2026

Auf dem Weg zu einem Europäischen Gesundheitsraum - Daten, KI, Bildung

Die Europäische Union sollte beim Gesundheitswesen langfristig größer denken.

Mit der EHDS-Verordnung (EU) 2025/327 schafft die Europäische Union erstmals einen gemeinsamen Rechtsrahmen für die Nutzung und den Austausch elektronischer Gesundheitsdaten. Mit MyHealth@EU existiert bereits eine Infrastruktur für grenzüberschreitende elektronische Rezepte und Patientenkurzakten; mit HealthData@EU entsteht eine Infrastruktur für die Sekundärnutzung von Gesundheitsdaten für Forschung, Innovation und öffentliche Aufgaben.

Doch der European Health Data Space sollte nicht als Endpunkt verstanden werden. Er kann die Grundlage für einen zunehmend vernetzten Europäischen Gesundheitsraum bilden.

Ein deutscher Tourist in Spanien sollte nicht aus dem Gedächtnis erklären müssen, welche Medikamente er einnimmt. Eine polnische Studentin in Frankreich sollte ihre wichtigsten Gesundheitsinformationen unkompliziert verfügbar machen können. Und ein italienischer Arzt, der einen schwedischen Patienten behandelt, sollte auf verlässliche und verständliche medizinische Informationen zurückgreifen können. Die Richtlinie 2011/24/EU über Patientenrechte in der grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung hat dafür bereits eine wichtige rechtliche Grundlage geschaffen.

Der nächste große Entwicklungsschritt betrifft die künstliche Intelligenz.

Mit dem AI Act, der Verordnung (EU) 2024/1689, hat Europa bereits einen gemeinsamen regulatorischen Rahmen für künstliche Intelligenz geschaffen. Die politische Aufgabe besteht nun darin, die Entwicklung des EHDS mit den Möglichkeiten der KI zu verbinden. Gesundheitsdaten sollten nicht lediglich transportiert und gespeichert werden. Unter klaren Regeln zu Sicherheit, Datenschutz und Verantwortung sollten sie dazu beitragen, Diagnostik, Prävention, Forschung und Versorgung zu verbessern.

Hinzu kommt eine dritte Dimension, die häufig unterschätzt wird: Bildung und Gesundheitsberufe.

Mit der Richtlinie 2005/36/EG über die Anerkennung von Berufsqualifikationen erleichtert die Europäische Union bereits die berufliche Mobilität zwischen den Mitgliedstaaten. Langfristig sollte darauf aufgebaut werden: durch eine stärkere Vernetzung von Ausbildung und Weiterbildung, gemeinsame Fortbildungsangebote, vergleichbarere digitale Kompetenzen und einen intensiveren Austausch zwischen Ärztinnen und Ärzten, Pflegekräften, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Forschenden und anderen Gesundheitsberufen.

Ein gemeinsamer Datenraum allein schafft noch keinen gemeinsamen europäischen Gesundheitsraum. Auch die Menschen, die in den Gesundheitssystemen arbeiten, müssen stärker voneinander lernen und grenzüberschreitend zusammenarbeiten können.

Das Ziel sollte dabei kein zentralistisch organisiertes europäisches Gesundheitssystem sein. Nach den europäischen Verträgen behalten die Mitgliedstaaten wesentliche Verantwortung für Organisation und Finanzierung ihrer Gesundheitssysteme. Nationale und regionale Unterschiede sind legitim und wertvoll.

Doch Vielfalt schließt eine stärkere europäische Integration nicht aus.

Gesundheitsdaten, künstliche Intelligenz und Bildung sollten deshalb gemeinsam gedacht werden. Langfristig sollte sich jeder Mensch in Europa medizinisch sicher, verstanden und gut versorgt fühlen können – unabhängig davon, ob er in einem anderen europäischen Land lebt, arbeitet, studiert oder sich dort lediglich vorübergehend aufhält.

Damit würde die Idee einer Europäischen Gesundheitsunion konkrete Bedeutung erhalten: nicht durch die Abschaffung nationaler Gesundheitssysteme, sondern durch die schrittweise Entstehung eines europäischen Gesundheitsraums, in dem Grenzen für Patientinnen, Patienten und Gesundheitsberufe immer weniger ins Gewicht fallen.

Die FDP ist Tod? Nein, sie kann nicht sterben, denn ein Phönix stirbt nie.

Dies ist ein Brief an meine liberalen Parteifreundinnen und Parteifreunde in Verbindung mit meiner Kandidatur für das Präsidium des Landesvorstands der FDP Baden-Württemberg.


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Liebe Parteifreundinnen, liebe Parteifreunde,

wir stehen in Balingen nicht vor einer gewöhnlichen Vorstandswahl. Wir stehen vor den Trümmern einer Epoche, mit verbrannter Asche in den Händen. Zum zweiten Mal in der neueren Geschichte sind die Liberalen aus dem Parlament geflogen und als das geschah, trat ich in ein. Wer vor Ihnen jetzt glaubt, ein paar neue Plakate und die alten Phrasen würden unsere FDP retten, hat die Tragik der Lage nicht begriffen.

Der weltweit bekannte deutsche liberale Denker Max Weber, dessen Werke ich in London studierte, sprach vom „stahlharten Gehäuse der Hörigkeit“ – einem bürokratischen Staat, der den Bürger erstickt und ihm die Luft zum Atmen, zur sprituellen und individuellen Freiheit nimmt. Er hat sehr viel Gutes geleistet als Liberaler in Deutschland, aber genau ihm misslang es die Zerstörungslust im Menschen zu verstehen und er schrieb den Artikel 48 ins Grundgesetz, der später derb missbraucht wurde. Wir kennen heute aber die Zerstörungslust und auch sehen wir im Jahr 2026, was in unserem Land geschieht. Die ausufernde Bürokratie, der lähmende Steuerstaat, das tiefe Misstrauen gegen nahezu jeden, der etwas aufbauen will, den radikal werdenden, opportunistischen und Ideenlosen Nationalismus – das ist der Chaos im stahlharten Gehäuse unserer Gegenwart.

Ich bin nun unter Ihnen, als ein Liberaler unter vielen, nicht nur, weil ich an unsere Ideen glaube, sondern weil ich diesen noch tatkräftiger beitragen will. Die Liberalen dürfen sich nicht länger aufreiben lassen. Wir werden gemeinsam lernen, unsere Prinzipien klug mit Realpolitik zu verbinden, denn das ist möglich. Wir müssen dafür nur eine Sache tun: diesen Moment des tiefen Einschnitts annehmen – um aus der Asche, wie ein Phönix, gemeinsam mit neuem Feuer aufzuerstehen.

Mein Name ist Milutin Stanisavljević. Ja, dieser Name klingt nicht nach altwürttemberger Honoratioren. Aber mein Name und meine Biografie stehen für das reinste, unverfälschte Versprechen des Liberalismus. Mein Vorname bedeutet „der Sanfte“, mein Nachname „der Ruhmerzeuger“, ich habe sie nicht gewählt, aber bin bemüht beiden gerecht zu werden.

Als 13-Jähriger versteckte ich mich im Keller vor NATO-Bomben, die auf Serbien fielen. Wenige Tage nach unserer Flucht nach Deutschland sah ich im Fernsehen in Stuttgart, wie eine Bombe 50 Meter neben unserem Familienhaus einschlug. Ich weiß, was Traumata sind. Ich weiß aber auch, wie man sie überwindet. Ich habe mein Abitur am Schickhardt-Gymnasium Stuttgart abgelegt, in London Politik und in Erlangen Philosophie studiert. Ich habe insgesamt 20 Jahre auf internationaler und 10 Jahre auf Bundesebene gearbeitet und theoretisch, wie praktisch gelernt, Systeme zu analysieren, Konflikte zu verstehen, aber auch Aufbrüche und Aufbau. Ich habe gelernt: Freiheit ist kein Geschenk des Staates, sondern das Fundament der Menschenwürde.

Schon während eines Schüleraustauschs in den USA habe ich die amerikanische Marktliebe erforscht. Seither wirkte ich auch selbst auf dem Markt und trug das unternehmerische Risiko. Mit meinem Projekt „Kindern lernen Markt“ habe ich ein philosophisch-politisches Wirtschaftskonzept entwickelt, das Kindern die Soziale Marktwirtschaft durch direkte Praxiserfahrung nahebringt. Nach einem erfolgreichen Piloten bereite ich nun die wissenschaftliche Absicherung vor, um das Konzept an Schulen im In- und Ausland zu bringen.

Als Schöffe am Amtsgericht kenne ich den Wert der Justiz. Sie trennt die Spreu vom Weizen – nicht nach Hautfarbe, Religion oder Herkunft. Sie unterscheidet streng meritokratisch nach dem menschlichen Verhalten: Trägt jemand zu unserer Gesellschaft bei oder schädigt er sie? Beitragendes Verhalten wird belohnt, schädigendes sachgerecht bestraft. Diese gelebte, auf Menschenwürde basierende Meritokratie habe ich hier in Baden-Württemberg gelernt. Nicht in England, nicht in den USA. Hier lernte ich, dass das Individuum auf dem Prüfstein steht und nicht verschiedene Kollektive. Jede erfolgreiche Organisation und Gesellschaft ist deshalb erfolgreich, weil sie schädigendes Verhalten eingrenzt, während sie beitragendes Verhalten belohnt. So bleibt die Menschenwürde in Takt, denn jeder Mensch kann lernen, sein Verhalten zu ändern.

Der deutsche Liberalismus blieb immer dann in der Hoffnung zurück, wenn er als Partei abgehobener Eliten wahrgenommen wurde. Theodor Heuss hat nach 1945 gezeigt, wie es anders geht: Er ging als „Papa Heuss“ zu den Menschen, hörte zu und erdete die Freiheit im Alltag der Bürger. Viele von uns sind Papas und Mamas zu Hause, wir erziehen und bilden unsere Kinder, meine Gattin und ich haben alleine an der Front schon sehr viel zu tun, als Eltern von nicht zwei, nicht drei, sondern vier Kindern.

Wir müssen jetzt aber, wie Heuss einst, auch unter die Menschen! Wir werden zum Phönix nur wenn wir die Partei der Schöpfer und Aufsteiger werden. Wir müssen den Kreisverbänden, dem Handwerk, dem Mittelstand und den Gründern zeigen: Wir sind eure Stimme gegen die Bevormundung. Wir wollen auf Augenhöhe arbeiten, nicht beherrschen. Mit Künstlicher Intelligenz können wir die Bürokratie jetzt massiv reduzieren und unsere Gesellschaft wieder in eine humane Leistungsgesellschaft verwandeln.

Denn eines ist klar: Wird Deutschland einfach zum Land der Erben, so wird Deutschland ST-ERBEN!

Liebe Freundinnen und Freunde, niemand hat je mit einem Text und einer Rede alles adressiert und gelöst, darum geht es gar nicht. Wir adressieren und lösen Dinge gemeinsam. Dafür müssen wir jetzt zuerst aber das Gehäuse der Agonie aufbrechen. Haben wir den Mut, uns neu aufzustellen – intellektuell geschärft, prinzipientreu und unbestechlich. Ich wiederhole - intellektuell geschärft, prinzipientreu und unbestechlich!

Überall wo Menschen bereit sind zivilisiert zu streiten für die Freiheit, dort lebt der Liberalismus und dort wird er leben.

Deshalb noch etwas, meine liberalen Freundinnen und Freunde: Lernt verdammt noch mal meinen vollen Namen: Milutin Stanisavljević. Gebt euch den Ruck! Wer Neues lernt, bleibt jung. Vielleicht stimmt es, dass viele Menschen bis zum Tod dasselbe denken und dann sterben. Die Liberalen gehören aber definitiv nicht zu solchen Menschen, nein!


Baden-Württemberg – Heimat und Weltoffenheit unter einem Dach.

Wie konnte ein Land mit außergewöhnlich starken lokalen und regionalen Bindungen zugleich zu einem der internationalsten Wirtschafts-, Wissenschafts- und Lebensräume Europas werden?

