2026

Gesunde selbstgemachte Süßigkeiten

Seit ich 40 geworden bin, denke ich zunehmend an Cornaro. Ich schrieb bereits über ihn, er lebte vor 5 Jahrhunderten in Venedig, schrieb nach seinem 90. Lebensjahr seine Essays dazu wie man 100 Jahre alt wird und bewies seine Worte indem er 102 Jahre alt wurde.

Wir leben heute in einer anderen Zeit, in der es in unserer westlichen Zivilisation Nahrung im Überfluss gibt, welche allerdings zum leider großen Teil auf unzähligen Wegen verarbeitet wird um sie haltbarer zu machen, ästhetisch attraktiver, geschmackvoller usw. usw. - aus Nahrung sind heute Nahrungsprodukte geworden und diese müssen sich im Wettbewerb behaupten...

Es fällt dies zum Glück nicht nur Philosophen auf und eine zunehmende Anzahl von Menschen dreht diesen Entwicklungen den Rücken. Besonders interessant finde ich Menschen, welche große Gärten anlegen und bewusst entscheiden nur noch das zu essen, was sie selbst zubereitet haben. Viele fangen in Städten an, kaufen sich Lebensmittel in Läden und kochen bzw. backen bzw. erzeugen sich jede Mahlzeit und mit der Zeit suchen sie dann auch einen Weg aufs Land zu ziehen, legen dort einen großen Garten an und konsumieren Essen, welches sie selbst anbauen. Manche drehen auch Videos, teilen auf diese Weise ihre Rezepte und verdienen auch zusätzliches Geld.

Es gibt einen alten chinesischen Spruch der ungefähr sagt, willst du für einen Tag glücklich sein dann organisiere eine Feier, willst du für einen Monat gücklich sein dann heirate und willst du ein Leben lang glücklich sein, dann lege einen Garten an. Ich erwähne dies, weil ein Garten gleichzeitig drei Dinge für uns macht. Er gibt uns erstens eine mit ziemlich wenig Arbeit verbundene Nahrungsquelle, denn man muss die Erde umgraben und Pflanzen setzen und dann regelmäßig gießen und ein wenig dabei die Pflanzen pflegen und das wars schon. Den Rest machen die Pflanzen selbst und man erntet einfach ihre Erträge. Zweitens lernen wir unfassbar viel im Garten, denn Pflanzen unterscheiden sich, benötigen manchmal etwas unterschiedliche Habitate, bekommen auch Krankheiten und durchlaufen oft schneller als wir Menschen den Kreislauf des Lebens, von der Geburt bis zum Tod. So wird es drittens mit dem Garten nie langweilig, sofern wir uns an diesen gewöhnen, denn der Garten braucht uns und wir brauchen den Garten. Er braucht dabei auch unsere zerstörerische und nicht nur schöpferische Energie, denn wir müssen Unkraut jäten, d.h. solche Pflanzen zerstören, die unseren Nutzpflanzen Energie rauben. Auch zerstören wir am Ende der Saison alle unseren einjährigen Pflanzen und verwandeln sie in Kompost für das nächste Jahr. Auch die mehrjährigen sind natürlich irgendwann dran, auch die Gebüsche und Fruchtbäume, alles im Garten hat sein Ende und man erlebt bzw. gestaltet dieses oft selbst mit. Ohne den Gärtner kann der Garten nicht und mit der Zeit stimmt dann auch das umgekehrte.

Im Kern kann niemand von uns ohne Gärten, denn unabhängig davon ob und wie viel Fleisch wir essen, unsere Hauptnahrung bilden Pflanzen.

Was hat das alles nun mit gesunden selbstgemachten Süßigkeiten zu tun?

Nun ja, Süßigkeiten sind heute so omnipräsent in der westlichen Welt und neben ihnen auch der zusätzliche Zucker in einer Unzahl von Nahrungsmitteln (sind diese süßer, schmecken sie besser, verkaufen sich besser), dass wir alle anfangen von diesem praktisch abhängig zu werden. Natürlich ist nahezu jede Art von Nahrung eine Art Zucker - denn was bedeutet der Begriff Zucker im Kern, wenn nicht eng konzentrierte Energie - aber zu viel von diesem macht uns fett und krank.

Süßigkeiten ganz abzustellen, das haben viele versucht, und das klappt in den allermeisten Fällen einfach nicht. Auch ich habe es versucht und bemerkte, dass dies völlig sinnlos ist. So fand ich meine Lösung in gesunden selbstgemachten Süßigkeiten. Ich beschloss keine Süßigkeiten mehr zu essen, außer solche die ich selbst mache und kann seit dem sowohl beruhigt Süßigkeiten essen als auch eine ganze Sphäre selbstgemachter Nahrung zum Teil meines Lebens machen.

Bald reift auch unsere Siam-Kürbis im Garten und ich werde den Kindern vorschlagen die berühmte Engelshaar Marmelade aus ihr zu machen.


Die 5 Finger der Langlebigkeit

Wenn ich mich in meiner Bibliothek umsehe und die Schriften der Alten durchblättere, finde ich nichts, was den Menschen so sehr umtreibt und ihm gleichzeitig so oft misslingt, wie die Regierung seines eigenen Fleisches und die eigene Langlebigkeit.

Wir verzehren uns natürlich in jeder Generation in Sorgen um das Gemeinwesen, aber eben auch um unsere Küchen und unser Bett, und oft vergeht das Leben und endet früher, als es enden musste.

Besonders gern denke ich deshalb in solchen Stunden in meiner Bibliothek an jenen wackeren Edelmann, den Venezianer Luigi Cornaro. Vor 500 Jahren hat er unsere Welt verlassen nachdem er mehr als ein Jahrhundert in ihr lebte. Solch einen Prospekt hatte er aber nicht in die Wiege gelegt bekommen, denn als er sein vierzigstes Jahr überschritten hatte, lag er siech und bettlägerig darnieder, geplagt von den Ausschweifungen mit Alkohol und Essensorgien aus der Jugend. Seine Ärzte gaben ihm kaum mehr als ein paar Monate zu leben. Und was tat er? Er beobachtete aufmerksam die Nahrung für Kranke und erfand sich selbst neu. Mit 90 Jahren schrieb er voller Zuversicht einige Essays zum Thema „Wie man 100 Jahre alt wird“, und bewies schließlich seine These.

Sein ganzes Geheimnis, so versichert er uns mit der ihm eigenen Heiterkeit, lag in der Mäßigung: „Geringe Menge, doch köstliche Güte“. Er aß gerade so viel, dass der Magen nicht klagte, aber der Hunger schwieg – zumeist ein wenig Brühe, das Gelb vom Ei und einen Schluck leichten Weines. Man könnte sagen, er aß ab seinem 40. Geburtstag nachdem er bis dahin eher fraß, wie so viele andere Menschen vor und nach ihm und auch in unserer Zeit heute. Cornaro gehört zu denjenigen, die jedoch verstanden haben, dass die Natur ein sparsamer Haushalter ist. Wer sie mit Ballast überlädt, erstickt das innere Feuer.

Das gesunde Leben, so erscheint es mir zunehmend, ist kein langes Traktat und keine Gelehrsamkeit der Fakultäten. Heute werden allerdings in penibler wissenschaftlicher Arbeit unsere Körper erforscht sowie Pflanzen und Tiere, die viel länger als wir leben in der Hoffnung unsere Leben um ein Vielfaches zu verlängern. Ich sage nicht, dass diese Forschung nicht stattfinden soll, im Gegenteil, sie soll stattfinden, aber wir brauchen für die Zwischenzeit, also bis die Forscher es geschafft haben unser Leben maßgeblich zu verlängern, eine einfache Philosophie übersetzt in Praxis, die greifbar und überschaubar ist und die wir an den fünf Fingern unserer Hand abzählen können.

Sie könnte vielleicht so lauten:

  • Der Daumen – Die Gemeinschaft: Er ist der stärkste Gliedsatz, der allen anderen gegenübersteht. Ohne ihn greift die Hand ins Leere. Er steht für unsere Freunde und Familie, Kollegen und Bekannte. Einsamkeit ist biologisch toxischer als 15 Zigaretten am Tag. Wer einsam altert, mag noch so viel Kräuter essen, er verdorrt von innen heraus.
  • Der Zeigefinger – Der Sinn: Er deutet nach vorn, zeigt auf ein Ziel, ein Werk, eine Aufgabe. Ein Mensch, der nichts mehr vorhat, legt sich hin und stirbt. Wir brauchen einen Grund, um am Morgen die Decke zurückzuschlagen.
  • Der Mittelfinger – Der Schlaf: Er ist der längste der Finger, der alles überragt und schützt. Es ist die Nacht, die den Tag erst möglich macht. Wer dem Schlaf seine Stunden stiehlt, stiehlt sie seinem eigenen Leben. Im Schweigen der Nacht repariert die Natur, was wir am Tage zerschlagen haben.
  • Der Ringfinger – Die Nahrung: Er trägt den Ring der Bindung und Verpflichtung. Hier wohnt unser Cornaro. Binde dich an die Qualität, nicht an die Masse der Nahrung. Halte den Körper wie einen Tempel rein und überlade und vergifte ihn nicht.
  • Der kleine Finger – Die Bewegung: Er mag unbedeutend scheinen, doch ohne ihn verliert die Hand ihre Balance und Eleganz. Der Leib ist für den Gang geschaffen, nicht für den Sessel. Ein wenig Mühsal, ein täglicher Gang durch die Gärten, hält die Säfte im Fluss.

Man braucht kein Philosoph zu sein, um zu begreifen, dass diese fünf Dinge zusammenwirken müssen. Wir haben uns nicht selbst geboren, haben diese Welt nicht selbst geschaffen. Manche von uns besitzen in ihr nicht (oder nicht mehr) Hände oder alle 5 Finger, aber jeder kann nachvollziehen, dass wer einen Finger verletzt, direkt die ganze Hand schwächt. Wer sie aber pflegt, wer Gemeinschaft, Sinn, Schlaf, mäßige Nahrung und Bewegung in den Gedanken hält und zu Gewohnheiten macht, der führt ein Leben, dass Gott und der Natur gefällt – ob es nun achtzig Jahre dauert oder hundert.

