht aufhören, sie selbst zu sein, damit ein gemeinsames Land entstehen konnte.
Vielleicht beginnt hier bereits die Antwort auf unsere Ausgangsfrage. Heimat muss nicht bedeuten, dass alle gleich sind. Heimat kann auch ein Raum sein, in dem Menschen verschieden verwurzelt sind und trotzdem etwas Gemeinsames bilden.
Politisch zeigt sich dieses Prinzip besonders stark im Lokalen. Baden-Württemberg ist kein Land, dessen gesellschaftliches Leben ausschließlich von Stuttgart aus organisiert wird. Vieles geschieht in Gemeinden, Vereinen, Feuerwehren, Kirchengemeinden, Sportvereinen, Kulturinitiativen und Ehrenämtern. Rund 41 Prozent der Bürgerinnen und Bürger sind nach Angaben des Landes bürgerschaftlich engagiert, meist unmittelbar vor Ort. Kommunale Selbstverwaltung ist deshalb nicht bloß eine Verwaltungsform; sie gehört zur politischen Kultur des Landes.
Dass politische Kultur dennoch nicht statisch ist, zeigte ausgerechnet einer der heftigsten Konflikte der jüngeren Landesgeschichte. Die Proteste um Stuttgart 21 wurden zu einer Erfahrung darüber, was geschieht, wenn ein Teil der Bevölkerung den Eindruck gewinnt, politische und administrative Entscheidungen seien von ihm zu weit entfernt. Daraus entwickelte die Landesregierung ab 2011 die „Politik des Gehörtwerdens“ und baute neue Formen der Bürgerbeteiligung aus. Man muss deren konkrete Ausgestaltung nicht in jedem Punkt teilen, um darin etwas Charakteristisches zu erkennen: Auch politische Heimat muss immer wieder neu hergestellt werden.
Noch auffälliger wird der scheinbare Gegensatz von Heimat und Welt, wenn man auf die Wirtschaft blickt. Baden-Württemberg besitzt eine Wirtschaftsstruktur, die zugleich lokal verwurzelt und global abhängig ist. Neben international bekannten Großunternehmen steht eine enorme industrielle und mittelständische Landschaft. Mehr als 1,4 Millionen Menschen arbeiten in der Industrie; knapp 30 Prozent der Bruttowertschöpfung entstehen im produzierenden Gewerbe. Maschinenbau, Fahrzeugbau und Elektrotechnik dominieren, und in diesen Branchen wird ein großer Teil der Produktion im Ausland verkauft. 2025 exportierten Unternehmen aus Baden-Württemberg Waren im Wert von rund 241 Milliarden Euro.
Das Interessante daran ist nicht allein die Größe dieser Zahlen. Es ist die Geographie dahinter. Ein Unternehmen kann in einer vergleichsweise kleinen Stadt oder Gemeinde sitzen, seine Geschichte über Generationen mit einem Ort verbunden sein und dennoch Kunden, Zulieferer und Mitarbeiter auf mehreren Kontinenten haben. Das Lokale und das Globale begegnen einander hier nicht erst am Flughafen Stuttgart. Sie begegnen einander in Werkhallen, Laboren und Familienunternehmen.
Und dahinter steht eine ältere kulturelle Haltung: Probleme werden nicht nur diskutiert, sondern zerlegt, vermessen, konstruiert und – wenn möglich – gelöst. Aus dem Südwesten kamen Carl Benz und Gottlieb Daimler; Robert Bosch verband technische Innovation später ausdrücklich mit unternehmerischer und gesellschaftlicher Verantwortung. Doch die wichtigere Geschichte besteht nicht in einer Ahnenreihe berühmter Erfinder. Sie besteht darin, dass aus Erfinden eine Infrastruktur geworden ist.