Wer Baden-Württemberg von außen betrachtet, könnte zunächst einen Widerspruch sehen. Kaum irgendwo werden Herkunft, Region und Ort so selbstverständlich gepflegt: Badener bleiben Badener, Schwaben Schwaben, Kurpfälzer Kurpfälzer; Dialekte werden nicht nur gesprochen, sondern gehören zum Selbstverständnis, Vereine, Gemeinden, Kirchen, Feste und lokale Traditionen strukturieren vielerorts noch immer das gesellschaftliche Leben. Und gleichzeitig ist dieses Land in einem erstaunlichen Maße nach außen gerichtet. Seine Unternehmen verkaufen Maschinen, Autos, Medikamente und Technologien in die ganze Welt, seine Hochschulen und Forschungsinstitute ziehen Menschen aus vielen Ländern an, und Millionen seiner heutigen Einwohner oder ihrer Familien kamen selbst von anderswo.

Vielleicht liegt das Besondere Baden-Württembergs gerade darin, dass diese beiden Seiten keine Gegensätze geworden sind. Heimat und Weltoffenheit haben sich hier nicht gegenseitig verdrängt. Sie haben sich verbunden und entwickeln sich spiralförmig weiter.

Dabei ist schon die Vorstellung einer uralten baden-württembergischen Heimat historisch bemerkenswert. Baden-Württemberg ist jünger als die Bundesrepublik. Nach dem Zweiten Weltkrieg war der deutsche Südwesten in Baden, Württemberg-Baden und Württemberg-Hohenzollern geteilt. Erst eine heftig umstrittene Volksabstimmung führte zur Vereinigung; am 25. April 1952 entstand das neue Bundesland. In Südbaden hatten sich zuvor mehr als 62 Prozent für die Wiederherstellung des alten Baden ausgesprochen. Der Widerstand verschwand auch nach der Landesgründung nicht. Erst bei einer erneuten Abstimmung 1970 votierten knapp 82 Prozent der badischen Bevölkerung für den Verbleib im gemeinsamen Land. Baden-Württemberg ist damit das einzige heutige deutsche Bundesland, dessen Entstehung unmittelbar auf eine Volksabstimmung zurückgeht.

Das ist mehr als eine historische Kuriosität. Es erklärt etwas vom Charakter dieses Landes. Baden-Württemberg entstand nicht dadurch, dass seine älteren Identitäten ausgelöscht wurden. Es entstand über ihnen. Baden und Württemberg, Hohenlohe und Kurpfalz, Schwarzwald und Bodensee, Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim, Freiburg, Heidelberg, Ulm und zahllose kleinere Städte und Gemeinden mussten nicht aufhören, sie selbst zu sein, damit ein gemeinsames Land entstehen konnte.

Vielleicht beginnt hier bereits die Antwort auf unsere Ausgangsfrage. Heimat muss nicht bedeuten, dass alle gleich sind. Heimat kann auch ein Raum sein, in dem Menschen verschieden verwurzelt sind und trotzdem etwas Gemeinsames bilden.

Politisch zeigt sich dieses Prinzip besonders stark im Lokalen. Baden-Württemberg ist kein Land, dessen gesellschaftliches Leben ausschließlich von Stuttgart aus organisiert wird. Vieles geschieht in Gemeinden, Vereinen, Feuerwehren, Kirchengemeinden, Sportvereinen, Kulturinitiativen und Ehrenämtern. Rund 41 Prozent der Bürgerinnen und Bürger sind nach Angaben des Landes bürgerschaftlich engagiert, meist unmittelbar vor Ort. Kommunale Selbstverwaltung ist deshalb nicht bloß eine Verwaltungsform; sie gehört zur politischen Kultur des Landes.

Dass politische Kultur dennoch nicht statisch ist, zeigte ausgerechnet einer der heftigsten Konflikte der jüngeren Landesgeschichte. Die Proteste um Stuttgart 21 wurden zu einer Erfahrung darüber, was geschieht, wenn ein Teil der Bevölkerung den Eindruck gewinnt, politische und administrative Entscheidungen seien von ihm zu weit entfernt. Daraus entwickelte die Landesregierung ab 2011 die „Politik des Gehörtwerdens“ und baute neue Formen der Bürgerbeteiligung aus. Man muss deren konkrete Ausgestaltung nicht in jedem Punkt teilen, um darin etwas Charakteristisches zu erkennen: Auch politische Heimat muss immer wieder neu hergestellt werden.

Noch auffälliger wird der scheinbare Gegensatz von Heimat und Welt, wenn man auf die Wirtschaft blickt. Baden-Württemberg besitzt eine Wirtschaftsstruktur, die zugleich lokal verwurzelt und global abhängig ist. Neben international bekannten Großunternehmen steht eine enorme industrielle und mittelständische Landschaft. Mehr als 1,4 Millionen Menschen arbeiten in der Industrie; knapp 30 Prozent der Bruttowertschöpfung entstehen im produzierenden Gewerbe. Maschinenbau, Fahrzeugbau und Elektrotechnik dominieren, und in diesen Branchen wird ein großer Teil der Produktion im Ausland verkauft. 2025 exportierten Unternehmen aus Baden-Württemberg Waren im Wert von rund 241 Milliarden Euro.

Das Interessante daran ist nicht allein die Größe dieser Zahlen. Es ist die Geographie dahinter. Ein Unternehmen kann in einer vergleichsweise kleinen Stadt oder Gemeinde sitzen, seine Geschichte über Generationen mit einem Ort verbunden sein und dennoch Kunden, Zulieferer und Mitarbeiter auf mehreren Kontinenten haben. Das Lokale und das Globale begegnen einander hier nicht erst am Flughafen Stuttgart. Sie begegnen einander in Werkhallen, Laboren und Familienunternehmen.

Und dahinter steht eine ältere kulturelle Haltung: Probleme werden nicht nur diskutiert, sondern zerlegt, vermessen, konstruiert und – wenn möglich – gelöst. Aus dem Südwesten kamen Carl Benz und Gottlieb Daimler; Robert Bosch verband technische Innovation später ausdrücklich mit unternehmerischer und gesellschaftlicher Verantwortung. Doch die wichtigere Geschichte besteht nicht in einer Ahnenreihe berühmter Erfinder. Sie besteht darin, dass aus Erfinden eine Infrastruktur geworden ist.

2023 wurden in Baden-Württemberg 5,7 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung für Forschung und Entwicklung aufgewendet – gegenüber 3,2 Prozent in Deutschland und 2,13 Prozent in der Europäischen Union. Das Land gehört damit zu den forschungsintensivsten Regionen Europas. Universitäten, Hochschulen, Unternehmen und außeruniversitäre Einrichtungen bilden ein Forschungsnetz, das weit über die Landesgrenzen hinausreicht.

Eine besondere Ausprägung dieser Verbindung von Wissenschaft, Wirtschaft und gesellschaftlicher Verantwortung findet sich im Gesundheitsbereich. Baden-Württemberg verfügt mit Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm über vier Universitätsklinika, die Krankenversorgung auf höchstem Niveau mit Forschung und medizinischer Ausbildung verbinden. Hinzu kommt die Medizinische Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg mit dem Universitätsklinikum Mannheim sowie das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit. Die vier Landesuniversitätsklinika allein verfügen über rund 6.900 Betten, behandeln jährlich mehr als 250.000 Menschen stationär und rund 1,5 Millionen ambulant und beschäftigen etwa 33.000 Menschen. Rund 18.000 Medizinstudierende werden im Land ausgebildet.

Aber auch hier ist die eigentliche Stärke nicht die Zahl der Krankenhäuser. Sie liegt in der Verbindung von Behandlung, Forschung, Lehre und wirtschaftlicher Innovation. Baden-Württemberg ist an zahlreichen Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung beteiligt: von Krebs und Infektionskrankheiten über Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen bis zu Diabetes und neurodegenerativen Erkrankungen. In Heidelberg befindet sich außerdem das Deutsche Krebsforschungszentrum; das Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum gehört zu den international herausragenden Einrichtungen seiner Art.

Um diese wissenschaftliche Medizin herum ist eine bedeutende Gesundheitsindustrie entstanden. Pharmazeutische Unternehmen, Medizintechnik und Biotechnologie bilden eine weitere Seite des Wirtschaftsstandorts. Eine Analyse für das Land bezifferte allein für 2021 die Bruttowertschöpfung der Humanarzneimittel auf 6,5 Milliarden Euro, der Medizintechnik auf 4,1 Milliarden und der Biotechnologie auf 3,3 Milliarden Euro. Rund 43.600 Menschen arbeiteten danach im Bereich Humanarzneimittel, 49.300 in der Medizintechnik und 22.200 in der Biotechnologie.

Hier zeigt sich Baden-Württemberg vielleicht besonders deutlich als Lebensraum, der zugleich Heimat und Teil einer internationalen Wissensgemeinschaft ist. Ein Patient aus der Region kann in einer Klinik behandelt werden, in der Wissenschaftler aus aller Welt forschen; eine dort entwickelte Therapie kann später Menschen auf anderen Kontinenten helfen. Forschung wird dann nicht nur zum Standortfaktor. Sie wird zu einer Form der Verantwortung.

Und die Zukunft dieser Stärke wird davon abhängen, ob Baden-Württemberg Medizin, Biotechnologie, Medizintechnik, Digitalisierung und künstliche Intelligenz noch enger zusammenführen kann. Das Land hat dafür ungewöhnlich viele Bausteine bereits an einem Ort: Patientenversorgung, Universitätsmedizin, Grundlagenforschung, industrielle Entwicklung und einen starken Mittelstand. Diese Verbindung sollten wir nicht lediglich verwalten. Wir sollten sie ausbauen.

Gerade hier wäre es allerdings falsch, aus einem Porträt eine Hymne zu machen. Das Wirtschaftsmodell, das Baden-Württemberg reich gemacht hat, steht heute selbst unter Druck. 2025 sank die reale Wirtschaftsleistung um 0,6 Prozent; es war das dritte Rezessionsjahr in Folge. Besonders die Industrie leidet. Automobilwirtschaft und Maschinenbau stehen gleichzeitig vor Digitalisierung, künstlicher Intelligenz, Transformation der Antriebe, chinesischer Konkurrenz, hohen Kosten und geopolitischen Veränderungen.

Vielleicht wird sich gerade jetzt zeigen, ob das viel beschworene „Tüftlerland“ eine lebendige Wirklichkeit oder nur noch eine freundliche Erinnerung an vergangene Erfolge ist. Tradition besitzt nämlich nur dann Zukunft, wenn sie sich verändern kann. Man kann auf Carl Benz stolz sein und trotzdem wissen, dass Carl Benz heute etwas Neues erfinden müsste.

Noch deutlicher wird die Verbindung von Heimat und Weltoffenheit bei den Menschen selbst. Baden-Württemberg hat heute mehr als 11,2 Millionen Einwohner – über vier Millionen mehr als bei seiner Gründung. Mehr als drei Viertel dieses Bevölkerungswachstums gehen auf Zuwanderung zurück. Nach dem Krieg kamen Vertriebene und Flüchtlinge, später sogenannte Gastarbeiter, Arbeitskräfte aus anderen Teilen Deutschlands, Bürgerkriegsflüchtlinge, Menschen aus Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung und schließlich neue Zuwanderer aus Europa und der ganzen Welt. 2024 hatten rund 3,55 Millionen Einwohner einen Migrationshintergrund, knapp ein Drittel der Bevölkerung.

Das verändert den Begriff Heimat.

Wenn Heimat nur bedeuten würde, dass diejenigen dazugehören, deren Vorfahren seit Jahrhunderten am selben Ort leben, wäre das heutige Baden-Württemberg ohne einen erheblichen Teil seiner Bevölkerung zu denken. Auch wirtschaftlich wäre es ohne die Menschen, die hierhergekommen sind, kaum das Land geworden, das es heute ist. Weltoffenheit ist deshalb nicht lediglich eine moralische Selbstbeschreibung. Sie gehört zur Biographie des Landes.

Die interessante Frage lautet dann nicht, ob Baden-Württemberg Heimat oder Einwanderungsland ist. Es ist beides. Die schwierigere Aufgabe besteht darin, aus Ankommen Zugehörigkeit entstehen zu lassen. Dazu gehört auch eine Erwartung an diejenigen, die kommen: Heimat entsteht nicht allein dadurch, dass man irgendwo wohnt. Sie entsteht durch Sprache, Beziehungen, Arbeit, Nachbarschaft, Verantwortung, Teilnahme und die Bereitschaft, etwas vom Gemeinsamen mitzutragen. Ebenso braucht es die Bereitschaft derjenigen, die schon da sind, Zugehörigkeit nicht auf Abstammung zu reduzieren.