Wie heutiger Medienkonsum krank machen kann


Die meisten von uns wissen natürlich, dass die Medien heute nicht mehr das sind, was sie einst waren. Der Anstand vergangener Zeiten sowohl in der westlichen als auch in der östlichen Hemisphäre sowie die Ideale auf Basis von denen Journalisten einst gearbeitet und mit welchen im Sinne, sie ausgebildet wurden, sind eine ferne Erinnerung über die niemand mehr genau weiß ob Sie der Wirklichkeit entsprach oder eher nur eine ideologisierte Form von falscher Nostalgie darstellt.

Noch nicht genug von uns wissen jedoch, dass Medien nicht nur Träger von Information sind, sondern zur Architektur des kollektiven Bewusstseins maßgeblich beitragen. Und wenn wir die psychischen und sozialen Pathologien unserer Gegenwart analysieren, lässt sich unabhängig von dem Wahrheitsgehalt nostalgischer Reflektionen eine fundamentale Verschiebung der Medienwirkung im Zusammenhang mit politischen und gesellschaftlichen Themen beobachten.

Nietzsche ließ vor etwas mehr als einem Jahrhundert seinen Zarathustra sagen: "Daß jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken" sowie "von allem Geschriebenen liebe ich nur das, was einer mit seinem Blute schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, daß Blut Geist ist."

Neben der Tatsache, dass es heute kaum noch Anstand in der Medienlandschaft gibt, der in romantischen Reflektionen natürlich einst der conditio sine qua non für journalistische Tätigkeit war, geht es nun auch inhaltlich vordergründig längst nicht mehr um sinnvolle Diskurse und pointierte Meinungen. Es scheint in fast allen Medien eine neue Norm gebildet worden zu sein, im Rahmen von der Informationen seziert, zugespitzt und emotional aufgeladen werden, was in der Breite der Bevölkerung pathogen wirkt: Medien beginnen Menschen psychisch krank zu machen.

Der Journalismus scheint zunehmend an den Bruchlinien menschlicher Urängste und Abwehrmechanismen zu funktionieren. Er schreibt, wie Nietzsche es durch Zarathustra forderte, mit Blut, aber statt den Geist und das Ich zu stärken und rationale Diskursräume zu eröffnen, bedienen viele Medien Narrative, die zu Regressionen in paranoide und narzisstische Strukturen führen. Es wird ein permanenter Zustand des Alarms, des Ressentiments und der existenziellen Bedrohung inszeniert. Es brennen in den Gehirnen der Menschen ihre Amygdalas und ihre tiefsten emotionalen Strukturen.

Diese gezielte Affektstimulation führt bei vielen Rezipienten zu einer chronischen psychischen Überforderung – einer kollektiven Neurotisierung, die Angststörungen, Depressionen und tiefe gesellschaftliche Entfremdung nährt. Der Geist vieler verblutet...

Ich frage mich zunehmend, wie sich dies mit der Verantwortung einer freien Presse vereinbaren lässt.

Wenn das „Worüber“ und das „Wie“ der Berichterstattung die psychosomatische Integrität der Bürger zersetzt, kollabiert der demokratische Debattenraum. An seine Stelle tritt ein pathologisches Klima der Angst und Spaltung. Es scheint mir, wir müßten dringend einen neuen Rahmen setzen innerhalb von dem die Presse frei sein darf, einen Rahmen der psychische Gesundheit zusichert und zugleich die Pluralität von Meinungen zulässt. Zur Erinnerung: einst war es ja verboten zu fluchen in den Medien und das schien so selbstverständlich...

Bevor wir politisch soweit sind, lohnt es sich sowohl Lesern als auch inhaltlich Verantwortlichen in Medienorganisationen jeweils eine radikale Frage zu stellen. Wollen Sie, als Leser, dass Ihre Innenwelt verblutet wegen Nachrichten, die Sie wiederholt konsumieren und anfangen fest zu glauben, konsumieren zu müssen, dabei gibt es wirklich nur eines, dass jeder von uns wirklich muss und dies ist es zu sterben? Und aporpos Sterben, wollen Verantwortliche für die Inhalte, wenn sie dereinst am Todesbett sind und auf Ihr Lebenswerk zurückblicken – wollen Sie unsere gemeinsame Welt wirklich mit dem Bewusstsein verlassen, einer krankheitserregenden Lebenswelt mit ihren Inhalten beigetragen zu haben? Wollen diese, dass ihr bleibender Beitrag zur Conditio humana in der Unterstützung der Destabilisierung der seelischen Gesundheit von Millionen Menschen bestand?

Ich bin nachdenklich und besorgt, zugleich aber auch entspannt. Diese Dinge müssen ja noch von vielen gelernt und verstanden werden, bevor wir gesellschaftlich dazu übergehen Freiheit und Verantwortung nur noch zusammen zu denken, ja auch im wirtschaftlichen Sinne - Erhöhung der Verkaufszahlen wird ja oft als billiges Argument verwendet - als zwei Seiten einer Münze.

Die Expressdebatte

DIE EXPRESS-DEBATTE

Debattenformat für Stammtische, politische Gruppen, Vereine, Schulen und Bürgergespräche. Ich nenne sie Express-Debatte, aber wer möchte kann sie auch nach mir, als ihrem Erfinder, nennen, also die "Milutin-Debatte".

Ihr Ziel liegt darin Menschen durch gute Gründe, klare Sprache und fairen Umgang schnell komplexe Themen zu behandeln.

Es wird zwei Mal abgestimmt, vor und nach der Debatte. Vor der Debatte kann mit "Ja" oder "Nein" oder "Unentschlossen" abgestimmt werden, nach der Debatte jedoch nur mit "Ja" oder "Nein".


GRUNDIDEE

ratie ist schon lange nicht mehr nur Abstimmung. Demokratie, in unserer heutigen Zeit, basiert auf Grundrechten festgehalten in Verfassungen und sie basiert auf republikanischen Urzielen, die Politik als Sache der Öffentlichkeit zu begreifen (res - Sache; publicas - Öffentlichkeit). Die Fähigkeit, öffentlich Gründe für Meinungen auszutauschen, einander zuzuhören und der Wille die eigene Meinung durch bessere Argumente zu verändern, das sind Grundsätze eines demokratischen Lebens. Demokratie ist dabei insbesondere die Fähigkeit zu Mehrheitsentscheidungen durch Abstimmungen zu kommen ohne dass dabei die Seite, welche eine Abstimmungen verliert, von zukünftigen Abstimmungen ausgeschlossen wird. Die moderne Demokratie als System macht schließlich im Kern aus, dass alle Menschen in ihr stets dabei bleiben und nach gemeinsamen Entscheidungen, die gemeinsame Zukunft teilen, unabhängig davon wofür jeweilige Mehrheiten eintreten.

Die Express-Debatte ermöglicht es Demokratie, im wahrsten Sinne dieses Wortes, in kleinen und großen Gruppen, zu leben:

Eine Frage. Zwei Seiten. Kurze Reden. Publikum. Abstimmung vorher und nachher. Die Mehrheit gewinnt.


ABLAUF

  1. Debattenleitung

Zu Beginn wird eine Debattenleiterin oder ein Debattenleiter bestimmt.

Die Debattenleitung nimmt nicht selbst an der Debatte teil und stimmt nicht ab.

Ihre Aufgabe ist:

  • die Regeln zu erklären,
  • die Frage sauber zu formulieren,
  • auf Redezeiten zu achten,
  • Fairness zu sichern,
  • die Abstimmungen zu zählen,
  • das Ergebnis festzustellen.

Die Debattenleitung ordnet den Raum, entscheidet aber nicht inhaltlich.

2. Themenvorschläge

Alle Anwesenden können Themen für die Debatte vorschlagen.

Ein Thema muss als Frage formuliert sein, die mit Ja oder Nein beantwortet werden kann.

Beispiele:

  • Sollen Universitäten mehr öffentliche Bildungsformate anbieten?
  • Soll Stuttgart autofreie Sonntage ausprobieren?
  • Soll wirtschaftliche Bildung früher in Schulen vermittelt werden?
  • Soll es bei politischen Stammtischen regelmäßig Debatten nach festen Regeln geben?
  • usw.

Die Debattenleitung kann unklare Vorschläge sprachlich glätten.

3. Auswahl der Debattenfrage

Die Debattenleitung stellt bis zu drei geeignete Fragen zur Auswahl.

Die Anwesenden stimmen per Handzeichen ab, welche Frage debattiert wird.

Gewählt ist die Frage mit den meisten Stimmen.

4. Anfangsabstimmung

Vor Beginn der Debatte wird die gewählte Frage erstmals gestellt, z. B. soll wirtschaftliche Bildung früher in Schulen vermittelt werden?

Alle Anwesenden stimmen transparent per Handzeichen ab:

  • Ja
  • Nein
  • Unentschlossen

Die Debattenleitung notiert die Zahlen.

Eine Debatte findet statt, wenn es auf beiden Seiten eine ernsthafte Position gibt.

Richtwert: Mindestens ca. 25 Prozent der Anwesenden sollten auf der kleineren Seite stehen. Bei kleinen Gruppen genügt auch eine kleinere Minderheit, wenn zwei Personen bereit sind, diese Position fair zu vertreten.

Wenn fast alle einer Meinung sind, kann die Debatte entfallen oder die Frage neu formuliert werden.

5. Teams

Es gibt zwei Teams:

  • Team Ja
  • Team Nein

Jedes Team besteht aus zwei Personen.

Man muss nicht zwingend seine private Meinung vertreten. Es ist erlaubt, probeweise eine Position einzunehmen, um das Denken zu üben.

Wenn sich mehr als zwei Personen pro Seite melden, bestimmt die jeweilige Seite ihre zwei Rednerinnen oder Redner.

6. Eröffnungsrunde

Jede Person hält eine kurze Eröffnungsrede von maximal 2 Minuten.