2023 wurden in Baden-Württemberg 5,7 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung für Forschung und Entwicklung aufgewendet – gegenüber 3,2 Prozent in Deutschland und 2,13 Prozent in der Europäischen Union. Das Land gehört damit zu den forschungsintensivsten Regionen Europas. Universitäten, Hochschulen, Unternehmen und außeruniversitäre Einrichtungen bilden ein Forschungsnetz, das weit über die Landesgrenzen hinausreicht.
Eine besondere Ausprägung dieser Verbindung von Wissenschaft, Wirtschaft und gesellschaftlicher Verantwortung findet sich im Gesundheitsbereich. Baden-Württemberg verfügt mit Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm über vier Universitätsklinika, die Krankenversorgung auf höchstem Niveau mit Forschung und medizinischer Ausbildung verbinden. Hinzu kommt die Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg mit dem Universitätsklinikum Mannheim sowie das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. Die vier Landesuniversitätsklinika allein verfügen über rund 6.900 Betten, behandeln jährlich mehr als 250.000 Menschen stationär und rund 1,5 Millionen ambulant und beschäftigen etwa 33.000 Menschen. Rund 18.000 Medizinstudierende werden im Land ausgebildet.
Aber auch hier ist die eigentliche Stärke nicht die Zahl der Krankenhäuser. Sie liegt in der Verbindung von Behandlung, Forschung, Lehre und wirtschaftlicher Innovation. Baden-Württemberg ist an zahlreichen Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung beteiligt: von Krebs und Infektionskrankheiten über Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen bis zu Diabetes und neurodegenerativen Erkrankungen. In Heidelberg befindet sich außerdem das Deutsche Krebsforschungszentrum; das Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum gehört zu den international herausragenden Einrichtungen seiner Art.
Um diese wissenschaftliche Medizin herum ist eine bedeutende Gesundheitsindustrie entstanden. Pharmazeutische Unternehmen, Medizintechnik und Biotechnologie bilden eine weitere Seite des Wirtschaftsstandorts. Eine Analyse für das Land bezifferte allein für 2021 die Bruttowertschöpfung der Humanarzneimittel auf 6,5 Milliarden Euro, der Medizintechnik auf 4,1 Milliarden und der Biotechnologie auf 3,3 Milliarden Euro. Rund 43.600 Menschen arbeiteten danach im Bereich Humanarzneimittel, 49.300 in der Medizintechnik und 22.200 in der Biotechnologie.
Hier zeigt sich Baden-Württemberg vielleicht besonders deutlich als Lebensraum, der zugleich Heimat und Teil einer internationalen Wissensgemeinschaft ist. Ein Patient aus der Region kann in einer Klinik behandelt werden, in der Wissenschaftler aus aller Welt forschen; eine dort entwickelte Therapie kann später Menschen auf anderen Kontinenten helfen. Forschung wird dann nicht nur zum Standortfaktor. Sie wird zu einer Form der Verantwortung.
Und die Zukunft dieser Stärke wird davon abhängen, ob Baden-Württemberg Medizin, Biotechnologie, Medizintechnik, Digitalisierung und künstliche Intelligenz noch enger zusammenführen kann. Das Land hat dafür ungewöhnlich viele Bausteine bereits an einem Ort: Patientenversorgung, Universitätsmedizin, Grundlagenforschung, industrielle Entwicklung und einen starken Mittelstand. Diese Verbindung sollten wir nicht lediglich verwalten. Wir sollten sie ausbauen.
Gerade hier wäre es allerdings falsch, aus einem Porträt eine Hymne zu machen. Das Wirtschaftsmodell, das Baden-Württemberg reich gemacht hat, steht heute selbst unter Druck. 2025 sank die reale Wirtschaftsleistung um 0,6 Prozent; es war das dritte Rezessionsjahr in Folge. Besonders die Industrie leidet. Automobilwirtschaft und Maschinenbau stehen gleichzeitig vor Digitalisierung, künstlicher Intelligenz, Transformation der Antriebe, chinesischer Konkurrenz, hohen Kosten und geopolitischen Veränderungen.