Vielleicht ist gerade das ein zeitgemäßer Heimatbegriff: Heimat ist nicht nur das, was wir erben. Heimat ist auch das, woran wir gemeinsam weiterbauen.

Auch kulturell lässt sich Baden-Württemberg kaum auf ein einziges Zentrum reduzieren. Mehr als 1.200 Museen und museale Einrichtungen verteilen sich über das Land; neben international bekannten Häusern in Stuttgart und Karlsruhe existieren Freilicht-, Regional- und Heimatmuseen, viele davon ehrenamtlich getragen. Theater, Orchester, Musikhochschulen, Festivals und freie Kultur finden sich nicht nur in der Landeshauptstadt. Gleichzeitig bestehen Fasnet, Trachten, Prozessionen, Dialekte, Handwerkstraditionen und lokale Feste fort.

Das ist vielleicht kulturell das Bemerkenswerteste: Ein Ballett von internationalem Rang und die örtliche Fasnet müssen sich nicht gegenseitig erklären. Ein Forschungsinstitut mit Wissenschaftlern aus aller Welt und ein schwäbischer oder alemannischer Dialekt können wenige Kilometer voneinander entfernt existieren. Hochkultur, Volkskultur, Wissenschaft, Industrie und Einwanderung bilden keine widerspruchsfreie Einheit – aber eine erstaunlich dichte Landschaft.

Und möglicherweise liegt genau darin das Missverständnis, das wir überwinden sollten. Weltoffenheit ist nicht das Gegenteil von Verwurzelung.

Wer Weltoffenheit mit der Auflösung aller Unterschiede verwechselt, macht die Welt am Ende ärmer. Wir müssen nicht überall dasselbe essen, dieselben Feste feiern, dieselben Dialekte sprechen und dieselben Geschichten erzählen, um miteinander leben zu können. Umgekehrt wird Heimat gefährlich, wenn aus Liebe zum Eigenen die Geringschätzung des Fremden entsteht. Zwischen diesen beiden Irrtümern liegt ein weiter Raum.

Baden-Württemberg lebt seit seiner Gründung in diesem Raum.

Das Land selbst entstand aus Verschiedenheit. Seine wirtschaftliche Stärke entstand aus Unternehmen, die häufig lokal verwurzelt waren und gerade deshalb den Weg auf die Weltmärkte suchten. Seine wissenschaftliche und medizinische Stärke lebt vom internationalen Austausch. Sein Bevölkerungswachstum wäre ohne Zuwanderung nicht denkbar. Seine politische Kultur wiederum bleibt auffallend stark an Gemeinden und bürgerschaftliche Strukturen gebunden.

Vielleicht ist Baden-Württemberg deshalb nicht trotz seiner Heimatverbundenheit weltoffen geworden. Vielleicht konnte es in wichtigen Teilen gerade aus einer starken Verwurzelung heraus nach außen gehen.

Das darf allerdings keine Selbstberuhigung sein. Ein Land, das von Exporten lebt, muss sich einer veränderten Weltwirtschaft stellen. Ein Land, das von Forschung lebt, darf Innovation nicht in Bürokratie ersticken. Ein Land mit einer derart starken medizinischen und gesundheitlichen Infrastruktur muss dafür sorgen, dass wissenschaftlicher Fortschritt auch bei den Menschen ankommt. Ein Land, dessen Wohlstand von Zuwanderern mit aufgebaut wurde, muss Zugehörigkeit ermöglichen und zugleich gemeinsame Regeln und Verantwortung einfordern. Und ein Land mit starken lokalen Traditionen muss darauf achten, dass aus Heimat keine geschlossene Tür wird.

Zur Heimat gehört aber auch Sicherheit. Ein Weihnachtsmarkt, eine Kirche, eine Synagoge, eine Moschee, ein Stadtfest oder eine politische Veranstaltung müssen Orte sein können, an denen Menschen ohne Angst zusammenkommen. Anschläge auf solche Orte greifen nicht nur einzelne Menschen an; sie greifen die Freiheit an, öffentlich miteinander zu leben. Baden-Württemberg muss deshalb gewaltbereiten Extremismus jeder Herkunft frühzeitig erkennen, seine Sicherheitsbehörden entsprechend ausstatten und dort konsequent eingreifen, wo Radikalisierung in Bedrohung und Gewalt umzuschlagen droht. Dabei gelten Rechtsstaat und Grundrechte ohne Abstriche. Weltoffenheit bedeutet nicht Wehrlosigkeit. Wer in Baden-Württemberg friedlich leben, glauben, feiern und seine Meinung äußern will, soll geschützt werden. Wer andere einschüchtert oder Gewalt vorbereitet, muss wissen, dass dieses Land seine Freiheit verteidigt.

Baden-Württemberg ist erst 74 Jahre alt. Vielleicht ist gerade das eine gute Erinnerung daran, dass Heimat nicht immer uralt sein muss. Manchmal kann eine neue politische Ordnung entstehen, ältere Identitäten bestehen lassen, Millionen neue Menschen aufnehmen und trotzdem mit der Zeit selbst Heimat werden.

Heimat und Weltoffenheit sind dann keine Gegensätze. Heimat sagt, wo wir stehen. Weltoffenheit entscheidet, wie weit wir von dort aus sehen können.

Die EU lernt laufen?

Jedes Kind, das laufen lernt, fällt. Niemand käme deshalb auf die Idee, das Gehen für einen Irrtum zu halten. Wir verstehen intuitiv, dass Entwicklung aus Versuchen besteht, aus Gleichgewicht und Verlust des Gleichgewichts, aus Fortschritt, Überforderung, Korrektur und einem neuen Versuch. Merkwürdigerweise verlieren wir diese Gelassenheit häufig, sobald wir auf politische Gebilde schauen. Von ihnen erwarten wir, dass sie funktionieren, obwohl sie sich entwickeln; und wenn sie stolpern, erklären die einen sie für gescheitert, während die anderen so tun, als seien sie nie gefallen.

Vielleicht lohnt sich deshalb ein nüchterner Blick auf die Europäische Union: nicht als Heilsprojekt und nicht als bürokratischen Irrweg, sondern als eines der ungewöhnlichsten politischen Experimente auf dem europäischen Kontinent.

Ihr Anfang war bemerkenswert konkret. Nach zwei Weltkriegen begannen sechs Staaten nicht damit, eine europäische Identität zu verordnen, sondern damit, Kohle und Stahl – also gerade jene Industrien, ohne die Krieg kaum geführt werden konnte – gemeinsam zu verwalten. 1951 entstand die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, 1957 folgten die Römischen Verträge. Aus ehemaliger Feindschaft sollte organisierte gegenseitige Abhängigkeit werden. Das klingt heute technisch. Damals war es beinahe revolutionär.

Schon wenige Jahre später zeigte sich allerdings, dass gemeinsame Institutionen nationale Interessen nicht einfach verschwinden lassen. Frankreichs Politik des „leeren Stuhls“ legte 1965/66 die Gemeinschaft zeitweise lahm, weil Paris eine Ausweitung von Mehrheitsentscheidungen ablehnte. Der Luxemburger Kompromiss entschärfte die Krise – um den Preis einer stärkeren Rücksicht auf nationale Vetos. Das erste ernsthafte institutionelle Stolpern der Gemeinschaft zeigte damit bereits das Problem, das die Europäische Union bis heute begleitet: Wie viel Gemeinsamkeit verträgt nationale Souveränität, und wie viel nationale Souveränität verträgt gemeinsames Handeln?

Trotzdem ging es weiter. 1968 war die Zollunion vollendet. 1973 kamen Dänemark, Irland und das Vereinigte Königreich hinzu – ausgerechnet im Jahr einer Ölkrise, die den europäischen Kontinent wirtschaftlich schwer traf. 1979 durften die Bürger ihre Abgeordneten im Europäischen Parlament erstmals direkt wählen. Die Gemeinschaft wurde also gleichzeitig größer, demokratischer und verletzlicher gegenüber einer Welt, die sie nicht kontrollierte.

Die achtziger Jahre zeigen vielleicht besonders gut, wie aus Stagnation neuer Schwung entstehen kann. Griechenland, Spanien und Portugal traten nach dem Ende ihrer Diktaturen bei; die europäische Integration wurde damit auch zu einem Anker demokratischer Konsolidierung. Die Einheitliche Europäische Akte bereitete den Binnenmarkt vor, Erasmus begann 1987, junge Menschen quer durch die Mitgliedstaaten und über den europäischen Kontinent hinweg zusammenzubringen. Und 1989 fiel die Berliner Mauer. Ein Projekt, das in Westeuropa begonnen hatte, bekam plötzlich die Möglichkeit, einen erheblichen Teil der politischen Teilung des Kontinents zu überwinden.

Die neunziger Jahre wurden deshalb zu einer Zeit enormer Beschleunigung: Maastricht begründete 1993 formal die Europäische Union, der Binnenmarkt verwirklichte seine vier Freiheiten, Schengen ließ Grenzen zwischen immer mehr Mitgliedstaaten im Alltag verschwinden, und 1999 entstand der Euro zunächst als Buchwährung. Die Europäische Union war nun nicht mehr bloß ein Markt. Sie begann, Elemente einer gemeinsamen politischen Ordnung auszubilden.

Gerade dieser Erfolg erzeugte jedoch neue Probleme. Wer schnell wächst, kann seiner eigenen Entwicklung institutionell hinterherlaufen. 2004 traten zehn weitere Staaten bei, acht davon aus Mittel- und Osteuropa. Historisch war das vielleicht einer der größten Erfolge des europäischen Integrationsprojekts: Die nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg entstandene Teilung großer Teile des europäischen Kontinents wurde politisch weitgehend überwunden. Nur ein Jahr später lehnten jedoch die Bürger Frankreichs und der Niederlande den geplanten europäischen Verfassungsvertrag ab. Die Integration war weit vorangeschritten, aber offensichtlich nicht jede Vorstellung ihrer Vertiefung besaß dieselbe demokratische Zustimmung. Der Vertrag von Lissabon fand später einen anderen Weg für institutionelle Reformen.

Dann kam die Finanz- und Eurokrise. Sie war nicht bloß eine Wirtschaftskrise, sondern ein Test der Konstruktion selbst. Die Europäische Union hatte eine gemeinsame Währung geschaffen, ohne für alle daraus entstehenden Risiken eine ebenso entwickelte gemeinsame wirtschafts- und finanzpolitische Architektur zu besitzen. Die Krise machte Abhängigkeiten zwischen Banken, Staaten und Volkswirtschaften brutal sichtbar und führte unter anderem zum Europäischen Stabilitätsmechanismus und zur Bankenunion. 2012 stand zeitweise sogar die Zukunft des Euro zur Debatte; im selben Jahr erhielt die Europäische Union den Friedensnobelpreis. Selten lagen Anerkennung eines historischen Erfolgs und Zweifel an der Zukunft des Projekts so nah beieinander.

Kaum war diese Krise beherrschbarer, kam die nächste. Mehr als eine Million Menschen suchten 2015 in Mitgliedstaaten der Europäischen Union Asyl. Die Staaten reagierten sehr unterschiedlich, und die Krise legte offen, wie unvollständig eine Union ohne wirklich gemeinsame Asyl-, Grenz- und Migrationspolitik bleibt. 2016 folgte der Brexit: 52 Prozent der britischen Wähler stimmten für den Austritt. Zum ersten Mal wuchs die Union nicht, sondern verlor einen Mitgliedstaat. Wer behauptet, europäische Integration sei historisch zwangsläufig, sollte sich an diesen Moment erinnern. Sie ist es nicht.

Dann kam Corona. Grenzen, die für Millionen Bürger der Europäischen Union fast unsichtbar geworden waren, tauchten plötzlich wieder auf. Gesundheitspolitik erwies sich als nationale Kompetenz, während das Virus naturgemäß keinerlei Interesse an Zuständigkeiten zeigte. Doch aus der Krise entstand wiederum mehr gemeinsames Handeln: Die EU organisierte eine gemeinsame Impfstoffbeschaffung und beschloss das bis dahin größte aus dem EU-Haushalt finanzierte Konjunktur- und Aufbauprogramm. Zwei Jahre später zwang Russlands Angriff auf die Ukraine die Union abermals, in wenigen Monaten Entscheidungen über Sanktionen, Energie, Waffen, Flüchtlinge und Sicherheit zu treffen, die wenige Jahre zuvor kaum vorstellbar gewesen wären. Der Krieg kehrte damit in besonders brutaler Form auf den europäischen Kontinent zurück; er fand und findet jedoch nicht „in der EU“ statt, sondern in einem europäischen Staat außerhalb der Union, dessen Verhältnis zur EU gerade dadurch noch politischer geworden ist.