Reihenfolge:

  1. Team Ja, Person 1 — 2 Minuten
  2. Team Nein, Person 1 — 2 Minuten
  3. Team Ja, Person 2 — 2 Minuten
  4. Team Nein, Person 2 — 2 Minuten

In dieser Runde gibt es keine Unterbrechungen.

7. Replikrunde

Danach folgt eine Replikrunde.

Jede Person hat maximal 1 Minute.

Reihenfolge:

  1. Team Ja, Person 1 — 1 Minute
  2. Team Nein, Person 1 — 1 Minute
  3. Team Ja, Person 2 — 1 Minute
  4. Team Nein, Person 2 — 1 Minute

In dieser Runde darf die sprechende Person freiwillig einen kurzen Hinweis aus dem Publikum zulassen. Ein solcher Hinweis darf maximal 30 Sekunden dauern und muss eine relevante Information enthalten.

Die sprechende Person muss das Wort nicht erteilen.

8. Publikumsrunde

Anschließend darf das Publikum Fragen stellen.

Dauer: maximal 10 Minuten.

Regeln:

  • Fragen aus dem Publikum dauern maximal 20 Sekunden.
  • Antworten dauern maximal 1 Minute.
  • Debattenleitung achtet darauf, dass aus Fragen keine Reden werden.
  • Wer eine lange Stellungnahme abgibt, wird freundlich gebeten, eine konkrete Frage zu formulieren.

9. Schlussrunde

Jedes Team erhält ein Schlusswort von maximal 1 Minute.

Reihenfolge:

  1. Team Ja — 1 Minute
  2. Team Nein — 1 Minute

Im Schlusswort sollen die stärksten Argumente noch einmal knapp zusammengeführt werden.

10. Schlussabstimmung

Die Debattenleitung stellt dieselbe Frage erneut.

Alle Anwesenden stimmen wieder per Handzeichen ab:

  • Ja
  • Nein

Die Mehrheit gewinnt. Festgehalten wird auch meisten Zuwachs erzielt hat, also wer den größten Resonanzerfolg hatte.


GEIST DER EXPRESS-DEBATTE

Die Express-Debatte ist kein Kampf um Demütigung des Gegners.

Sie ist ein demokratisches Spiel.

Die Grundregeln lauten:

  • fair sprechen,
  • knapp sprechen,
  • verständlich sprechen,
  • zuhören,
  • Argumente vorstellen,
  • auf Argumente der Gegenseite antworten,
  • nicht persönlich angreifen,
  • nicht entwürdigen.


LEITSATZ

kratie wird stärker, wenn Menschen lernen, öffentlich zu streiten, ohne einander zu entwürdigen. In einer Demokratie bleibt die Würde von einem jeden Menschen unantastbar.

Johann Sebastian Bach # 4 - die universelle Ordnung, Tod, Vergessenheit und Wiederauferstehung

Dies ist der vierte und abschließende Text meines philosophischen Projekts zu Johann Sebastian Bach. Nachdem wir seinen Weg von der handwerklichen Zunftstruktur der Eisenacher Kindheit über die existenziellen Wandlungen der Jugend bis zur äußeren Gestaltung der Weimarer und Köthener Jahre nachverfolgt haben, gilt es nun, den Blick auf das monumentale Finale seines Lebens zu richten. Hier, in der längsten und schmerzhaftesten Phase seines Wirkens, bricht sich eine Zäsur Bahn, die nicht nur Bachs eigene Existenz, sondern die Koordinaten der westlichen Kultur für immer verändert hat. Es ist das philosophische Projekt eines Mannes, der die Trümmer der Zeitlichkeit in eine unerschütterliche Architektur des Geistes goss – und dessen Werk für die Musikgeschichte zu dem wurde, was Sokrates für die Philosophie, Jesus für die Religion oder Newton für die Physik bedeuten: eine radikale Zeitwende, ein absoluter Nullpunkt.


Das Leipziger Spätwerk – Architektur im permanenten Ausnahmezustand

Als Johann Sebastian Bach am 22. Mai 1723 mit seiner Familie in Leipzig eintrifft, um das Amt des Thomaskantors und Director Musices anzutreten, ist er achtunddreißig Jahre alt. Er befindet sich auf dem Höhepunkt seiner geistigen und handwerklichen Kräfte, doch er ist keineswegs die unumstrittene erste Wahl der Stadtväter. Erst nachdem Georg Philipp Telemann und Christoph Graupner abgesagt hatten, einigte man sich auf Bach – verbunden mit dem berühmt-berüchtigten Stoßseufzer des Ratsherrn Abraham Christoph Platz, man müsse, da man die Besten nicht bekommen könne, „also mittlere nehmen“.

In Leipzig betritt Bach die Bühne seiner anspruchsvollsten und zugleich aufreibendsten äußeren Ordnung. Siebenundzwanzig Jahre lang, bis zu seinem Tod am 28. Juli 1750, wird er in der Dienstwohnung im südlichen Flügel der Alten Thomasschule leben. Es ist ein Ort der totalen Verdichtung: Wand an Wand mit den lärmenden, oft kranken Internatsschülern, konfrontiert mit einem monumentalen Pensum aus wöchentlichen Kantatenaufführungen und im permanenten, zähen Konflikt mit den weltlichen Behörden der Universitätsstadt, die seinen künstlerischen Anspruch oft als „halsstarrig“ empfinden.

Doch die tiefste Erschütterung dieser Leipziger Jahre vollzieht sich nicht in den Ratssälen, sondern im privaten Refugium des Hauses. Wenn wir Bachs Leben philosophisch als den Versuch verstehen, durch musikalische Struktur der Vergänglichkeit zu trotzen, dann finden wir in Leipzig das radikalste Paradoxon dieser Haltung.

Aus seiner ersten, tragisch geendeten Ehe mit Maria Barbara brachte Bach vier überlebende Kinder mit nach Leipzig: Catharina Dorothea, Wilhelm Friedemann, Carl Philipp Emanuel und Johann Gottfried Bernhard. Drei Kinder hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits verloren. Mit seiner zweiten Frau, Anna Magdalena, die im Mai 1723 ein Säugling an der Hand hält, wird er in Leipzig zwölf weitere Kinder zeugen. Insgesamt beläuft sich die historische Bilanz auf zwanzig geborene Kinder – von denen exakt zehn im jüngsten Alter oder als Säuglinge sterben.

In den Jahren zwischen 1726 und 1733 – exakt in jener Phase, in der Bach die monumentale Architektur der Matthäus-Passion, die ersten großen Kantatenjahrgänge und die bahnbrechenden Teile der Clavierübung erschafft – sterben in der Kantorenwohnung nacheinander fünf seiner kleinen Kinder: Christian Gottlieb, Ernestus Andreas, Regina Johanna, Christiana Benedicta und Christiana Dorothea. Im Durchschnitt muss dieser Mann alle zwei bis drei Jahre einen kleinen Sarg aus dem Haus tragen.

Hier bricht sich die entscheidende philosophische Frage Bahn: Wie konnte ein Mensch, dessen Alltag eine permanente, traumatische Trauerarbeit war, eine Musik schreiben, die keine Spur von nihilistischer Verzweiflung in sich trägt? Wie entsteht die reinste, stabilste und trostreichste Ordnung der Kunstgeschichte inmitten eines existenziellen Trümmerfeldes?

Die Antwort liegt im Begriff des „gebauten Raums“. Für Bach war die kontrapunktische Struktur kein mathematisches Glasperlenspiel und keine bürgerliche Dekoration. Sie war ein metaphysischer Schutzwall. Je brüchiger, unberechenbarer und tödlicher sich die äußere Welt erwies, desto radikaler flüchtete er in die Gesetzmäßigkeit der Töne. In der Fuge, im Choral, in der strengen Symmetrie des Satzes errichtete er eine Gegenwirklichkeit. Es ist eine Welt, in der jede Dissonanz sich auflösen muss, in der jede Stimme einen unumstößlichen Sinn besitzt und in der das Chaos keine Macht hat.

In seinen letzten Lebensjahren zieht sich Bach folgerichtig immer weiter aus dem tagesaktuellen Leipziger Musikbetrieb zurück. Während sich der Zeitgeschmack längst dem galanten, leichteren, frühklassischen Stil zuwendet, blickt Bach über seine Epoche hinaus. In spekulativen Spätwerken von mathematischer Reinheit – wie der Kunst der Fuge, dem Musikalischen Opfer oder der h-Moll-Messe – sucht er die überzeitliche, kosmische Wahrheit der Musik. Als er am 28. Juli 1750, nach einer missglückten Augenoperation, erblindet stirbt, hinterlässt er ein Werk, das die Zeitgenossen als „gelehrt“, aber veraltet archivieren. Die barocke Form scheint an ihr Ende gelangt. Doch der Raum, den er gebaut hat, wartete im Verborgenen auf jene, die seine Fundamente freilegen sollten.


Die Zäsur der Musikgeschichte – Bach als Nullpunkt und Gesetz

Es gehört zu den bemerkenswertesten Phänomenen der Kulturgeschichte, dass wir die Zeitrechnung der Musik implizit in ein „Vor Bach“ und ein „Nach Bach“ unterteilen. Er ist nicht einfach ein historischer Komponist unter vielen; er ist der archimedische Punkt der Tonkunst geworden.

Diese historische Stellung lässt sich nur durch Parallelen zu den fundamentalen Umbrüchen des menschlichen Geistes begreifen:

Wie Sokrates die Philosophie aus dem Mythos in die rationale Selbstreflexion des Logos überführte, so befreite Bach die Musik aus der reinen Unverbindlichkeit des Klangs und erhob sie zum System einer objektiven Vernunft.

Wie Jesus von Nazareth durch seine Existenz eine neue ethische Zeitrechnung begründete, die die alte Welt unumkehrbar in ein Davor und Danach trennte, so setzte Bach einen ästhetischen Nullpunkt: Nach ihm konnte Musik nicht mehr harmloses Handwerk sein; sie war nun Trägerin transzendenter Wahrheit.

Wie Isaac Newton mit den Principia Mathematica die unsichtbaren Naturgesetze der Gravitation und Bewegung formulierte, so legte Bach die physikalischen und mathematischen Urgesetze der Tonalität und des Kontrapunkts offen. Im Wohltemperierten Clavier rechnete er das Tonsystem bis an seine Grenzen durch. Er hat die musikalischen Formen nicht bloß erfunden oder genutzt – er hat sie ausgeschöpft.