Vielleicht wird sich gerade jetzt zeigen, ob das viel beschworene „Tüftlerland“ eine lebendige Wirklichkeit oder nur noch eine freundliche Erinnerung an vergangene Erfolge ist. Tradition besitzt nämlich nur dann Zukunft, wenn sie sich verändern kann. Man kann auf Carl Benz stolz sein und trotzdem wissen, dass Carl Benz heute etwas Neues erfinden müsste.
Noch deutlicher wird die Verbindung von Heimat und Weltoffenheit bei den Menschen selbst. Baden-Württemberg hat heute mehr als 11,2 Millionen Einwohner – über vier Millionen mehr als bei seiner Gründung. Mehr als drei Viertel dieses Bevölkerungswachstums gehen auf Zuwanderung zurück. Nach dem Krieg kamen Vertriebene und Flüchtlinge, später sogenannte Gastarbeiter, Arbeitskräfte aus anderen Teilen Deutschlands, Bürgerkriegsflüchtlinge, Menschen aus Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung und schließlich neue Zuwanderer aus Europa und der ganzen Welt. 2024 hatten rund 3,55 Millionen Einwohner einen Migrationshintergrund, knapp ein Drittel der Bevölkerung.
Das verändert den Begriff Heimat.
Wenn Heimat nur bedeuten würde, dass diejenigen dazugehören, deren Vorfahren seit Jahrhunderten am selben Ort leben, wäre das heutige Baden-Württemberg ohne einen erheblichen Teil seiner Bevölkerung zu denken. Auch wirtschaftlich wäre es ohne die Menschen, die hierhergekommen sind, kaum das Land geworden, das es heute ist. Weltoffenheit ist deshalb nicht lediglich eine moralische Selbstbeschreibung. Sie gehört zur Biographie des Landes.
Die interessante Frage lautet dann nicht, ob Baden-Württemberg Heimat oder Einwanderungsland ist. Es ist beides. Die schwierigere Aufgabe besteht darin, aus Ankommen Zugehörigkeit entstehen zu lassen. Dazu gehört auch eine Erwartung an diejenigen, die kommen: Heimat entsteht nicht allein dadurch, dass man irgendwo wohnt. Sie entsteht durch Sprache, Beziehungen, Arbeit, Nachbarschaft, Verantwortung, Teilnahme und die Bereitschaft, etwas vom Gemeinsamen mitzutragen. Ebenso braucht es die Bereitschaft derjenigen, die schon da sind, Zugehörigkeit nicht auf Abstammung zu reduzieren.
Vielleicht ist gerade das ein zeitgemäßer Heimatbegriff: Heimat ist nicht nur das, was wir erben. Heimat ist auch das, woran wir gemeinsam weiterbauen.
Auch kulturell lässt sich Baden-Württemberg kaum auf ein einziges Zentrum reduzieren. Mehr als 1.200 Museen und museale Einrichtungen verteilen sich über das Land; neben international bekannten Häusern in Stuttgart und Karlsruhe existieren Freilicht-, Regional- und Heimatmuseen, viele davon ehrenamtlich getragen. Theater, Orchester, Musikhochschulen, Festivals und freie Kultur finden sich nicht nur in der Landeshauptstadt. Gleichzeitig bestehen Fasnet, Trachten, Prozessionen, Dialekte, Handwerkstraditionen und lokale Feste fort.
Das ist vielleicht kulturell das Bemerkenswerteste: Ein Ballett von internationalem Rang und die örtliche Fasnet müssen sich nicht gegenseitig erklären. Ein Forschungsinstitut mit Wissenschaftlern aus aller Welt und ein schwäbischer oder alemannischer Dialekt können wenige Kilometer voneinander entfernt existieren. Hochkultur, Volkskultur, Wissenschaft, Industrie und Einwanderung bilden keine widerspruchsfreie Einheit – aber eine erstaunlich dichte Landschaft.