Darin erkenne ich ein Muster. Die Europäische Union entwickelt sich nicht trotz ihrer Krisen. Sie entwickelt sich häufig durch sie. Das ist keine Entschuldigung für schlechte Entscheidungen. Im Gegenteil: Manche Probleme entstanden gerade deshalb, weil Integration schlecht konstruiert, zu langsam, zu schnell oder zu weit entfernt von den Bürgern vorangetrieben wurde. Wachstum ist schließlich nicht dasselbe wie Reife.

Heute steht die Europäische Union deshalb wieder an einem solchen Punkt. Die Frage lautet nicht mehr hauptsächlich, ob wir miteinander Handel treiben oder ohne Passkontrolle nach Frankreich fahren können. Die Welt um sie herum ist härter geworden. Auf dem europäischen Kontinent herrscht Krieg, die Vereinigten Staaten richten ihre Interessen neu aus, China ist wirtschaftlicher und technologischer Konkurrent, künstliche Intelligenz verändert Industrien, und die eigene Wettbewerbsfähigkeit der EU steht unter Druck. Der Draghi-Bericht hat die Innovationslücke, die Aufgabe einer wettbewerbsfähigen Dekarbonisierung und gefährliche strategische Abhängigkeiten als zentrale Herausforderungen benannt. Die EU selbst stellt deshalb für die Jahre 2024 bis 2029 drei Ziele nebeneinander: ein freies und demokratisches, ein starkes und sicheres sowie ein wohlhabendes und wettbewerbsfähiges Europa innerhalb ihres politischen Verantwortungsraums.

Vielleicht ist genau dieses Nebeneinander entscheidend. Freiheit ohne Sicherheit wird verletzlich. Sicherheit ohne Freiheit wird autoritär. Und beide werden politisch irgendwann leer, wenn die Europäische Union wirtschaftlich nicht mehr in der Lage ist, ihren Wohlstand selbst zu erwirtschaften.

Eine erwachsene Europäische Union muss deshalb nicht überall mehr tun. Sie muss lernen, das Richtige auf der richtigen Ebene zu tun. Wo einzelne Staaten allein erkennbar zu klein sind – bei Handel, Verteidigung, großen Teilen der Außenpolitik, Migration an gemeinsamen Außengrenzen, technologischer Souveränität oder der Regulierung globaler Märkte –, braucht die EU mehr Handlungsfähigkeit. Wo Gemeinden, Regionen oder Staaten Probleme besser selbst lösen können, sollte Brüssel nicht aus der Existenz einer europäischen Institution auf die Notwendigkeit einer europäischen Regel schließen. Subsidiarität ist kein Gegner europäischer Integration. Sie ist möglicherweise ihre Voraussetzung.

Nach mehr als siebzig Jahren europäischer Integration wäre es deshalb merkwürdig, die Europäische Union danach zu beurteilen, ob sie jemals gefallen ist. Natürlich ist sie gefallen. Sie wird wieder fallen. Die interessantere Frage ist, ob sie aus ihren Stürzen lernt.

Aus sechs Staaten wurden siebenundzwanzig. Aus Kohle und Stahl entstanden Binnenmarkt, Freizügigkeit, gemeinsame Institutionen und eine Währung. Aus jahrhundertelangen Kriegen zwischen europäischen Staaten entstand innerhalb der Europäischen Union ein politischer Raum, in dem Frankreich und Deutschland heute ihre Konflikte in Sitzungsräumen austragen. Das ist kein Naturgesetz und keine Garantie für die Zukunft. Gerade deshalb sollte man es weder verklären noch geringschätzen.

Und vielleicht lohnt sich am Ende auch ein Blick auf die Landkarte. Die Europäische Union ist nicht Europa. Europa ist der Kontinent, größer, vielfältiger und politisch weit über die Grenzen der Union hinausreichend. Aber die 27 Mitgliedstaaten der EU umfassen heute bereits knapp 40 Prozent seiner Fläche und fast 450 Millionen Menschen. Aus einem Zusammenschluss von sechs Staaten ist damit ein politischer Raum von einer Größe entstanden, die selbst Verantwortung erzeugt: gegenüber den eigenen Bürgern, gegenüber den übrigen Staaten des europäischen Kontinents und gegenüber einer Welt, in der Entscheidungen der Europäischen Union längst weit über ihre Außengrenzen hinaus wirken.

Größe allein schafft noch keine Legitimität und schon gar keine Weisheit. Aber wer einen so erheblichen Teil eines Kontinents politisch organisiert, kann sich auch nicht dauerhaft wie ein kleines wirtschaftliches Kooperationsprojekt verhalten. Mit der gewachsenen Bedeutung ist eine gewachsene Verantwortung entstanden: Frieden und Freiheit im eigenen politischen Raum zu schützen, Wohlstand zu ermöglichen, gegenüber den Nachbarn verlässlich zu handeln und dort Verantwortung zu übernehmen, wo die Mitgliedstaaten gemeinsam tatsächlich mehr bewirken können als allein.

Die Europäische Union ist kein fertiges Haus, in das wir irgendwann eingezogen sind. Sie ist eine politische Entwicklung auf dem europäischen Kontinent, an der jede Generation weiterbaut. Unsere Aufgabe ist nicht, jeden bisherigen Schritt zu verteidigen. Unsere Aufgabe ist, herauszufinden, welcher der nächste richtige ist.

Ein Kind wird schließlich nicht dadurch erwachsen, dass es nicht mehr fällt.

Sondern dadurch, dass es gelernt hat, warum es gefallen ist – und danach anders weitergeht.

Gesunde selbstgemachte Süßigkeiten

Seit ich 40 geworden bin, denke ich zunehmend an Cornaro. Ich schrieb bereits über ihn, er lebte vor 5 Jahrhunderten in Venedig, schrieb nach seinem 90. Lebensjahr seine Essays dazu wie man 100 Jahre alt wird und bewies seine Worte indem er 102 Jahre alt wurde.

Wir leben heute in einer anderen Zeit, in der es in unserer westlichen Zivilisation Nahrung im Überfluss gibt, welche allerdings zum leider großen Teil auf unzähligen Wegen verarbeitet wird um sie haltbarer zu machen, ästhetisch attraktiver, geschmackvoller usw. usw. - aus Nahrung sind heute Nahrungsprodukte geworden und diese müssen sich im Wettbewerb behaupten...

Es fällt dies zum Glück nicht nur Philosophen auf und eine zunehmende Anzahl von Menschen dreht diesen Entwicklungen den Rücken. Besonders interessant finde ich Menschen, welche große Gärten anlegen und bewusst entscheiden nur noch das zu essen, was sie selbst zubereitet haben. Viele fangen in Städten an, kaufen sich Lebensmittel in Läden und kochen bzw. backen bzw. erzeugen sich jede Mahlzeit und mit der Zeit suchen sie dann auch einen Weg aufs Land zu ziehen, legen dort einen großen Garten an und konsumieren Essen, welches sie selbst anbauen. Manche drehen auch Videos, teilen auf diese Weise ihre Rezepte und verdienen auch zusätzliches Geld.

Es gibt einen alten chinesischen Spruch der ungefähr sagt, willst du für einen Tag glücklich sein dann organisiere eine Feier, willst du für einen Monat gücklich sein dann heirate und willst du ein Leben lang glücklich sein, dann lege einen Garten an. Ich erwähne dies, weil ein Garten gleichzeitig drei Dinge für uns macht. Er gibt uns erstens eine mit ziemlich wenig Arbeit verbundene Nahrungsquelle, denn man muss die Erde umgraben und Pflanzen setzen und dann regelmäßig gießen und ein wenig dabei die Pflanzen pflegen und das wars schon. Den Rest machen die Pflanzen selbst und man erntet einfach ihre Erträge. Zweitens lernen wir unfassbar viel im Garten, denn Pflanzen unterscheiden sich, benötigen manchmal etwas unterschiedliche Habitate, bekommen auch Krankheiten und durchlaufen oft schneller als wir Menschen den Kreislauf des Lebens, von der Geburt bis zum Tod. So wird es drittens mit dem Garten nie langweilig, sofern wir uns an diesen gewöhnen, denn der Garten braucht uns und wir brauchen den Garten. Er braucht dabei auch unsere zerstörerische und nicht nur schöpferische Energie, denn wir müssen Unkraut jäten, d.h. solche Pflanzen zerstören, die unseren Nutzpflanzen Energie rauben. Auch zerstören wir am Ende der Saison alle unseren einjährigen Pflanzen und verwandeln sie in Kompost für das nächste Jahr. Auch die mehrjährigen sind natürlich irgendwann dran, auch die Gebüsche und Fruchtbäume, alles im Garten hat sein Ende und man erlebt bzw. gestaltet dieses oft selbst mit. Ohne den Gärtner kann der Garten nicht und mit der Zeit stimmt dann auch das umgekehrte.

Im Kern kann niemand von uns ohne Gärten, denn unabhängig davon ob und wie viel Fleisch wir essen, unsere Hauptnahrung bilden Pflanzen.

Was hat das alles nun mit gesunden selbstgemachten Süßigkeiten zu tun?

Nun ja, Süßigkeiten sind heute so omnipräsent in der westlichen Welt und neben ihnen auch der zusätzliche Zucker in einer Unzahl von Nahrungsmitteln (sind diese süßer, schmecken sie besser, verkaufen sich besser), dass wir alle anfangen von diesem praktisch abhängig zu werden. Natürlich ist nahezu jede Art von Nahrung eine Art Zucker - denn was bedeutet der Begriff Zucker im Kern, wenn nicht eng konzentrierte Energie - aber zu viel von diesem macht uns fett und krank.

Süßigkeiten ganz abzustellen, das haben viele versucht, und das klappt in den allermeisten Fällen einfach nicht. Auch ich habe es versucht und bemerkte, dass dies völlig sinnlos ist. So fand ich meine Lösung in gesunden selbstgemachten Süßigkeiten. Ich beschloss keine Süßigkeiten mehr zu essen, außer solche die ich selbst mache und kann seit dem sowohl beruhigt Süßigkeiten essen als auch eine ganze Sphäre selbstgemachter Nahrung zum Teil meines Lebens machen.

Bald reift auch unsere Siam-Kürbis im Garten und ich werde den Kindern vorschlagen die berühmte Engelshaar Marmelade aus ihr zu machen.


Die 5 Finger der Langlebigkeit

Wenn ich mich in meiner Bibliothek umsehe und die Schriften der Alten durchblättere, finde ich nichts, was den Menschen so sehr umtreibt und ihm gleichzeitig so oft misslingt, wie die Regierung seines eigenen Fleisches und die eigene Langlebigkeit.

Wir verzehren uns natürlich in jeder Generation in Sorgen um das Gemeinwesen, aber eben auch um unsere Küchen und unser Bett, und oft vergeht das Leben und endet früher, als es enden musste.

Besonders gern denke ich deshalb in solchen Stunden in meiner Bibliothek an jenen wackeren Edelmann, den Venezianer Luigi Cornaro. Vor 500 Jahren hat er unsere Welt verlassen nachdem er mehr als ein Jahrhundert in ihr lebte. Solch einen Prospekt hatte er aber nicht in die Wiege gelegt bekommen, denn als er sein vierzigstes Jahr überschritten hatte, lag er siech und bettlägerig darnieder, geplagt von den Ausschweifungen mit Alkohol und Essensorgien aus der Jugend. Seine Ärzte gaben ihm kaum mehr als ein paar Monate zu leben. Und was tat er? Er beobachtete aufmerksam die Nahrung für Kranke und erfand sich selbst neu. Mit 90 Jahren schrieb er voller Zuversicht einige Essays zum Thema „Wie man 100 Jahre alt wird“, und bewies schließlich seine These.

Sein ganzes Geheimnis, so versichert er uns mit der ihm eigenen Heiterkeit, lag in der Mäßigung: „Geringe Menge, doch köstliche Güte“. Er aß gerade so viel, dass der Magen nicht klagte, aber der Hunger schwieg – zumeist ein wenig Brühe, das Gelb vom Ei und einen Schluck leichten Weines. Man könnte sagen, er aß ab seinem 40. Geburtstag nachdem er bis dahin eher fraß, wie so viele andere Menschen vor und nach ihm und auch in unserer Zeit heute. Cornaro gehört zu denjenigen, die jedoch verstanden haben, dass die Natur ein sparsamer Haushalter ist. Wer sie mit Ballast überlädt, erstickt das innere Feuer.