Nach Bach war es schlicht unmöglich, im alten System des barocken Kontrapunkts etwas Größeres zu schreiben. Die Musikgeschichte musste neu anfangen, weil Bach das Fundament bis auf den Grund ausgehoben hatte. Deswegen verstanden ihn die nachfolgenden Generationen nicht als Vergangenheit, sondern als Naturgesetz. Robert Schumann konstatierte tiefsinnig, Bachs Musik sei ihm das „täglich Brot“, das den Geist reinige, und Johannes Brahms forderte: „Studiert Bach, dort findet ihr alles.“ [7]


Das Echo der Unvergänglichkeit – Die Entdecker des Raums

Ein Raum, der auf ewigen Prinzipien ruht, kann nicht im Vergessen untergehen. Die Rezeptionsgeschichte Bachs ist kein musealer Vorgang, sondern ein phänomenologischer Erkenntnisprozess, getragen von Geistern, die Bachs Struktur jeweils als existentielles Rettungsboot in ihren eigenen Epochen begriffen haben.


Felix Mendelssohn Bartholdy: Der ethische Kompass

Als der junge Felix Mendelssohn Bartholdy am 11. März 1829 in Berlin die seit fast einem Jahrhundert vergessene Matthäus-Passion wiederaufführt, tut er dies inmitten der heraufziehenden Moderne. Die Romantik war geprägt von Industrialisierung, der Zersplitterung des Weltbildes und einer tiefen Krise der religiösen Gewissheiten. Mendelssohn – Enkel des Aufklärungsphilosophen Moses Mendelssohn – erkennt in Bach den Gegenpol zum emotionalen und sozialen Chaos seiner Zeit. Für ihn wird Bach zum ethischen Kompass. Er begreift, dass Bachs Kontrapunkt keine mathematische Kälte besitzt, sondern die reinste Form einer geordneten inneren Bewegung ist. Mendelssohn holt Bach nicht aus historischer Nostalgie zurück, sondern um einer zerrissenen, säkularen Gesellschaft durch die monumentale Symmetrie dieser Musik wieder einen gemeinsamen, tragenden Boden zu geben. Felix Mendelssohn Bartholdy starb 1847 und weniger als ein Jahrhundert später fielen trotz seiner und vieler anderer Verdienste jüdischer Menschen um die Kultur in Deutschland, diese allesamt in Ungnade...


Albert Schweitzer: Der Musik-Poet und die Mystik

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zertrümmert der Philosoph, Theologe und spätere Tropenarzt Albert Schweitzer das Missverständnis des 19. Jahrhunderts, Bach sei ein „trockener Musik-Mathematiker“ gewesen. In seinem epochalen Werk „J. S. Bach“ (1905) weist Schweitzer nach, dass Bach ein genialer Musik-Poet war. Er decodiert Bachs Sprache und zeigt, dass sie auf einer präzisen Symbolik beruht – auf rhythmischen und melodischen Motiven, die theologische Begriffe wie das Fallen des Sündenfalls oder das Aufsteigen der Engel exakt abbilden. Für Schweitzer ist Bachs Musik gelebte Mystik an der Orgel: ein Akt, in dem die Unruhe des menschlichen Geistes in der Klarheit des Urtexts zur absoluten, metaphysischen Ruhe findet.


Glenn Gould: Die absolute, objektive Struktur

In der Mitte des 20. Jahrhunderts radikalisiert der kanadische Pianist Glenn Gould diese Suche nach der objektiven Wahrheit. Gould verweigert sich dem romantischen Pathos und sucht in Bach die totale Abwesenheit des Subjektiven. Indem er die Goldberg-Variationen fast ohne Pedal, extrem trocken und linear einspielt, legt er die nackte, mathematische Struktur der Partitur frei. Gould zieht sich schließlich komplett aus dem Konzertsaal in das sterile Aufnahmestudio zurück – eine zutiefst bachische Entscheidung: Im Studio eliminiert er den Zufall der fehlerhaften Außenwelt, um eine vollkommene, unzerstörbare Struktur zu errichten. Bei Gould wird Bach zum Beweis, dass Kunst eine kosmische Ordnung abbildet, die unabhängig von menschlicher Eitelkeit existiert.


Zuzana Růžičková: Die Ordnung gegen die Barbarei

Vielleicht am erschütterndsten offenbart sich die tragende Kraft des bachischen Raums im Leben der tschechischen Cembalistin Zuzana Růžičková. Als Überlebende der Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Bergen-Belsen blickte sie in den absoluten Abgrund des menschlichen Nihilismus und der totalen Barbarei. Nach dem Krieg widmete sie ihr Leben der Weltersteinspielung des gesamten Clavierwerks von Bach auf dem Cembalo. Für Růžičková war Bach kein ästhetischer Luxus, sondern eine Überlebensnotwendigkeit. Sie formulierte es so, dass in Bachs Musik eine unerschütterliche, transzendente Gerechtigkeit waltet. Wo die Menschen bestialisch wurden und das Chaos regierte, garantierte Bach die Existenz einer höheren, moralischen Symmetrie. Seine Struktur wurde zum konkreten, geistigen Widerstand gegen die Vernichtung.


Helmuth Rilling: Die globale Institutionalisierung der Struktur,

Nach dem wunderbar organisierten Bachfest der Internationalen Bachakademie Stuttgart, wo ich die Inspiration fand dieses Projekt zu starten, schließt sich unser Kreis auf der Trauerfeier zu Ehren des Gründers der Bachakademie, Helmuth Rilling. Rilling hat sein Leben im Endeffekt Bach gewidmet mit dem Ziel sicherzustellen, dass Bachs Werk zu keinem statischen Denkmal wird, sondern in eine weltweite, lebendige Bildungs- und Kulturarchitektur einfließt

Rilling, der als erster Dirigent alle geistlichen Kantaten Bachs einspielte, begriff diese Musik als eine Form der strukturierten, universalen Rede. In seinen legendären „Gesprächskonzerten“ legte er die theologische und architektonische Struktur der Werke vor dem Publikum offen, um sie intellektuell bewohnbar zu machen. Doch Rillings eigentliche Leistung liegt in der Globalisierung dieses Prinzips: Durch die Gründung der Bachakademie Stuttgart und die Initiierung von Bachakademien weltweit – von Santiago de Chile über Krakau und Budapest bis nach Tokio und Moskau – hat er bewiesen, dass Bachs Musik eine Universalsprache der Menschheit ist. Wenn junge Menschen unterschiedlichster Kulturen und Konfessionen zusammenkommen, um unter diesem Einfluss die h-Moll-Messe zu erarbeiten, solidarisieren sie sich nicht über politische Verträge, sondern über das gemeinsame Ausfüllen und Erleben einer ewigen, tragenden Vernunft. Auch Rillings Nachfolger Hans-Christoph Rademann ist sich dessen bewusst und akzentuiert heute bei seinen Konzerten mit der Gaechinger Kantorei und dem JSB, in meinen Augen in tiefer christlicher Liebe, dass junge Musikerinnen und Musiker aus über zwei dutzend verschiedenen Ländern und Kulturen miteinander musizieren. Was sagt uns das über das mögliche in unserer Welt?


Fazit: Das metaphysische Obdach

Johann Sebastian Bachs Leben begann im handwerklichen Dienst einer thüringischen Zunft und stand im permanenten, dunklen Schatten des frühen Kindstods, sowohl seiner Geschwister, als auch später seiner eigenen Kinder. Sein Leben endete in der Einsamkeit eines Mannes, dessen Spätwerk von der eigenen Epoche nicht mehr verstanden wurde.

Doch gerade weil er seine tiefen Verluste nicht in sentimentale Klage, sondern in die unzerstörbaren Gesetze einer kosmischen Kontrapunktik goss, hat er der Menschheit ein metaphysisches Obdach hinterlassen. Ob Mendelssohn in der Sinnkrise des 19. Jahrhunderts, Schweitzer auf der Suche nach der Mystik, Gould auf der Jagd nach Objektivität, Růžičková im Grauen von Auschwitz, Rilling in der globalen Vermittlung der Klangrede: Sie alle betreten denselben Raum.

Wer sich heute in Bachs Musik vertieft, flieht nicht vor der Realität. Er findet in ihr die tröstliche, unumstößliche Gewissheit, dass unter dem schmerzhaften Chaos und der Vergänglichkeit unseres Daseins eine tiefe, tragende und ewige Ordnung liegt. Eine Ordnung, die hält, weil ihr Urheber früh erfahren musste, dass das Leben selbst es nicht tut. Viele Wegen führen zu dieser Ordnung und der seelischen Entspannung, Bach hat in der Musik einen der schönsten aufgebaut.


Quellen und wissenschaftliche Bezüge:

[1] Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach: The Learned Musician. W. W. Norton, New York 2000, (Zu den Umständen der Leipziger Berufung).

[2] Bach-Archiv Leipzig: Dokumente zum Leben und Wirken Johann Sebastian Bachs. Bärenreiter, Kassel. (Zur Topographie der Alten Thomasschule).

[3] Martin Geck: Johann Sebastian Bach. Leben und Werk. Rowohlt, Reinbek 2000, (Zur familiären Chronologie und den Kindstoden).

[4] Klaus Eidam: Das wahre Leben des Johann Sebastian Bach. Piper, München 1999

[5] Peter Williams: J. S. Bach: A Life in Music. Cambridge University Press, Cambridge 2007, (Zum Spätwerk und der Kunst der Fuge).

[6] Hans-Joachim Schulze: Die Bach-Familie. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 1984

[7] Michael Maul: Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche. Bärenreiter, Kassel 2015

[8] Peter Mercer-Taylor: The Life of Mendelssohn. Cambridge University Press, 2000 (Zur Wiederaufführung der Matthäus-Passion 1829).

[9] Zuzana Růžičková: Lebensfuge. Wie Bach mich vor Auschwitz rettete. Propyläen, Berlin 2019.