Und möglicherweise liegt genau darin das Missverständnis, das wir überwinden sollten. Weltoffenheit ist nicht das Gegenteil von Verwurzelung.
Wer Weltoffenheit mit der Auflösung aller Unterschiede verwechselt, macht die Welt am Ende ärmer. Wir müssen nicht überall dasselbe essen, dieselben Feste feiern, dieselben Dialekte sprechen und dieselben Geschichten erzählen, um miteinander leben zu können. Umgekehrt wird Heimat gefährlich, wenn aus Liebe zum Eigenen die Geringschätzung des Fremden entsteht. Zwischen diesen beiden Irrtümern liegt ein weiter Raum.
Baden-Württemberg lebt seit seiner Gründung in diesem Raum.
Das Land selbst entstand aus Verschiedenheit. Seine wirtschaftliche Stärke entstand aus Unternehmen, die häufig lokal verwurzelt waren und gerade deshalb den Weg auf die Weltmärkte suchten. Seine wissenschaftliche und medizinische Stärke lebt vom internationalen Austausch. Sein Bevölkerungswachstum wäre ohne Zuwanderung nicht denkbar. Seine politische Kultur wiederum bleibt auffallend stark an Gemeinden und bürgerschaftliche Strukturen gebunden.
Vielleicht ist Baden-Württemberg deshalb nicht trotz seiner Heimatverbundenheit weltoffen geworden. Vielleicht konnte es in wichtigen Teilen gerade aus einer starken Verwurzelung heraus nach außen gehen.
Das darf allerdings keine Selbstberuhigung sein. Ein Land, das von Exporten lebt, muss sich einer veränderten Weltwirtschaft stellen. Ein Land, das von Forschung lebt, darf Innovation nicht in Bürokratie ersticken. Ein Land mit einer derart starken medizinischen und gesundheitlichen Infrastruktur muss dafür sorgen, dass wissenschaftlicher Fortschritt auch bei den Menschen ankommt. Ein Land, dessen Wohlstand von Zuwanderern mit aufgebaut wurde, muss Zugehörigkeit ermöglichen und zugleich gemeinsame Regeln und Verantwortung einfordern. Und ein Land mit starken lokalen Traditionen muss darauf achten, dass aus Heimat keine geschlossene Tür wird.
Zur Heimat gehört aber auch Sicherheit. Ein Weihnachtsmarkt, eine Kirche, eine Synagoge, eine Moschee, ein Stadtfest oder eine politische Veranstaltung müssen Orte sein können, an denen Menschen ohne Angst zusammenkommen. Anschläge auf solche Orte greifen nicht nur einzelne Menschen an; sie greifen die Freiheit an, öffentlich miteinander zu leben. Baden-Württemberg muss deshalb gewaltbereiten Extremismus jeder Herkunft frühzeitig erkennen, seine Sicherheitsbehörden entsprechend ausstatten und dort konsequent eingreifen, wo Radikalisierung in Bedrohung und Gewalt umzuschlagen droht. Dabei gelten Rechtsstaat und Grundrechte ohne Abstriche. Weltoffenheit bedeutet nicht Wehrlosigkeit. Wer in Baden-Württemberg friedlich leben, glauben, feiern und seine Meinung äußern will, soll geschützt werden. Wer andere einschüchtert oder Gewalt vorbereitet, muss wissen, dass dieses Land seine Freiheit verteidigt.
Baden-Württemberg ist erst 74 Jahre alt. Vielleicht ist gerade das eine gute Erinnerung daran, dass Heimat nicht immer uralt sein muss. Manchmal kann eine neue politische Ordnung entstehen, ältere Identitäten bestehen lassen, Millionen neue Menschen aufnehmen und trotzdem mit der Zeit selbst Heimat werden.
Heimat und Weltoffenheit sind dann keine Gegensätze. Heimat sagt, wo wir stehen. Weltoffenheit entscheidet, wie weit wir von dort aus sehen können.