Das gesunde Leben, so erscheint es mir zunehmend, ist kein langes Traktat und keine Gelehrsamkeit der Fakultäten. Heute werden allerdings in penibler wissenschaftlicher Arbeit unsere Körper erforscht sowie Pflanzen und Tiere, die viel länger als wir leben in der Hoffnung unsere Leben um ein Vielfaches zu verlängern. Ich sage nicht, dass diese Forschung nicht stattfinden soll, im Gegenteil, sie soll stattfinden, aber wir brauchen für die Zwischenzeit, also bis die Forscher es geschafft haben unser Leben maßgeblich zu verlängern, eine einfache Philosophie übersetzt in Praxis, die greifbar und überschaubar ist und die wir an den fünf Fingern unserer Hand abzählen können.

Sie könnte vielleicht so lauten:

  • Der Daumen – Die Gemeinschaft: Er ist der stärkste Gliedsatz, der allen anderen gegenübersteht. Ohne ihn greift die Hand ins Leere. Er steht für unsere Freunde und Familie, Kollegen und Bekannte. Einsamkeit ist biologisch toxischer als 15 Zigaretten am Tag. Wer einsam altert, mag noch so viel Kräuter essen, er verdorrt von innen heraus.
  • Der Zeigefinger – Der Sinn: Er deutet nach vorn, zeigt auf ein Ziel, ein Werk, eine Aufgabe. Ein Mensch, der nichts mehr vorhat, legt sich hin und stirbt. Wir brauchen einen Grund, um am Morgen die Decke zurückzuschlagen.
  • Der Mittelfinger – Der Schlaf: Er ist der längste der Finger, der alles überragt und schützt. Es ist die Nacht, die den Tag erst möglich macht. Wer dem Schlaf seine Stunden stiehlt, stiehlt sie seinem eigenen Leben. Im Schweigen der Nacht repariert die Natur, was wir am Tage zerschlagen haben.
  • Der Ringfinger – Die Nahrung: Er trägt den Ring der Bindung und Verpflichtung. Hier wohnt unser Cornaro. Binde dich an die Qualität, nicht an die Masse der Nahrung. Halte den Körper wie einen Tempel rein und überlade und vergifte ihn nicht.
  • Der kleine Finger – Die Bewegung: Er mag unbedeutend scheinen, doch ohne ihn verliert die Hand ihre Balance und Eleganz. Der Leib ist für den Gang geschaffen, nicht für den Sessel. Ein wenig Mühsal, ein täglicher Gang durch die Gärten, hält die Säfte im Fluss.

Man braucht kein Philosoph zu sein, um zu begreifen, dass diese fünf Dinge zusammenwirken müssen. Wir haben uns nicht selbst geboren, haben diese Welt nicht selbst geschaffen. Manche von uns besitzen in ihr nicht (oder nicht mehr) Hände oder alle 5 Finger, aber jeder kann nachvollziehen, dass wer einen Finger verletzt, direkt die ganze Hand schwächt. Wer sie aber pflegt, wer Gemeinschaft, Sinn, Schlaf, mäßige Nahrung und Bewegung in den Gedanken hält und zu Gewohnheiten macht, der führt ein Leben, dass Gott und der Natur gefällt – ob es nun achtzig Jahre dauert oder hundert.

Konsumieren wir Medien oder konsumieren Medien uns?


Die meisten von uns wissen natürlich, dass die Medien heute nicht mehr das sind, was sie einst waren. Der Anstand vergangener Zeiten sowohl in der westlichen als auch in der östlichen Hemisphäre sowie die Ideale auf Basis von denen Journalisten einst gearbeitet und mit welchen im Sinne, sie ausgebildet wurden, sind größtenteils leider eine ferne Erinnerung über die niemand mehr genau weiß ob Sie der Wirklichkeit entsprach oder eher nur eine ideologisierte Form von falscher Nostalgie darstellt.

Noch nicht genug von uns wissen jedoch, dass Medien nicht nur Träger von Information sind, sondern zur Architektur des kollektiven Bewusstseins maßgeblich beitragen. Und wenn wir die psychischen und sozialen Pathologien unserer Gegenwart analysieren, lässt sich unabhängig von dem Wahrheitsgehalt nostalgischer Reflektionen eine fundamentale Verschiebung der Medienwirkung im Zusammenhang mit politischen und gesellschaftlichen Themen beobachten.

Nietzsche ließ vor etwas mehr als einem Jahrhundert seinen Zarathustra sagen: "Daß jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das Schreiben, sondern auch das Denken" sowie "von allem Geschriebenen liebe ich nur das, was einer mit seinem Blute schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, daß Blut Geist ist."

Neben der Tatsache, dass es heute kaum noch Anstand in der Medienlandschaft gibt, der in romantischen Reflektionen natürlich einst der conditio sine qua non für journalistische Tätigkeit war, geht es nun auch inhaltlich vordergründig längst nicht mehr um sinnvolle Diskurse und pointierte Meinungen. Es scheint in fast allen Medien eine neue Norm gebildet worden zu sein, im Rahmen von der Informationen seziert, zugespitzt und emotional aufgeladen werden, was in der Breite der Bevölkerung pathogen wirkt: anstatt, dass Menschen Medien konsumieren, beginnen Medien Menschen zu konsumieren und sie psychisch krank zu machen.

Der Journalismus scheint zunehmend an den Bruchlinien menschlicher Urängste und Abwehrmechanismen zu funktionieren. Er schreibt, wie Nietzsche es durch Zarathustra forderte, mit Blut, aber statt den Geist und das Ich zu stärken und rationale Diskursräume zu eröffnen, bedienen viele Medien Narrative, die zu Regressionen in paranoide und narzisstische Strukturen führen. Es wird ein permanenter Zustand des Alarms, des Ressentiments und der existenziellen Bedrohung inszeniert. Es brennen in den Gehirnen der Menschen ihre Amygdalas und ihre tiefsten emotionalen Strukturen.

Diese gezielte Affektstimulation führt bei vielen Rezipienten zu einer chronischen psychischen Überforderung – einer kollektiven Neurotisierung, die Angststörungen, Depressionen und tiefe gesellschaftliche Entfremdung nährt. Der Geist vieler verblutet...

Ich frage mich zunehmend, wie sich dies mit der Verantwortung einer freien Presse vereinbaren lässt.

Wenn das „Worüber“ und das „Wie“ der Berichterstattung die psychosomatische Integrität der Bürger zersetzt, kollabiert der demokratische Debattenraum. An seine Stelle tritt ein pathologisches Klima der Angst und Spaltung. Es scheint mir, wir müßten dringend einen neuen Rahmen setzen innerhalb von dem die Presse frei sein darf, einen Rahmen der psychische Gesundheit zusichert und zugleich die Pluralität von Meinungen zulässt. Zur Erinnerung: einst war es ja verboten zu fluchen in den Medien und das schien so selbstverständlich... Gott sei Dank, gibt es noch Medien, die sich an den alten Anstand fest halten, aber ihre Zahlen schwinden.

Bevor wir politisch soweit sind, etwas konkretes zu unternehmen, lohnt es sich sowohl Lesern als auch inhaltlich Verantwortlichen in Medienorganisationen jeweils eine radikale Frage zu stellen. Wollen Sie, als Leser, dass Ihre Innenwelt verblutet wegen Nachrichten, die Sie wiederholt konsumieren und anfangen fest zu glauben, konsumieren zu müssen? In meiner Erinnerung ist, dass "zu sterben" das einzige ist, dass wirklich jeder von uns muss. Und aporpos Sterben, wollen Verantwortliche für die Inhalte, wenn sie dereinst am Todesbett sind und auf Ihr Lebenswerk zurückblicken – wollen Sie unsere gemeinsame Welt wirklich mit dem Bewusstsein verlassen, einer krankheitserregenden Lebenswelt mit ihren Inhalten beigetragen zu haben? Wollen Sie, dass ihr bleibender Beitrag zur Conditio humana in der Unterstützung der Destabilisierung der seelischen Gesundheit von Millionen Menschen bestand?

Ich bin nachdenklich und besorgt, zugleich aber auch entspannt. Diese Dinge müssen ja noch von vielen gelernt und verstanden werden, bevor wir politisch und gesellschaftlich dazu übergehen Freiheit und Verantwortung nur noch zusammen zu denken, ja auch im wirtschaftlichen Sinne als zwei Seiten einer Münze - Erhöhung der Verkaufszahlen wird ja oft als billiges Argument der Medien verwendet...

Die Expressdebatte

DIE EXPRESS-DEBATTE

Debattenformat für Stammtische, politische Gruppen, Vereine, Schulen und Bürgergespräche. Ich nenne sie Express-Debatte, aber wer möchte kann sie auch nach mir, als ihrem Erfinder, nennen, also die "Milutin-Debatte".

Ihr Ziel liegt darin Menschen durch gute Gründe, klare Sprache und fairen Umgang schnell komplexe Themen zu behandeln.

Es wird zwei Mal abgestimmt, vor und nach der Debatte. Vor der Debatte kann mit "Ja" oder "Nein" oder "Unentschlossen" abgestimmt werden, nach der Debatte jedoch nur mit "Ja" oder "Nein".


GRUNDIDEE

ratie ist schon lange nicht mehr nur Abstimmung. Demokratie, in unserer heutigen Zeit, basiert auf Grundrechten festgehalten in Verfassungen und sie basiert auf republikanischen Urzielen, die Politik als Sache der Öffentlichkeit zu begreifen (res - Sache; publicas - Öffentlichkeit). Die Fähigkeit, öffentlich Gründe für Meinungen auszutauschen, einander zuzuhören und der Wille die eigene Meinung durch bessere Argumente zu verändern, das sind Grundsätze eines demokratischen Lebens. Demokratie ist dabei insbesondere die Fähigkeit zu Mehrheitsentscheidungen durch Abstimmungen zu kommen ohne dass dabei die Seite, welche eine Abstimmungen verliert, von zukünftigen Abstimmungen ausgeschlossen wird. Die moderne Demokratie als System macht schließlich im Kern aus, dass alle Menschen in ihr stets dabei bleiben und nach gemeinsamen Entscheidungen, die gemeinsame Zukunft teilen, unabhängig davon wofür jeweilige Mehrheiten eintreten.

Die Express-Debatte ermöglicht es Demokratie, im wahrsten Sinne dieses Wortes, in kleinen und großen Gruppen, zu leben:

Eine Frage. Zwei Seiten. Kurze Reden. Publikum. Abstimmung vorher und nachher. Die Mehrheit gewinnt.


ABLAUF

  1. Debattenleitung

Zu Beginn wird eine Debattenleiterin oder ein Debattenleiter bestimmt.

Die Debattenleitung nimmt nicht selbst an der Debatte teil und stimmt nicht ab.

Ihre Aufgabe ist:

  • die Regeln zu erklären,
  • die Frage sauber zu formulieren,
  • auf Redezeiten zu achten,
  • Fairness zu sichern,
  • die Abstimmungen zu zählen,
  • das Ergebnis festzustellen.

Die Debattenleitung ordnet den Raum, entscheidet aber nicht inhaltlich.

2. Themenvorschläge

Alle Anwesenden können Themen für die Debatte vorschlagen.

Ein Thema muss als Frage formuliert sein, die mit Ja oder Nein beantwortet werden kann.

Beispiele:

  • Sollen Universitäten mehr öffentliche Bildungsformate anbieten?
  • Soll Stuttgart autofreie Sonntage ausprobieren?
  • Soll wirtschaftliche Bildung früher in Schulen vermittelt werden?
  • Soll es bei politischen Stammtischen regelmäßig Debatten nach festen Regeln geben?
  • usw.

Die Debattenleitung kann unklare Vorschläge sprachlich glätten.

3. Auswahl der Debattenfrage

Die Debattenleitung stellt bis zu drei geeignete Fragen zur Auswahl.

Die Anwesenden stimmen per Handzeichen ab, welche Frage debattiert wird.

Gewählt ist die Frage mit den meisten Stimmen.