[10] Otto Friedrich: Glenn Gould. Eine Biographie. Bruno Cassirer, Oxford 1990.

[11] Albert Schweitzer: J. S. Bach. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1908.



Rassismus, Nationalismus, Migrantismus – was kommt als Nächstes und woher?

Wenn ich uns Menschen historisch betrachte, fällt mir immer wieder dieselbe merkwürdige Bewegung im öffentlichen Denken auf: Wir erzeugen Identitäten und Kategorien, und kurz darauf beginnen diese Identitäten und Kategorien sich zu politisieren und bestimmte Gruppen zu diskriminieren.

Zuerst dienen sie allerdings der Orientierung. Dann der Zugehörigkeit. Schließlich der Abgrenzung. Und nicht selten enden sie irgendwann in Verachtung, Angst oder Gewalt.

Einmal waren es Stämme. Dann Religionen. Dann Klassen. Dann Nationen und Rassen. Heute sprechen wir zunehmend von Migranten. Der Begriff scheint, wie einst der Begriff Rasse, in aller Munde zu sein. Morgen werden wir vielleicht von Menschen und künstlichen Intelligenzen oder von biologischen und technisch erweiterten Menschen sprechen.

Die Begriffe wechseln. Die Struktur jedoch bleibt erstaunlich ähnlich.

Als ich jünger war, dachte ich oft, rassistische Weltbilder seien einfach das Werk böser oder besonders dummer Menschen. Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, dass dies zu einfach gedacht ist. Denn der Rassismus entstand nicht im luftleeren Raum. Er entstand aus sehr menschlichen Bedürfnissen: aus Angst, aus Identitätssuche, aus Machtstreben, aus dem Wunsch nach Ordnung und Zugehörigkeit.

Biologisch ergibt Rassismus kaum Sinn. Wir gehören weitgehend derselben Spezies an, Unterschiede zwischen Menschen sind überwiegend phänotypischer Natur. Und selbst wenn die Unterschiede größer wären – was würde daraus folgen? Humanistische Ziele bestanden doch gerade immer darin, Menschen trotz ihrer Unterschiede miteinander zu verbinden.

Und dennoch war der Rassismus real. Nicht nur am Rand der Gesellschaft, sondern oft in ihrer Mitte. Ganze öffentliche Meinungen, Institutionen und Wissenschaften waren von ihm durchdrungen. Dann starben Millionen Menschen im Namen von Weltanschauungen, die behaupteten, Ordnung zu schaffen, während sie in Wahrheit Entmenschlichung organisierten. Dasselbe gilt für den Nationalismus.

Heute scheint sich erneut eine neue große Kategorie in unser Denken zu schieben: der „Migrant“. Ich sage bewusst nicht „der Mensch, der emigriert oder immigriert“, sondern vereinfacht „der Migrant“, wie es nun in aller Munde zu sein scheint, denn genau darin liegt bereits etwas Interessantes. Aus einer Bewegung wird langsam eine Identität. Aus einer zeitweiligen Handlung wird eine dauerhafte Zuschreibung.

Dabei waren letztlich fast alle Menschen irgendwann in Bewegung. Unsere Vorfahren wanderten, flohen, siedelten um, eroberten neue Gebiete oder wurden selbst verdrängt. Migration ist keine Ausnahme der Menschheitsgeschichte, sondern beinahe ihr Normalzustand.

Ebenso unklar erscheint mir die Gegenkategorie des Einheimischen. Ab wann ist jemand einheimisch? Nach zwanzig Jahren? Nach vier Generationen? Nach tausend Jahren? Und wenn man weit genug zurückgeht, waren nicht fast alle Menschen irgendwann fremd an dem Ort, an dem ihre Nachfahren später Wurzeln schlugen?

Dennoch gewinnen diese Begriffe zunehmend emotionale und politische Kraft. Und ich werde nachdenklich, denn ich selbst bin definitiv auch ein Nachfahre von sog. Migranten, wir alle sind es, aber ich fühle mich zugleich überall auf unserem Planeten Zuhause, empfinde, dass der Planet als solcher meine Heimat ist. Zu was macht mich das? Es macht mich auf jeden Fall zu einem Menschen, der keinen anderen als Fremd betrachten kann, denn wir leben ja alle gemeinsam auf diesem Planeten. Das scheinen jedoch viele Menschen wohl noch nicht wirklich verstanden zu haben. Natürlich verstehe ich, dass wir global betrachtet unterschiedlich entwickelte Gesellschaften haben, dass es große Bildungs- und Einkommensunterschiede gibt und dass wir Menschen keine Schmetterlinge sind, sondern eben oft Konflikte erzeugen und folglich oft auch Angst voreinander haben. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft kann ich verstehen, aber das Bedürfnis nach Abgrenzung und folglich oft auch Hass und Zerstörung, all dies bleibt für mich ein Mysterium.

Es ist jedoch wohl so, wenn wir die Geschichte betrachten, dass jede starke gesellschaftliche Kategorie früher oder später ihre Gegenbewegung erzeugt. So wie das Rassenweltbild irgendwann den Begriff des „Rassismus“ hervorbrachte den Menschen nutzten um sich von dem Rassistischen Weltbild und Rassisten zu distanzieren, so ähnlich brachte das Nationalweltbild den Begriff "Nationalismus", den Menschen nutzten um sich von dem Nationalistischen Weltbild und Nationalisten zu distanzieren. Nun frage ich mich ob aus dem heutigen starken Beharren auf „Migranten“ und dieser neuen ideologische Fixierung auf Herkunft und Bewegung als zentraler Kategorien des Menschseins, irgendwann vielleicht etwas entstehen wird, das man vielleicht „Migrantismus“ nennen wird? Werden Menschen dies nutzen um sich von dem Migrantischen Weltbild und "Migrantisten" zu distanzieren, wobei „Migrantisten“ jene heißen würden, die Menschen primär über ihren Migrationsstatus definieren – sei es positiv oder negativ? Ich weiß es nicht. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht sucht mein Geist nur erneut nach Mustern. Aber die Geschichte lehrt uns, dass Menschen erstaunlich kreativ darin sind, immer neue Trennlinien zu erschaffen. So sinne ich wohl oft über die einfache, fast kindliche Frage: Warum fällt es uns so schwer, miteinander zu leben, ohne einander ständig in Gruppen einzuteilen, gegeneinander aufzuwiegeln und schließlich zu hassen?

Johann Sebastian Bach #3 - Seelische Festigung und äußere Gestaltung

Als Johann Sebastian Bach im Jahr 1708 im Alter von dreiundzwanzig Jahren nach Weimar geht, tritt er in eine neue Phase seines Lebens ein. Die Jahre der Suche liegen hinter ihm. In Ohrdruf, Lüneburg, Arnstadt und Mühlhausen hat er gelernt, sich zu ordnen, zu arbeiten und seinen Weg zu behaupten. Nun beginnt eine Zeit, in der er nicht mehr nur lernt, sondern gestaltet.

Bach ist zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet. Am 17. Oktober 1707 hat er in Dornheim Maria Barbara Bach geheiratet, seine Cousine zweiten Grades, die aus einer ebenso musikalisch geprägten Familie stammt. Mit ihr beginnt er ein eigenes Leben aufzubauen. Doch dieses Leben ist von Anfang an nicht ruhig. Zwischen 1708 und 1718 werden sieben Kinder geboren: Catharina Dorothea (getauft am 29. Dezember 1708), Wilhelm Friedemann (geboren am 22. November 1710), die Zwillinge Johann Christoph und Maria Sophia (geboren am 23. Februar 1713, beide früh verstorben), Carl Philipp Emanuel (geboren am 8. März 1714), Johann Gottfried Bernhard (geboren am 11. Mai 1715) und schließlich Leopold Augustus (geboren 1718 in Köthen, ebenfalls früh verstorben). Drei dieser Kinder überleben die ersten Lebensjahre nicht.

Der Haushalt, den Bach in Weimar führt, ist kein privater Rückzugsort im modernen Sinne. Neben seiner Frau und den Kindern lebt auch Maria Barbaras Schwester Friedelena Margaretha Bach dauerhaft im Haus. Es handelt sich um einen offenen, funktionalen Haushalt: Ort des Lebens, des Lernens, der Arbeit. Hier wird unterrichtet, geübt, musiziert. Bach ist nicht nur Musiker, sondern Vater, Ehemann und Verantwortlicher innerhalb eines wachsenden familiären Gefüges.

In Weimar übernimmt Bach 1708 die Stellung als Hoforganist und Kammermusiker am Hof Herzog Wilhelm Ernsts. 1714 wird er zum Konzertmeister ernannt. Mit dieser Beförderung ist eine klare Verpflichtung verbunden: Er hat regelmäßig neue Kirchenmusik zu liefern, in der Regel monatlich eine Kantate. Seine Musik entsteht damit nicht außerhalb von Strukturen, sondern innerhalb fester Erwartungen. Sie ist Teil seines Amtes.

Diese Einbindung in Ordnung bedeutet jedoch nicht Anpassung. Bach zeigt in diesen Jahren eine ausgeprägte Eigenständigkeit. Als er 1717 eine neue Stelle als Kapellmeister in Köthen annimmt und seine Entlassung aus dem Weimarer Dienst erzwingen will, wird er verhaftet. Vom 6. November bis zum 2. Dezember 1717 sitzt er in Haft, offiziell „wegen seiner halsstarrigen Bezeugung und Erzwingung seiner Entlassung“. Diese Episode ist kein Randdetail. Sie zeigt einen Menschen, der bereit ist, persönliche Konsequenzen zu tragen, um seinen eigenen Weg zu gehen.

Nach seiner Freilassung verlässt Bach Weimar und tritt die Stelle als Kapellmeister am Hof Fürst Leopolds von Anhalt-Köthen an. Dort ist er „Director der Cammer-Musiquen“, verantwortlich für ein professionelles Ensemble, für Proben, Aufführungen und die gesamte musikalische Organisation des Hofes. Sein Leben verlagert sich stärker in den höfischen Raum. Die äußeren Bedingungen ändern sich, die Verantwortung wächst.