4. Anfangsabstimmung

Vor Beginn der Debatte wird die gewählte Frage erstmals gestellt, z. B. soll wirtschaftliche Bildung früher in Schulen vermittelt werden?

Alle Anwesenden stimmen transparent per Handzeichen ab:

  • Ja
  • Nein
  • Unentschlossen

Die Debattenleitung notiert die Zahlen.

Eine Debatte findet statt, wenn es auf beiden Seiten eine ernsthafte Position gibt.

Richtwert: Mindestens ca. 25 Prozent der Anwesenden sollten auf der kleineren Seite stehen. Bei kleinen Gruppen genügt auch eine kleinere Minderheit, wenn zwei Personen bereit sind, diese Position fair zu vertreten.

Wenn fast alle einer Meinung sind, kann die Debatte entfallen oder die Frage neu formuliert werden.

5. Teams

Es gibt zwei Teams:

  • Team Ja
  • Team Nein

Jedes Team besteht aus zwei Personen.

Man muss nicht zwingend seine private Meinung vertreten. Es ist erlaubt, probeweise eine Position einzunehmen, um das Denken zu üben.

Wenn sich mehr als zwei Personen pro Seite melden, bestimmt die jeweilige Seite ihre zwei Rednerinnen oder Redner.

6. Eröffnungsrunde

Jede Person hält eine kurze Eröffnungsrede von maximal 2 Minuten.

Reihenfolge:

  1. Team Ja, Person 1 — 2 Minuten
  2. Team Nein, Person 1 — 2 Minuten
  3. Team Ja, Person 2 — 2 Minuten
  4. Team Nein, Person 2 — 2 Minuten

In dieser Runde gibt es keine Unterbrechungen.

7. Replikrunde

Danach folgt eine Replikrunde.

Jede Person hat maximal 1 Minute.

Reihenfolge:

  1. Team Ja, Person 1 — 1 Minute
  2. Team Nein, Person 1 — 1 Minute
  3. Team Ja, Person 2 — 1 Minute
  4. Team Nein, Person 2 — 1 Minute

In dieser Runde darf die sprechende Person freiwillig einen kurzen Hinweis aus dem Publikum zulassen. Ein solcher Hinweis darf maximal 30 Sekunden dauern und muss eine relevante Information enthalten.

Die sprechende Person muss das Wort nicht erteilen.

8. Publikumsrunde

Anschließend darf das Publikum Fragen stellen.

Dauer: maximal 10 Minuten.

Regeln:

  • Fragen aus dem Publikum dauern maximal 20 Sekunden.
  • Antworten dauern maximal 1 Minute.
  • Debattenleitung achtet darauf, dass aus Fragen keine Reden werden.
  • Wer eine lange Stellungnahme abgibt, wird freundlich gebeten, eine konkrete Frage zu formulieren.

9. Schlussrunde

Jedes Team erhält ein Schlusswort von maximal 1 Minute.

Reihenfolge:

  1. Team Ja — 1 Minute
  2. Team Nein — 1 Minute

Im Schlusswort sollen die stärksten Argumente noch einmal knapp zusammengeführt werden.

10. Schlussabstimmung

Die Debattenleitung stellt dieselbe Frage erneut.

Alle Anwesenden stimmen wieder per Handzeichen ab:

  • Ja
  • Nein

Die Mehrheit gewinnt. Festgehalten wird auch meisten Zuwachs erzielt hat, also wer den größten Resonanzerfolg hatte.


GEIST DER EXPRESS-DEBATTE

Die Express-Debatte ist kein Kampf um Demütigung des Gegners.

Sie ist ein demokratisches Spiel.

Die Grundregeln lauten:

  • fair sprechen,
  • knapp sprechen,
  • verständlich sprechen,
  • zuhören,
  • Argumente vorstellen,
  • auf Argumente der Gegenseite antworten,
  • nicht persönlich angreifen,
  • nicht entwürdigen.


LEITSATZ

kratie wird stärker, wenn Menschen lernen, öffentlich zu streiten, ohne einander zu entwürdigen. In einer Demokratie bleibt die Würde von einem jeden Menschen unantastbar.

Johann Sebastian Bach # 4 - die universelle Ordnung, Tod, Vergessenheit und Wiederauferstehung

Dies ist der vierte und abschließende Text meines philosophischen Projekts zu Johann Sebastian Bach. Nachdem wir seinen Weg von der handwerklichen Zunftstruktur der Eisenacher Kindheit über die existenziellen Wandlungen der Jugend bis zur äußeren Gestaltung der Weimarer und Köthener Jahre nachverfolgt haben, gilt es nun, den Blick auf das monumentale Finale seines Lebens zu richten. Hier, in der längsten und schmerzhaftesten Phase seines Wirkens, bricht sich eine Zäsur Bahn, die nicht nur Bachs eigene Existenz, sondern die Koordinaten der westlichen Kultur für immer verändert hat. Es ist das philosophische Projekt eines Mannes, der die Trümmer der Zeitlichkeit in eine unerschütterliche Architektur des Geistes goss – und dessen Werk für die Musikgeschichte zu dem wurde, was Sokrates für die Philosophie, Jesus für die Religion oder Newton für die Physik bedeuten: eine radikale Zeitwende, ein absoluter Nullpunkt.


Das Leipziger Spätwerk – Architektur im permanenten Ausnahmezustand

Als Johann Sebastian Bach am 22. Mai 1723 mit seiner Familie in Leipzig eintrifft, um das Amt des Thomaskantors und Director Musices anzutreten, ist er achtunddreißig Jahre alt. Er befindet sich auf dem Höhepunkt seiner geistigen und handwerklichen Kräfte, doch er ist keineswegs die unumstrittene erste Wahl der Stadtväter. Erst nachdem Georg Philipp Telemann und Christoph Graupner abgesagt hatten, einigte man sich auf Bach – verbunden mit dem berühmt-berüchtigten Stoßseufzer des Ratsherrn Abraham Christoph Platz, man müsse, da man die Besten nicht bekommen könne, „also mittlere nehmen“.

In Leipzig betritt Bach die Bühne seiner anspruchsvollsten und zugleich aufreibendsten äußeren Ordnung. Siebenundzwanzig Jahre lang, bis zu seinem Tod am 28. Juli 1750, wird er in der Dienstwohnung im südlichen Flügel der Alten Thomasschule leben. Es ist ein Ort der totalen Verdichtung: Wand an Wand mit den lärmenden, oft kranken Internatsschülern, konfrontiert mit einem monumentalen Pensum aus wöchentlichen Kantatenaufführungen und im permanenten, zähen Konflikt mit den weltlichen Behörden der Universitätsstadt, die seinen künstlerischen Anspruch oft als „halsstarrig“ empfinden.

Doch die tiefste Erschütterung dieser Leipziger Jahre vollzieht sich nicht in den Ratssälen, sondern im privaten Refugium des Hauses. Wenn wir Bachs Leben philosophisch als den Versuch verstehen, durch musikalische Struktur der Vergänglichkeit zu trotzen, dann finden wir in Leipzig das radikalste Paradoxon dieser Haltung.

Aus seiner ersten, tragisch geendeten Ehe mit Maria Barbara brachte Bach vier überlebende Kinder mit nach Leipzig: Catharina Dorothea, Wilhelm Friedemann, Carl Philipp Emanuel und Johann Gottfried Bernhard. Drei Kinder hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits verloren. Mit seiner zweiten Frau, Anna Magdalena, die im Mai 1723 ein Säugling an der Hand hält, wird er in Leipzig zwölf weitere Kinder zeugen. Insgesamt beläuft sich die historische Bilanz auf zwanzig geborene Kinder – von denen exakt zehn im jüngsten Alter oder als Säuglinge sterben.

In den Jahren zwischen 1726 und 1733 – exakt in jener Phase, in der Bach die monumentale Architektur der Matthäus-Passion, die ersten großen Kantatenjahrgänge und die bahnbrechenden Teile der Clavierübung erschafft – sterben in der Kantorenwohnung nacheinander fünf seiner kleinen Kinder: Christian Gottlieb, Ernestus Andreas, Regina Johanna, Christiana Benedicta und Christiana Dorothea. Im Durchschnitt muss dieser Mann alle zwei bis drei Jahre einen kleinen Sarg aus dem Haus tragen.

Hier bricht sich die entscheidende philosophische Frage Bahn: Wie konnte ein Mensch, dessen Alltag eine permanente, traumatische Trauerarbeit war, eine Musik schreiben, die keine Spur von nihilistischer Verzweiflung in sich trägt? Wie entsteht die reinste, stabilste und trostreichste Ordnung der Kunstgeschichte inmitten eines existenziellen Trümmerfeldes?

Die Antwort liegt im Begriff des „gebauten Raums“. Für Bach war die kontrapunktische Struktur kein mathematisches Glasperlenspiel und keine bürgerliche Dekoration. Sie war ein metaphysischer Schutzwall. Je brüchiger, unberechenbarer und tödlicher sich die äußere Welt erwies, desto radikaler flüchtete er in die Gesetzmäßigkeit der Töne. In der Fuge, im Choral, in der strengen Symmetrie des Satzes errichtete er eine Gegenwirklichkeit. Es ist eine Welt, in der jede Dissonanz sich auflösen muss, in der jede Stimme einen unumstößlichen Sinn besitzt und in der das Chaos keine Macht hat.

In seinen letzten Lebensjahren zieht sich Bach folgerichtig immer weiter aus dem tagesaktuellen Leipziger Musikbetrieb zurück. Während sich der Zeitgeschmack längst dem galanten, leichteren, frühklassischen Stil zuwendet, blickt Bach über seine Epoche hinaus. In spekulativen Spätwerken von mathematischer Reinheit – wie der Kunst der Fuge, dem Musikalischen Opfer oder der h-Moll-Messe – sucht er die überzeitliche, kosmische Wahrheit der Musik. Als er am 28. Juli 1750, nach einer missglückten Augenoperation, erblindet stirbt, hinterlässt er ein Werk, das die Zeitgenossen als „gelehrt“, aber veraltet archivieren. Die barocke Form scheint an ihr Ende gelangt. Doch der Raum, den er gebaut hat, wartete im Verborgenen auf jene, die seine Fundamente freilegen sollten.


Die Zäsur der Musikgeschichte – Bach als Nullpunkt und Gesetz

Es gehört zu den bemerkenswertesten Phänomenen der Kulturgeschichte, dass wir die Zeitrechnung der Musik implizit in ein „Vor Bach“ und ein „Nach Bach“ unterteilen. Er ist nicht einfach ein historischer Komponist unter vielen; er ist der archimedische Punkt der Tonkunst geworden.

Diese historische Stellung lässt sich nur durch Parallelen zu den fundamentalen Umbrüchen des menschlichen Geistes begreifen:

Wie Sokrates die Philosophie aus dem Mythos in die rationale Selbstreflexion des Logos überführte, so befreite Bach die Musik aus der reinen Unverbindlichkeit des Klangs und erhob sie zum System einer objektiven Vernunft.

Wie Jesus von Nazareth durch seine Existenz eine neue ethische Zeitrechnung begründete, die die alte Welt unumkehrbar in ein Davor und Danach trennte, so setzte Bach einen ästhetischen Nullpunkt: Nach ihm konnte Musik nicht mehr harmloses Handwerk sein; sie war nun Trägerin transzendenter Wahrheit.

Wie Isaac Newton mit den Principia Mathematica die unsichtbaren Naturgesetze der Gravitation und Bewegung formulierte, so legte Bach die physikalischen und mathematischen Urgesetze der Tonalität und des Kontrapunkts offen. Im Wohltemperierten Clavier rechnete er das Tonsystem bis an seine Grenzen durch. Er hat die musikalischen Formen nicht bloß erfunden oder genutzt – er hat sie ausgeschöpft.

Nach Bach war es schlicht unmöglich, im alten System des barocken Kontrapunkts etwas Größeres zu schreiben. Die Musikgeschichte musste neu anfangen, weil Bach das Fundament bis auf den Grund ausgehoben hatte. Deswegen verstanden ihn die nachfolgenden Generationen nicht als Vergangenheit, sondern als Naturgesetz. Robert Schumann konstatierte tiefsinnig, Bachs Musik sei ihm das „täglich Brot“, das den Geist reinige, und Johannes Brahms forderte: „Studiert Bach, dort findet ihr alles.“ [7]


Das Echo der Unvergänglichkeit – Die Entdecker des Raums

Ein Raum, der auf ewigen Prinzipien ruht, kann nicht im Vergessen untergehen. Die Rezeptionsgeschichte Bachs ist kein musealer Vorgang, sondern ein phänomenologischer Erkenntnisprozess, getragen von Geistern, die Bachs Struktur jeweils als existentielles Rettungsboot in ihren eigenen Epochen begriffen haben.