Doch auch in dieser Phase bleibt sein Leben nicht von Einschnitten verschont. Im Juli 1720 stirbt seine Frau Maria Barbara plötzlich in Köthen, während Bach sich mit dem Fürsten auf einer Reise in Karlsbad befindet. Er kehrt zurück und findet sein Haus verändert vor. Mit fünfunddreißig Jahren steht er als Witwer mit mehreren Kindern da. Wieder wird ihm ein tragender Teil seines Lebens genommen.

Und doch zeigt sich auch hier die Struktur, die sich durch sein Leben zieht. Bach bricht nicht. Er ordnet sich neu. 1721 heiratet er Anna Magdalena Wilcke, eine Sängerin am Köthener Hof, und stellt seinen Haushalt erneut auf. Leben wird nicht unterbrochen, sondern weitergeführt.

Parallel zu diesen äußeren Entwicklungen vollzieht sich eine innere Bewegung. Musik ist für Bach in diesen Jahren nicht mehr nur handwerkliche Tätigkeit oder berufliche Pflicht. Sie wird zu einem Ort, an dem sich für ihn eine Ordnung zeigt, die über das unmittelbar Sichtbare hinausweist. In der Arbeit an musikalischen Formen – im Aufbau von Stimmen, im Durchhalten von Strukturen, im Finden von Zusammenhängen – erfährt er etwas, das sich nicht allein technisch beschreiben lässt.

Später wird Bach in seiner Bibel notieren, dass bei andächtiger Musik Gott mit seiner Gnade gegenwärtig ist. Diese Haltung entsteht nicht plötzlich. Sie wächst in diesen Jahren. Sie ist Ergebnis eines Lebens, das sich zwischen Verantwortung, Verlust, Pflicht und Arbeit entfaltet. Musik wird für ihn zu einem Raum, in dem sich das Verhältnis zwischen Mensch und Gott konkretisiert – nicht theoretisch, sondern praktisch, im Tun.

Dabei ist Bach kein zurückgezogener Mensch. Er wirkt öffentlich, tritt auf, prüft Orgeln, spielt vor, wird wahrgenommen. Sein Ruf als Organist und Musiker wächst. Gleichzeitig bleibt er in die Hierarchien seiner Zeit eingebunden. Er dient dem Hof, erfüllt Erwartungen, bewegt sich innerhalb klarer sozialer Strukturen.

Gerade in dieser Spannung gewinnt sein Leben seine Form. Nach innen entsteht eine zunehmende Festigung: eine klare Ausrichtung, ein wachsendes Verständnis dessen, was seine Aufgabe ist. Nach außen gestaltet er: er führt einen Haushalt, übernimmt Verantwortung, wirkt in Amt und Gesellschaft.

So verbinden sich in diesen Jahren drei Ebenen: das familiäre Leben, das ihn bindet und fordert; die innere Arbeit, in der Musik für ihn zu einem Ort der Begegnung mit dem Göttlichen wird; und die äußere Ordnung, in der er als Amtsträger wirkt und sich behauptet.

Am Ende dieser Phase steht Bach nicht mehr als Suchender, sondern als ein Mensch, der seine Form gefunden hat. Er weiß, was er kann, und beginnt zu verstehen, wofür er es einsetzt. Seine Identität liegt nicht im Ruhm, sondern in der Verbindung von Pflicht, Glaube und Arbeit.

Als er 1723 nach Leipzig geht und dort das Amt des Thomaskantors übernimmt, beginnt eine neue Phase seines Lebens. Alles, was sich in diesen Jahren geformt hat, tritt nun in einen größeren Zusammenhang.


Quellen (Auswahl)

  • Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach: The Learned Musician, New York 2000.
  • Martin Geck, Johann Sebastian Bach. Leben und Werk, Reinbek 2000.
  • Michael Maul, Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche, Kassel 2015.
  • Peter Williams, J. S. Bach: A Life in Music, Cambridge 2007.
  • John Eliot Gardiner, Bach: Music in the Castle of Heaven, London 2013.
  • Bach-Archiv Leipzig / Bach Digital: Werk- und Personendatenbank
  • Bach-Dokumente (Edition des Bach-Archivs Leipzig)

Johann Sebastian Bach # 2 - seelische und territoriale Wanderungen

Wenn Johann Sebastian Bach im Alter von zehn Jahren nach Ohrdruf kommt, trägt er bereits mehr Erfahrung in sich, als ein Kind tragen sollte. Mutter und Vater sind gestorben, das vertraute Haus in Eisenach existiert nicht mehr. Was macht dies mit einem Kind?

Was ihm bleibt, ist ein Teil der Familie – und die Musik. Sein älterer Bruder, Johann Christoph Bach, nimmt ihn auf. Dieser ist Organist an der Michaeliskirche in Ohrdruf, streng, gewissenhaft, ein Mann der Ordnung. Das Haus, in das der junge Johann Sebastian eintritt, ist kein Ort der Trauer, sondern ein Ort der Arbeit. Unterricht, Üben, Gottesdienst – alles folgt einem Rhythmus. In einer kleinen thüringischen Stadt mit etwa zweitausend Einwohnern kennt jeder jeden; der Alltag ist überschaubar, die Kirche bildet den Mittelpunkt.[1]

Hier lernt Bach, dass Musik nicht aus spontaner Eingebung entsteht, sondern aus Wiederholung. Stundenlang übt er Orgel und Clavier, kopiert Noten, beobachtet seinen Bruder beim Unterrichten. Seine Welt wird kleiner, aber innerlich dichter. Die Ordnung der Übungen ersetzt die verlorene Ordnung der Familie. In dieser Zeit ereignet sich die bekannte Szene mit dem Notenheft. Der Bruder besitzt eine Sammlung wertvoller Stücke, die er verschlossen aufbewahrt. Darin befinden sich Werke von Komponisten wie Johann Pachelbel, Johann Jakob Froberger, Johann Caspar Kerll und Girolamo Frescobaldi.[2] Bach darf sie nicht benutzen. Doch der Wunsch zu lernen ist stärker als das Verbot. Nacht für Nacht kopiert er die Noten bei Mondlicht, heimlich, geduldig, über Monate hinweg. Als der Bruder es entdeckt, nimmt er ihm die Abschrift wieder weg.

Diese Szene ist entscheidend. Bach erlebt einen Rückschlag – und gleichzeitig wächst sein Wille. Wissen wird ihm entzogen, aber der Prozess des Kopierens hat ihn bereits verändert. Er hat die Musik verinnerlicht, nicht nur gelesen. Verlust verwandelt sich in Antrieb. Diese Haltung wird sein Leben prägen: Hindernisse werden nicht als Ende erlebt, sondern als Aufforderung, mehr zu tun.

In Ohrdruf begegnet er vor allem den Chorälen der lutherischen Tradition. Ein Choral ist ein Gemeindelied, meist in einfacher Melodie, das im Gottesdienst von allen gesungen wird. Diese Melodien sind für die lutherische Frömmigkeit zentral: Sie verbinden Theologie, Gemeinde und Musik. Für Bach, ich denke das kann man so sagen, werden sie zum Fundament seines Denkens. Der Choral ist schlicht, aber voller Bedeutung. Eine klare Melodie, ein Text über Gnade, Trost, Vergänglichkeit usw. Indem er diese Choräle begleitet, variiert und improvisiert, lernt Bach, dass Musik eine Botschaft trägt. Sie dient nicht dem Applaus, sondern dem Glauben. Durch sie wird ebenfalls Gott gedient. Ich denke diese Erkenntnis wächst langsam in Bach, fast unmerklich und mündet in einer Einstellung zur Musik, in der Musik beginnt als Verkündigung zu verstehen.[3]

Mit fünfzehn Jahren verlässt Bach auch Ohrdruf. Der Weg nach Lüneburg ist weit, etwa 300 Kilometer zu Fuß. Gemeinsam mit seinem Freund Georg Erdmann macht er sich auf den Weg.[4] Mehrere Wochen sind sie unterwegs, schlafen in einfachen Herbergen, gehen täglich zwanzig bis dreißig Kilometer. Diese Reise ist nicht nur geografisch. Zwei junge Männer verlassen die Enge Thüringens und betreten eine größere Welt. In Lüneburg, einer Stadt mit etwa 12.000 Einwohnern, ist das Leben vielfältiger. Händler, Schüler, Musiker, Soldaten – alles wirkt offener, beweglicher.[5]

In der Michaelisschule wird Bach Chorsänger. Der Tagesablauf ist streng: Gebet am Morgen, Unterricht in Latein und Theologie, Chorproben, Gottesdienste. Er singt im Mettenchor, lernt Polyphonie, Kontrapunkt, neue Stile. Dann erlebt er den Stimmbruch. Die Stimme, mit der er bisher diente, verschwindet. Wieder ein Verlust, nach all den Verlusten bis zu dem Zeitpunkt. Wieder wird ihm der Halt genommen. Doch erneut verwandelt er den Verlust und die Haltlosigkeit in Antrieb und damit wird für mich eindeutig, dass der junge Bach bereits sehr tief religiös war und seinen eigentlichen Halt in Gott fand, als unvergänglicher Instanz, die ihn nicht im Stich lässt, die ihn nicht verlässt. Er wendet sich intensiver den Tasteninstrumenten zu. An der Stelle seiner Stimme werden Orgel und Cembalo zu seiner Sprache.

In Lüneburg entdeckt Bach auch neue musikalische Horizonte. Er hört den Organisten Georg Böhm, dessen Werke ihn prägen.[6] Böhm verbindet klare Choralmelodien mit kunstvollen Variationen. Bach erkennt, dass man die schlichte Gemeindemelodie in einen größeren Klangraum stellen kann.

Mit achtzehn Jahren erhält Bach seine erste Anstellung in Arnstadt. Er ist jung, voller Energie, verantwortlich für eine neue Orgel. Doch er spürt, dass er noch lernen muss. Mit zwanzig Jahren nimmt er Urlaub und reist zu Fuß nach Lübeck, etwa 400 Kilometer.[7] Sein Ziel ist der berühmte Organist Dieterich Buxtehude. Diese Reise ist ein Wagnis. Er bleibt länger als erlaubt, riskiert Kritik. Aber er folgt einem inneren Drang.