Felix Mendelssohn Bartholdy: Der ethische Kompass

Als der junge Felix Mendelssohn Bartholdy am 11. März 1829 in Berlin die seit fast einem Jahrhundert vergessene Matthäus-Passion wiederaufführt, tut er dies inmitten der heraufziehenden Moderne. Die Romantik war geprägt von Industrialisierung, der Zersplitterung des Weltbildes und einer tiefen Krise der religiösen Gewissheiten. Mendelssohn – Enkel des Aufklärungsphilosophen Moses Mendelssohn – erkennt in Bach den Gegenpol zum emotionalen und sozialen Chaos seiner Zeit. Für ihn wird Bach zum ethischen Kompass. Er begreift, dass Bachs Kontrapunkt keine mathematische Kälte besitzt, sondern die reinste Form einer geordneten inneren Bewegung ist. Mendelssohn holt Bach nicht aus historischer Nostalgie zurück, sondern um einer zerrissenen, säkularen Gesellschaft durch die monumentale Symmetrie dieser Musik wieder einen gemeinsamen, tragenden Boden zu geben. Felix Mendelssohn Bartholdy starb 1847 und weniger als ein Jahrhundert später fielen trotz seiner und vieler anderer Verdienste jüdischer Menschen um die Kultur in Deutschland, diese allesamt in Ungnade...


Albert Schweitzer: Der Musik-Poet und die Mystik

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zertrümmert der Philosoph, Theologe und spätere Tropenarzt Albert Schweitzer das Missverständnis des 19. Jahrhunderts, Bach sei ein „trockener Musik-Mathematiker“ gewesen. In seinem epochalen Werk „J. S. Bach“ (1905) weist Schweitzer nach, dass Bach ein genialer Musik-Poet war. Er decodiert Bachs Sprache und zeigt, dass sie auf einer präzisen Symbolik beruht – auf rhythmischen und melodischen Motiven, die theologische Begriffe wie das Fallen des Sündenfalls oder das Aufsteigen der Engel exakt abbilden. Für Schweitzer ist Bachs Musik gelebte Mystik an der Orgel: ein Akt, in dem die Unruhe des menschlichen Geistes in der Klarheit des Urtexts zur absoluten, metaphysischen Ruhe findet.


Glenn Gould: Die absolute, objektive Struktur

In der Mitte des 20. Jahrhunderts radikalisiert der kanadische Pianist Glenn Gould diese Suche nach der objektiven Wahrheit. Gould verweigert sich dem romantischen Pathos und sucht in Bach die totale Abwesenheit des Subjektiven. Indem er die Goldberg-Variationen fast ohne Pedal, extrem trocken und linear einspielt, legt er die nackte, mathematische Struktur der Partitur frei. Gould zieht sich schließlich komplett aus dem Konzertsaal in das sterile Aufnahmestudio zurück – eine zutiefst bachische Entscheidung: Im Studio eliminiert er den Zufall der fehlerhaften Außenwelt, um eine vollkommene, unzerstörbare Struktur zu errichten. Bei Gould wird Bach zum Beweis, dass Kunst eine kosmische Ordnung abbildet, die unabhängig von menschlicher Eitelkeit existiert.


Zuzana Růžičková: Die Ordnung gegen die Barbarei

Vielleicht am erschütterndsten offenbart sich die tragende Kraft des bachischen Raums im Leben der tschechischen Cembalistin Zuzana Růžičková. Als Überlebende der Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Bergen-Belsen blickte sie in den absoluten Abgrund des menschlichen Nihilismus und der totalen Barbarei. Nach dem Krieg widmete sie ihr Leben der Weltersteinspielung des gesamten Clavierwerks von Bach auf dem Cembalo. Für Růžičková war Bach kein ästhetischer Luxus, sondern eine Überlebensnotwendigkeit. Sie formulierte es so, dass in Bachs Musik eine unerschütterliche, transzendente Gerechtigkeit waltet. Wo die Menschen bestialisch wurden und das Chaos regierte, garantierte Bach die Existenz einer höheren, moralischen Symmetrie. Seine Struktur wurde zum konkreten, geistigen Widerstand gegen die Vernichtung.


Helmuth Rilling: Die globale Institutionalisierung der Struktur,

Nach dem wunderbar organisierten Bachfest der Internationalen Bachakademie Stuttgart, wo ich die Inspiration fand dieses Projekt zu starten, schließt sich unser Kreis auf der Trauerfeier zu Ehren des Gründers der Bachakademie, Helmuth Rilling. Rilling hat sein Leben im Endeffekt Bach gewidmet mit dem Ziel sicherzustellen, dass Bachs Werk zu keinem statischen Denkmal wird, sondern in eine weltweite, lebendige Bildungs- und Kulturarchitektur einfließt

Rilling, der als erster Dirigent alle geistlichen Kantaten Bachs einspielte, begriff diese Musik als eine Form der strukturierten, universalen Rede. In seinen legendären „Gesprächskonzerten“ legte er die theologische und architektonische Struktur der Werke vor dem Publikum offen, um sie intellektuell bewohnbar zu machen. Doch Rillings eigentliche Leistung liegt in der Globalisierung dieses Prinzips: Durch die Gründung der Bachakademie Stuttgart und die Initiierung von Bachakademien weltweit – von Santiago de Chile über Krakau und Budapest bis nach Tokio und Moskau – hat er bewiesen, dass Bachs Musik eine Universalsprache der Menschheit ist. Wenn junge Menschen unterschiedlichster Kulturen und Konfessionen zusammenkommen, um unter diesem Einfluss die h-Moll-Messe zu erarbeiten, solidarisieren sie sich nicht über politische Verträge, sondern über das gemeinsame Ausfüllen und Erleben einer ewigen, tragenden Vernunft. Auch Rillings Nachfolger Hans-Christoph Rademann ist sich dessen bewusst und akzentuiert heute bei seinen Konzerten mit der Gaechinger Kantorei und dem JSB, in meinen Augen in tiefer christlicher Liebe, dass junge Musikerinnen und Musiker aus über zwei dutzend verschiedenen Ländern und Kulturen miteinander musizieren. Was sagt uns das über das mögliche in unserer Welt?


Fazit: Das metaphysische Obdach

Johann Sebastian Bachs Leben begann im handwerklichen Dienst einer thüringischen Zunft und stand im permanenten, dunklen Schatten des frühen Kindstods, sowohl seiner Geschwister, als auch später seiner eigenen Kinder. Sein Leben endete in der Einsamkeit eines Mannes, dessen Spätwerk von der eigenen Epoche nicht mehr verstanden wurde.

Doch gerade weil er seine tiefen Verluste nicht in sentimentale Klage, sondern in die unzerstörbaren Gesetze einer kosmischen Kontrapunktik goss, hat er der Menschheit ein metaphysisches Obdach hinterlassen. Ob Mendelssohn in der Sinnkrise des 19. Jahrhunderts, Schweitzer auf der Suche nach der Mystik, Gould auf der Jagd nach Objektivität, Růžičková im Grauen von Auschwitz, Rilling in der globalen Vermittlung der Klangrede: Sie alle betreten denselben Raum.

Wer sich heute in Bachs Musik vertieft, flieht nicht vor der Realität. Er findet in ihr die tröstliche, unumstößliche Gewissheit, dass unter dem schmerzhaften Chaos und der Vergänglichkeit unseres Daseins eine tiefe, tragende und ewige Ordnung liegt. Eine Ordnung, die hält, weil ihr Urheber früh erfahren musste, dass das Leben selbst es nicht tut. Viele Wegen führen zu dieser Ordnung und der seelischen Entspannung, Bach hat in der Musik einen der schönsten aufgebaut.


Quellen und wissenschaftliche Bezüge:

[1] Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach: The Learned Musician. W. W. Norton, New York 2000, (Zu den Umständen der Leipziger Berufung).

[2] Bach-Archiv Leipzig: Dokumente zum Leben und Wirken Johann Sebastian Bachs. Bärenreiter, Kassel. (Zur Topographie der Alten Thomasschule).

[3] Martin Geck: Johann Sebastian Bach. Leben und Werk. Rowohlt, Reinbek 2000, (Zur familiären Chronologie und den Kindstoden).

[4] Klaus Eidam: Das wahre Leben des Johann Sebastian Bach. Piper, München 1999

[5] Peter Williams: J. S. Bach: A Life in Music. Cambridge University Press, Cambridge 2007, (Zum Spätwerk und der Kunst der Fuge).

[6] Hans-Joachim Schulze: Die Bach-Familie. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 1984

[7] Michael Maul: Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche. Bärenreiter, Kassel 2015

[8] Peter Mercer-Taylor: The Life of Mendelssohn. Cambridge University Press, 2000 (Zur Wiederaufführung der Matthäus-Passion 1829).

[9] Zuzana Růžičková: Lebensfuge. Wie Bach mich vor Auschwitz rettete. Propyläen, Berlin 2019.

[10] Otto Friedrich: Glenn Gould. Eine Biographie. Bruno Cassirer, Oxford 1990.

[11] Albert Schweitzer: J. S. Bach. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1908.



Rassismus, Nationalismus, Migrantismus – was kommt als Nächstes und woher?

Wenn ich uns Menschen historisch betrachte, fällt mir immer wieder dieselbe merkwürdige Bewegung im öffentlichen Denken auf: Wir erzeugen Identitäten und Kategorien, und kurz darauf beginnen diese Identitäten und Kategorien sich zu politisieren und bestimmte Gruppen zu diskriminieren.

Zuerst dienen sie allerdings der Orientierung. Dann der Zugehörigkeit. Schließlich der Abgrenzung. Und nicht selten enden sie irgendwann in Verachtung, Angst oder Gewalt.

Einmal waren es Stämme. Dann Religionen. Dann Klassen. Dann Nationen und Rassen. Heute sprechen wir zunehmend von Migranten. Der Begriff scheint, wie einst der Begriff Rasse, in aller Munde zu sein. Morgen werden wir vielleicht von Menschen und künstlichen Intelligenzen oder von biologischen und technisch erweiterten Menschen sprechen.

Die Begriffe wechseln. Die Struktur jedoch bleibt erstaunlich ähnlich.

Als ich jünger war, dachte ich oft, rassistische Weltbilder seien einfach das Werk böser oder besonders dummer Menschen. Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, dass dies zu einfach gedacht ist. Denn der Rassismus entstand nicht im luftleeren Raum. Er entstand aus sehr menschlichen Bedürfnissen: aus Angst, aus Identitätssuche, aus Machtstreben, aus dem Wunsch nach Ordnung und Zugehörigkeit.

Biologisch ergibt Rassismus kaum Sinn. Wir gehören weitgehend derselben Spezies an, Unterschiede zwischen Menschen sind überwiegend phänotypischer Natur. Und selbst wenn die Unterschiede größer wären – was würde daraus folgen? Humanistische Ziele bestanden doch gerade immer darin, Menschen trotz ihrer Unterschiede miteinander zu verbinden.

Und dennoch war der Rassismus real. Nicht nur am Rand der Gesellschaft, sondern oft in ihrer Mitte. Ganze öffentliche Meinungen, Institutionen und Wissenschaften waren von ihm durchdrungen. Dann starben Millionen Menschen im Namen von Weltanschauungen, die behaupteten, Ordnung zu schaffen, während sie in Wahrheit Entmenschlichung organisierten. Dasselbe gilt für den Nationalismus.

Heute scheint sich erneut eine neue große Kategorie in unser Denken zu schieben: der „Migrant“. Ich sage bewusst nicht „der Mensch, der emigriert oder immigriert“, sondern vereinfacht „der Migrant“, wie es nun in aller Munde zu sein scheint, denn genau darin liegt bereits etwas Interessantes. Aus einer Bewegung wird langsam eine Identität. Aus einer zeitweiligen Handlung wird eine dauerhafte Zuschreibung.

Dabei waren letztlich fast alle Menschen irgendwann in Bewegung. Unsere Vorfahren wanderten, flohen, siedelten um, eroberten neue Gebiete oder wurden selbst verdrängt. Migration ist keine Ausnahme der Menschheitsgeschichte, sondern beinahe ihr Normalzustand.