In Lübeck hört er die Abendmusiken, große geistliche Konzerte, die Musik und Predigt verbinden. Buxtehude improvisiert, verbindet Choräle mit freier Fantasie. Bach erlebt eine neue Dimension. Musik kann monumental sein und zugleich zutiefst religiös. Diese Erfahrung bestätigt, was er innerlich bereits ahnte: Musik ist definitiv ein Weg, Gott zu dienen.

Als er zurückkehrt, ist er verändert. Seine Spielweise wird komplexer, freier. Nicht alle verstehen ihn. Es kommt zu Spannungen, sogar zu der bekannten Auseinandersetzung mit dem Fagottisten Johann Heinrich Geyersbach. Der junge Bach verteidigt seine musikalischen Ansprüche leidenschaftlich. Diese Episode zeigt seine Entwicklung: Der stille Schüler ist ein junger Mann geworden, der für seine Überzeugungen einsteht. Auch die Verlängerung seines Aufenthaltes bei Buxtehude und die Tatsache, dass er damit seine Stelle riskiert, was oft erwähnt wird in der Bachforschung, wird als Nachweis für seine Bereitschaft gesehen für seine Überzeugungen einzustehen.

Nach meiner Ansicht vollzieht sich bei Bach zwischen zehn und dreiundzwanzig Jahren eine innere Reise. Verlust führt zur Suche nach Ordnung. Ordnung führt zur Arbeit. Arbeit führt zur Erkenntnis, dass Musik mehr ist als Klang. Jeder Rückschlag – der Tod der Eltern, das verbotene Notenbuch, der Stimmbruch, Kritik in Arnstadt – wird zum Antrieb. Bach hat schon in dieser Zeit eindeutig Halt in Gott gefunden und gelernt deshalb Halt nicht in äußeren Umständen zu suchen, sondern sucht lediglich einen zuverlässigen Weg zu dienen durch die Musik. Er sieht in der Struktur eines Chorals, in der Disziplin des Übens, in der Gewissheit, dass Musik eine höhere Aufgabe hat seine Weg wegen frühkindlicher Prägung im Elternhaus und so verbinden sich wohl in der Tiefe seiner Seele seine starke Verbindung zu Gott und seine musikalische Erziehung zu einer Art Vision seines Lebens.

So wächst in diesen Jahren ein Mensch heran, der seine Identität findet: nicht als Genie, sondern als Diener. Ein junger Mann, der begreift, dass Arbeit ihn trägt, dass Musik ihn ordnet und dass er durch diese Ordnung Gott dienen kann. Er fühlt die Größe seines Auftrags und sucht deshalb die Besten, um zu lernen, um sich zu entwickeln, um in der Lage sein zu können seinen Auftrag zu erfüllen. Seine spätere Größe beginnt exakt deshalb nicht im Ruhm, sondern in dieser stillen inneren Bewegung – in der Entdeckung, dass Sinn dort entsteht, wo Pflicht, Glaube und Musik einander tragen.

So beginnt seine dritte Phase des Lebens, die ich in meinem nächsten, dritten Text zu Bach, angehen werde.


Quellen
[1] Martin Geck, Johann Sebastian Bach. Leben und Werk, Reinbek 2000, 29–31.
[2] Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach: The Learned Musician, New York 2000, 33–35.
[3] Hans-Joachim Schulze, Die Bach-Familie, Leipzig 1984, 19–23.
[4] Peter Williams, J. S. Bach: A Life in Music, Cambridge 2007, 18–21.
[5] Michael Maul, Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche, Kassel 2015, 36–39.
[6] John Eliot Gardiner, Bach: Music in the Castle of Heaven, London 2013, 58–60.
[7] Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach, 68–72.

Das Huhn

Diesen Text schreibe ich demnächst auch auf Deutsch, für jetzt existiert nur die Version in serbischer Sprache.

Johann Sebastian Bach #1 - wie alles begann

Dies ist der erste von meinen insgesamt vier Texten zu Johann Sebastian Bach. In jedem geht es um meine Perspektive auf eine Phase seines Lebens, in diesem ersten Text geht es um seine Kindheit und frühe Jugend. Ich setze dieses philosophische Projekt um während ich am wunderbar organisierten Bachfest der Internationalen Bachakademie Stuttgart teilnehme.


Über Johann Sebastian Bach zu sprechen heißt oft, über Größe zu sprechen – über ein Werk, das größer geworden ist als sein Urheber. Doch jede Größe hat eine Herkunft. Und im Falle Bachs liegt diese Herkunft nicht im Mythos des Genies, sondern in der stilleren, strengeren Welt einer musikalischen Ordnung, die ihn von Kindheit an umgab und formte.

Johann Sebastian Bach wurde am 21. März 1685 in Eisenach geboren – als jüngstes von acht Kindern des Stadt- und Hofmusikus Johann Ambrosius Bach und seiner Frau Maria Elisabeth, geb. Lämmerhirt.[1] Er wurde nicht in eine Welt der Kunst geboren, sondern in eine Welt des Könnens, des Handwerks. Die Familie Bach war über Generationen hinweg eine Musikerfamilie, deren Mitglieder als Stadtpfeifer, Organisten und Kantoren tätig waren. Musik war hier kein Ausdruck individueller Innerlichkeit im modernen Sinne, sondern ein Beruf, ein Dienst, ein Handwerk – gebunden an Kirche, Stadt und Hof.[2]

Diese Differenz ist entscheidend. Bach entstammt keiner romantischen Künstlerbiographie, sondern einer Zunftstruktur. Der Musiker war Teil einer sozialen Ordnung; seine Aufgabe war es, zu funktionieren, zu tragen. Gerade deshalb war das Haus Bach kein Ort kontemplativer Abgeschiedenheit, sondern ein Arbeitsraum. Lehrlinge lebten im Haushalt, Instrumente waren Werkzeuge, Proben Teil des Alltags.[3] Musik war nicht das Außergewöhnliche – sie war das Normale.

Als jüngstes Kind trat Johann Sebastian in eine bereits geformte Welt ein. Seine älteren Geschwister – Johann Christoph, Johann Balthasar, Johann Jonas, Maria Salome, Johanna Juditha und Johann Jacob – bildeten nicht nur eine Familie, sondern ein Gefüge von Stimmen, Rollen und Vorbildern.[4] In einem solchen Haushalt wird man nicht Musiker, indem man sich dafür entscheidet. Man wächst hinein.

Doch diese Ordnung war früh von Brüchen durchzogen. Noch im Jahr seiner Geburt starb sein Bruder Johann Jonas (1685); ein Jahr später folgte der Tod seiner Schwester Johanna Juditha (1686).[5] 1691, im Alter von sechs Jahren, verlor Bach seinen Bruder Johann Balthasar.[6] Diese Verluste sind nicht bloß biographische Randnotizen. Sie markieren eine Kindheit, in der Vergänglichkeit nicht abstrakt, sondern konkret erfahrbar war. Die Familie bestand nicht nur aus den Lebenden, sondern auch aus den Abwesenden, deren Namen blieben. Man sollte diese Erfahrungen nicht psychologisieren, wenn man an den jungen Johann Sebastian denkt, aber ins Bewusstsein rücken, dass er in einer anderen Zeit und Gesellschaft aufwuchs, in der Familie und Arbeit oft ein und dasselbe waren, neue Generationen von Könnern von früh auf regelrecht gezüchtet wurden und in welcher der Tod von Kindern zum Familienleben dazu gehörte. Jeder Tod eines nahen Familienmitglieds hinterließ natürlich Narben und Johann Sebastian als Kind erlebte nicht wenige von diesen.

Der tiefste Einschnitt erfolgte 1694 mit dem Tod der Mutter.[7] Maria Elisabeth Bach war nicht nur Bezugsperson, sondern das ordnende Zentrum eines komplexen Haushalts. Ihr Tod bedeutete mehr als Trauer – er bedeutete den Verlust der inneren Stabilität. Der Vater heiratete noch im selben Jahr erneut, was weniger als emotionale Entscheidung denn als soziale Notwendigkeit zu verstehen ist. Ein Haushalt dieser Größe konnte in der Zeit anders nicht funktionieren. [8]

Doch auch diese neue Ordnung hielt nicht lange. Am 20. Februar 1695 starb auch sein Vater, Johann Ambrosius Bach.[9] Johann Sebastian war zu diesem Zeitpunkt noch keine zehn Jahre alt – Vollwaise in einem Alter, in dem andere Kinder erst beginnen, die Welt zu begreifen.

Hier zeigt sich jedoch eine zweite, ebenso prägende Struktur: die Kontinuität der Familie. Bach wurde zusammen mit seinem Bruder Johann Jacob nach Ohrdruf aufgenommen, in das Haus seines älteren Bruders Johann Christoph, der dort als Organist wirkte.[10] Dieser übernahm nicht nur die Vormundschaft, sondern auch die musikalische Ausbildung.

Damit setzte sich etwas fort, das für die Familie Bach konstitutiv war: die Weitergabe von Musik als innerfamiliäre Pflicht. Das Kind verlor seine Eltern, aber nicht seine Ordnung. Es trat in eine neue Form derselben ein.

Vielleicht liegt genau hier der Schlüssel zum Verständnis dieser frühen Jahre. Bachs Kindheit in Eisenach war keine idyllische Klanglandschaft, sondern eine Verbindung aus Struktur und Verlust, aus Handwerk und Endlichkeit. Er lernte früh, dass Musik nicht aus der Freiheit entsteht, sondern aus Bindung; nicht aus der Laune, sondern aus der Form.

Und ebenso lernte er, dass diese Form nicht vor dem Verlust schützt.

In dieser Spannung – zwischen Ordnung und Vergänglichkeit – beginnt etwas, das später in seiner Musik zur Vollendung kommt. Seine Werke wirken nicht wie spontane Äußerungen eines Inneren, sondern wie gebaute Räume. Räume, die tragen. Räume, die halten und Ordnung möglich machen im Angesicht der Vergänglichkeit. Vielleicht, weil ihr Urheber früh erfahren hat, dass das Leben selbst es nicht immer tut.

Wenn man also den jungen Johann Sebastian Bach in Eisenach betrachtet, dann sollte man ihn nicht als frühvollendetes Genie aus dem Nichts betrachten. Man sollte ihn sehen als das jüngste Kind eines Hauses, in dem Musik so selbstverständlich war wie Arbeit, Gebet und Pflicht; als Kind einer Familie, die Generationen von Musikern hervorbrachte, nicht weil sie den Ausnahmezustand des Genies suchte, sondern weil sie das musikalische Handwerk in den Alltag, in die Erziehung und in die Verwandtschaft eingeschrieben hatte; und als Kind, das früh mit Geschwistertod, Muttertod, Vatertod und erzwungener Übersiedlung in das Haus des älteren Bruders leben musste. Gerade darin liegt etwas Grundsätzliches über Bach: Seine Größe wuchs nicht gegen die Form, sondern aus ihr.

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lektionen seiner Eisenacher Kindheit: Dass das Höchste in der Musik nicht selten dort entsteht, wo Liebe, Ordnung, Verlust und Arbeit einander nicht ausschließen, sondern einander tragen?


Fußnoten

[1]: Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach: The Learned Musician (New York: W. W. Norton, 2000), 17–20.

[2]: Hans-Joachim Schulze, Die Bach-Familie (Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 1984), 9–25.

[3]: Philipp Spitta, Johann Sebastian Bach, Bd. 1 (Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1873), 35–40.

[4]: Martin Geck, Johann Sebastian Bach. Leben und Werk (Reinbek: Rowohlt, 2000), 21–23.

[5]: Klaus Eidam, Das wahre Leben des Johann Sebastian Bach (München: Piper, 1999), 34.

[6]: Peter Williams, J. S. Bach: A Life in Music (Cambridge: Cambridge University Press, 2007), 12.

[7]: John Eliot Gardiner, Bach: Music in the Castle of Heaven (London: Allen Lane, 2013), 45–47.

[8]: Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach, 24.

[9]: Martin Geck, Johann Sebastian Bach, 28.

[10]: Michael Maul, Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche (Kassel: Bärenreiter, 2015), 30–33.


Von der Harmonie der Saiten und der Dissonanz der Seelen: Ein Versuch über den inneren Frieden

Ich sitze an meinem Schreibtisch, noch erfüllt von den Klängen des heutigen Abends in der Stuttgarter Matthäuskirche. Es war mein zweiter Konzertbesuch im Rahmen dieses zweiten Internationalen Bachfests, das nun, nach seiner glanzvollen Premiere im letzten Jahr, bereits zu einem unverzichtbaren Ankerpunkt unserer Stadt geworden ist.

Man muss sich die Hingabe vor Augen führen, mit der die Musikerinnen und Musiker sowie das gesamte Organisationsteam der Internationalen Bachakademie hier am Werk sind. Ob in der Heimat Stuttgart oder auf den Reisen der Gaechinger Kantorei in die fernen Winkel der Welt: Was hier unter Aufbringung höchster Disziplin und harter Arbeit geleistet wird, ist nichts Geringeres als das Angebot einer der wertvollsten seelischen Bereicherungen, die es auf unserem Planeten überhaupt gibt. Es ist die Konstruktion von Ordnung aus dem Chaos, von Schönheit aus der Stille.

Doch während wir in der Geborgenheit dieser Qualität schwelgten, hallten in meinem Kopf die Worte von Kiya Tabassian nach, mit dem ich mich gerne nach dem Konzert ausgetauscht habe. Er sagte zu Beginn: „Persien ist eine sehr alte Zivilisation und braucht Freiheit.“ Ein Satz, der wie ein Mahnmal über dem Programm „Von Sachsen bis Persien“ schwebte. Denn während wir die Brücke zwischen Bach und dem persischen Mystiker Omar Khayyam feierten, brennt die Welt jenseits unserer Kirchenmauern.

Was sind wir für Wesen, wir Menschen? Wir sind fähig, mit unendlicher Mühe Kathedralen des Klangs zu errichten, während wir gleichzeitig mit technischer Kühle die physischen Fundamente unseres Lebens vernichten.

Betrachten wir die nackten, grausamen Zahlen in diesem März 2026: Im Iran zählen wir bereits über 1.444 Tote – manche Quellen sprechen gar von über 3.000, darunter fast 1.300 Zivilisten. Ein einziger Schlag in Minab löschte 165 Leben in einer Schule aus... Auf der israelischen Seite stehen bisher 19 Todesopfer. Jedes einzelne verlorene Leben ist ein verlorenes Leben zu viel, und doch zwingt sich hier die Frage nach der Diskrepanz auf? Die Politikwissenschaft erklärt es uns nüchtern: Es ist die Überlegenheit der Technik. Hier der „Iron Dome“ durch die vielschichtige, zuverlässige Verteidigungsorganisation, dort in vielem Chaos und Schutzlosigkeit.

Wir haben gelernt, uns fast perfekt zu verteidigen und uns gegenseitig fast perfekt zu töten – aber haben wir gelernt, nach all der Philosophie, den Religionen, dem Sport usw. usf., haben wir gelernt uns selbst zu beherrschen?

Montaigne schrieb einst: „Auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir doch nur auf unserem eigenen Hintern.“ Wir tragen auch unsere inneren Unruhen weiter in uns und natürlich auch nach außen. Ist nicht auch der Krieg zwischen Israel und dem Iran eine weitere großflächige Projektion jener Kämpfe, die wir in uns selbst führen – der Widerstreit zwischen der Angst und dem Vertrauen, zwischen dem zerstörerischen Trieb und dem schöpferischen Willen?

Die wahre Tragödie liegt darin, dass die Probleme meist nicht zwischen uns Menschen existieren, sondern in uns. Wenn die Zerstörungslust ein Teil unseres Wesens ist, wie können wir sie bändigen? Das Konzert heute Abend war eine Antwort: Es war eine Übung in Resonanz. Es bewies, dass die „Freiheit“, die Tabassian für Persien forderte, nicht nur die Freiheit von äußeren Ketten ist, sondern die Freiheit zur geistigen Begegnung.

Doch am Ende frage ich mich: Was weiß ich wirklich? Vielleicht ist unsere menschliche Kultur nur ein dünner Firnis über einem Abgrund. Aber solange manche Menschen bereit sind, so hart für die Schönheit zu arbeiten, wie es die Bachakademie tut, besteht die Hoffnung, dass wir irgendwann kollektiv lernen, die Saiten in uns so zu stimmen, dass sie nicht mehr zum Kriegsbogen gespannt werden.

Einreichung für den BW Kongress

Titel
Vom Sparen zum Investieren – und vom Investieren zum Sparen: Ressourceneffizienz in der Kreislaufwirtschaft schöpferisch denken

Kurzbeschreibung
„Nein“, antwortete Zarathustra, „ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich nicht arm genug.“
Nietzsche verweist damit auf eine entscheidende Unterscheidung: Handeln aus Mangel ist etwas anderes als Handeln aus Fülle. Diese Unterscheidung ist für Ressourceneffizienz zentral – denn wir scheitern selten an fehlendem Wissen, sondern an fehlender Haltung.

Kreislaufwirtschaft wird häufig als technisches System beschrieben. Doch ob sie gelingt, entscheidet sich im Menschen: in der Art, wie wir Verantwortung verstehen, wie wir führen, wie wir Grenzen setzen, wie wir in Familien und Organisationen über „mehr“ und „genug“ sprechen.

Genau hier setzt mein Vortrag an und schlägt eine dialektische Perspektive vor, die in Baden-Württemberg tief anschlussfähig ist: Schöpfen und Sparen gehören zusammen. Nicht Sparen statt Investieren, sondern Investieren so, dass Sparen möglich wird – und Sparen so, dass weiteres Gestalten möglich bleibt.

Ressourceneffizienz ist damit nicht Verzicht, sondern kluge Kapitalallokation: Wir investieren in langlebiges Design, Reparierbarkeit, Kreislauffähigkeit, Datenkompetenz, Resilienz – und erhalten dadurch materiellen Wert, Zeit, Energie und Handlungsspielräume.

Es gibt viele wichtige Ressourcen in der Kreislaufwirtschaft, aber keine ist so wichtig wie wir Menschen. Es ist merkwürdig sich Gedanken über sich selbst zu machen in Form von einer Ressource, aber ob wir es wollen oder nicht, wir alle sind Ressourcen. Und ich meine und alle, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Politiker und Wähler, Eigentümer und Mieter, Verkäufer und Kunden, Eltern und Kinder - wir alle sind füreinander Ressourcen. Unsere Urteilskraft, unsere Fähigkeit zum Maß, unsere Lern- und Kooperationsfähigkeit und natürlich unsere Identitäten spielen alle eine Rolle, sind alle wichtig, aber wie genau gehen wir miteinander um? Sind wir effizient, wenn wir uns gegenseitig als Ressourcen nutzen? Sparen wir unsere Nerven und die Nerven anderer, wenn wir uns gegenseitig nutzen und wie steht es mit dem Investieren? Investieren wir genug ineinander?

Wenn man in seine Mitmenschen investiert (Führung, Bildung, Kultur, psychologische Sicherheit), reduziert man dann Reibungsverluste, Fehlerkosten und Überlastung – oder erreicht man dies nur, wenn man sich und seine Mitmenschen spart?

Oder kommt es für die Zukunft und den Erhalt unserer Wohlstandsgesellschaft vielleicht doch auf einen dritten Weg an? Auf eine Synthese des Sparens und Investierens in uns selbst und unsere Nächsten?

Und seien wir ehrlich, ist nicht diese, urchristliche Botschaft der Liebe, im Kern unser Erfolgsmodell im Ländle? Wo wären wir ohne alle die Tüftler, Erfinder und Schöpfer wo ohne all die zurückhaltenden, denkenden Sparer?

Auf zu einer Kreislaufwirtschaft die auf der Ressourceneffizientesten Haltung basiert, der Haltung einer investierenden Sparsamkeit - oder was wünschen Sie sich für sich selbst und Ihre Nächsten?


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