Ebenso unklar erscheint mir die Gegenkategorie des Einheimischen. Ab wann ist jemand einheimisch? Nach zwanzig Jahren? Nach vier Generationen? Nach tausend Jahren? Und wenn man weit genug zurückgeht, waren nicht fast alle Menschen irgendwann fremd an dem Ort, an dem ihre Nachfahren später Wurzeln schlugen?

Dennoch gewinnen diese Begriffe zunehmend emotionale und politische Kraft. Und ich werde nachdenklich, denn ich selbst bin definitiv auch ein Nachfahre von sog. Migranten, wir alle sind es, aber ich fühle mich zugleich überall auf unserem Planeten Zuhause, empfinde, dass der Planet als solcher meine Heimat ist. Zu was macht mich das? Es macht mich auf jeden Fall zu einem Menschen, der keinen anderen als Fremd betrachten kann, denn wir leben ja alle gemeinsam auf diesem Planeten. Das scheinen jedoch viele Menschen wohl noch nicht wirklich verstanden zu haben. Natürlich verstehe ich, dass wir global betrachtet unterschiedlich entwickelte Gesellschaften haben, dass es große Bildungs- und Einkommensunterschiede gibt und dass wir Menschen keine Schmetterlinge sind, sondern eben oft Konflikte erzeugen und folglich oft auch Angst voreinander haben. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft kann ich verstehen, aber das Bedürfnis nach Abgrenzung und folglich oft auch Hass und Zerstörung, all dies bleibt für mich ein Mysterium.

Es ist jedoch wohl so, wenn wir die Geschichte betrachten, dass jede starke gesellschaftliche Kategorie früher oder später ihre Gegenbewegung erzeugt. So wie das Rassenweltbild irgendwann den Begriff des „Rassismus“ hervorbrachte den Menschen nutzten um sich von dem Rassistischen Weltbild und Rassisten zu distanzieren, so ähnlich brachte das Nationalweltbild den Begriff "Nationalismus", den Menschen nutzten um sich von dem Nationalistischen Weltbild und Nationalisten zu distanzieren. Nun frage ich mich ob aus dem heutigen starken Beharren auf „Migranten“ und dieser neuen ideologische Fixierung auf Herkunft und Bewegung als zentraler Kategorien des Menschseins, irgendwann vielleicht etwas entstehen wird, das man vielleicht „Migrantismus“ nennen wird? Werden Menschen dies nutzen um sich von dem Migrantischen Weltbild und "Migrantisten" zu distanzieren, wobei „Migrantisten“ jene heißen würden, die Menschen primär über ihren Migrationsstatus definieren – sei es positiv oder negativ? Ich weiß es nicht. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht sucht mein Geist nur erneut nach Mustern. Aber die Geschichte lehrt uns, dass Menschen erstaunlich kreativ darin sind, immer neue Trennlinien zu erschaffen. So sinne ich wohl oft über die einfache, fast kindliche Frage: Warum fällt es uns so schwer, miteinander zu leben, ohne einander ständig in Gruppen einzuteilen, gegeneinander aufzuwiegeln und schließlich zu hassen?

Johann Sebastian Bach #3 - Seelische Festigung und äußere Gestaltung

Als Johann Sebastian Bach im Jahr 1708 im Alter von dreiundzwanzig Jahren nach Weimar geht, tritt er in eine neue Phase seines Lebens ein. Die Jahre der Suche liegen hinter ihm. In Ohrdruf, Lüneburg, Arnstadt und Mühlhausen hat er gelernt, sich zu ordnen, zu arbeiten und seinen Weg zu behaupten. Nun beginnt eine Zeit, in der er nicht mehr nur lernt, sondern gestaltet.

Bach ist zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet. Am 17. Oktober 1707 hat er in Dornheim Maria Barbara Bach geheiratet, seine Cousine zweiten Grades, die aus einer ebenso musikalisch geprägten Familie stammt. Mit ihr beginnt er ein eigenes Leben aufzubauen. Doch dieses Leben ist von Anfang an nicht ruhig. Zwischen 1708 und 1718 werden sieben Kinder geboren: Catharina Dorothea (getauft am 29. Dezember 1708), Wilhelm Friedemann (geboren am 22. November 1710), die Zwillinge Johann Christoph und Maria Sophia (geboren am 23. Februar 1713, beide früh verstorben), Carl Philipp Emanuel (geboren am 8. März 1714), Johann Gottfried Bernhard (geboren am 11. Mai 1715) und schließlich Leopold Augustus (geboren 1718 in Köthen, ebenfalls früh verstorben). Drei dieser Kinder überleben die ersten Lebensjahre nicht.

Der Haushalt, den Bach in Weimar führt, ist kein privater Rückzugsort im modernen Sinne. Neben seiner Frau und den Kindern lebt auch Maria Barbaras Schwester Friedelena Margaretha Bach dauerhaft im Haus. Es handelt sich um einen offenen, funktionalen Haushalt: Ort des Lebens, des Lernens, der Arbeit. Hier wird unterrichtet, geübt, musiziert. Bach ist nicht nur Musiker, sondern Vater, Ehemann und Verantwortlicher innerhalb eines wachsenden familiären Gefüges.

In Weimar übernimmt Bach 1708 die Stellung als Hoforganist und Kammermusiker am Hof Herzog Wilhelm Ernsts. 1714 wird er zum Konzertmeister ernannt. Mit dieser Beförderung ist eine klare Verpflichtung verbunden: Er hat regelmäßig neue Kirchenmusik zu liefern, in der Regel monatlich eine Kantate. Seine Musik entsteht damit nicht außerhalb von Strukturen, sondern innerhalb fester Erwartungen. Sie ist Teil seines Amtes.

Diese Einbindung in Ordnung bedeutet jedoch nicht Anpassung. Bach zeigt in diesen Jahren eine ausgeprägte Eigenständigkeit. Als er 1717 eine neue Stelle als Kapellmeister in Köthen annimmt und seine Entlassung aus dem Weimarer Dienst erzwingen will, wird er verhaftet. Vom 6. November bis zum 2. Dezember 1717 sitzt er in Haft, offiziell „wegen seiner halsstarrigen Bezeugung und Erzwingung seiner Entlassung“. Diese Episode ist kein Randdetail. Sie zeigt einen Menschen, der bereit ist, persönliche Konsequenzen zu tragen, um seinen eigenen Weg zu gehen.

Nach seiner Freilassung verlässt Bach Weimar und tritt die Stelle als Kapellmeister am Hof Fürst Leopolds von Anhalt-Köthen an. Dort ist er „Director der Cammer-Musiquen“, verantwortlich für ein professionelles Ensemble, für Proben, Aufführungen und die gesamte musikalische Organisation des Hofes. Sein Leben verlagert sich stärker in den höfischen Raum. Die äußeren Bedingungen ändern sich, die Verantwortung wächst.

Doch auch in dieser Phase bleibt sein Leben nicht von Einschnitten verschont. Im Juli 1720 stirbt seine Frau Maria Barbara plötzlich in Köthen, während Bach sich mit dem Fürsten auf einer Reise in Karlsbad befindet. Er kehrt zurück und findet sein Haus verändert vor. Mit fünfunddreißig Jahren steht er als Witwer mit mehreren Kindern da. Wieder wird ihm ein tragender Teil seines Lebens genommen.

Und doch zeigt sich auch hier die Struktur, die sich durch sein Leben zieht. Bach bricht nicht. Er ordnet sich neu. 1721 heiratet er Anna Magdalena Wilcke, eine Sängerin am Köthener Hof, und stellt seinen Haushalt erneut auf. Leben wird nicht unterbrochen, sondern weitergeführt.

Parallel zu diesen äußeren Entwicklungen vollzieht sich eine innere Bewegung. Musik ist für Bach in diesen Jahren nicht mehr nur handwerkliche Tätigkeit oder berufliche Pflicht. Sie wird zu einem Ort, an dem sich für ihn eine Ordnung zeigt, die über das unmittelbar Sichtbare hinausweist. In der Arbeit an musikalischen Formen – im Aufbau von Stimmen, im Durchhalten von Strukturen, im Finden von Zusammenhängen – erfährt er etwas, das sich nicht allein technisch beschreiben lässt.

Später wird Bach in seiner Bibel notieren, dass bei andächtiger Musik Gott mit seiner Gnade gegenwärtig ist. Diese Haltung entsteht nicht plötzlich. Sie wächst in diesen Jahren. Sie ist Ergebnis eines Lebens, das sich zwischen Verantwortung, Verlust, Pflicht und Arbeit entfaltet. Musik wird für ihn zu einem Raum, in dem sich das Verhältnis zwischen Mensch und Gott konkretisiert – nicht theoretisch, sondern praktisch, im Tun.

Dabei ist Bach kein zurückgezogener Mensch. Er wirkt öffentlich, tritt auf, prüft Orgeln, spielt vor, wird wahrgenommen. Sein Ruf als Organist und Musiker wächst. Gleichzeitig bleibt er in die Hierarchien seiner Zeit eingebunden. Er dient dem Hof, erfüllt Erwartungen, bewegt sich innerhalb klarer sozialer Strukturen.

Gerade in dieser Spannung gewinnt sein Leben seine Form. Nach innen entsteht eine zunehmende Festigung: eine klare Ausrichtung, ein wachsendes Verständnis dessen, was seine Aufgabe ist. Nach außen gestaltet er: er führt einen Haushalt, übernimmt Verantwortung, wirkt in Amt und Gesellschaft.

So verbinden sich in diesen Jahren drei Ebenen: das familiäre Leben, das ihn bindet und fordert; die innere Arbeit, in der Musik für ihn zu einem Ort der Begegnung mit dem Göttlichen wird; und die äußere Ordnung, in der er als Amtsträger wirkt und sich behauptet.

Am Ende dieser Phase steht Bach nicht mehr als Suchender, sondern als ein Mensch, der seine Form gefunden hat. Er weiß, was er kann, und beginnt zu verstehen, wofür er es einsetzt. Seine Identität liegt nicht im Ruhm, sondern in der Verbindung von Pflicht, Glaube und Arbeit.

Als er 1723 nach Leipzig geht und dort das Amt des Thomaskantors übernimmt, beginnt eine neue Phase seines Lebens. Alles, was sich in diesen Jahren geformt hat, tritt nun in einen größeren Zusammenhang.


Quellen (Auswahl)

  • Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach: The Learned Musician, New York 2000.
  • Martin Geck, Johann Sebastian Bach. Leben und Werk, Reinbek 2000.
  • Michael Maul, Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche, Kassel 2015.
  • Peter Williams, J. S. Bach: A Life in Music, Cambridge 2007.
  • John Eliot Gardiner, Bach: Music in the Castle of Heaven, London 2013.
  • Bach-Archiv Leipzig / Bach Digital: Werk- und Personendatenbank
  • Bach-Dokumente (Edition des Bach-Archivs Leipzig)

Johann Sebastian Bach # 2 - seelische und territoriale Wanderungen

Wenn Johann Sebastian Bach im Alter von zehn Jahren nach Ohrdruf kommt, trägt er bereits mehr Erfahrung in sich, als ein Kind tragen sollte. Mutter und Vater sind gestorben, das vertraute Haus in Eisenach existiert nicht mehr. Was macht dies mit einem Kind?

Was ihm bleibt, ist ein Teil der Familie – und die Musik. Sein älterer Bruder, Johann Christoph Bach, nimmt ihn auf. Dieser ist Organist an der Michaeliskirche in Ohrdruf, streng, gewissenhaft, ein Mann der Ordnung. Das Haus, in das der junge Johann Sebastian eintritt, ist kein Ort der Trauer, sondern ein Ort der Arbeit. Unterricht, Üben, Gottesdienst – alles folgt einem Rhythmus. In einer kleinen thüringischen Stadt mit etwa zweitausend Einwohnern kennt jeder jeden; der Alltag ist überschaubar, die Kirche bildet den Mittelpunkt.[1]

Hier lernt Bach, dass Musik nicht aus spontaner Eingebung entsteht, sondern aus Wiederholung. Stundenlang übt er Orgel und Clavier, kopiert Noten, beobachtet seinen Bruder beim Unterrichten. Seine Welt wird kleiner, aber innerlich dichter. Die Ordnung der Übungen ersetzt die verlorene Ordnung der Familie. In dieser Zeit ereignet sich die bekannte Szene mit dem Notenheft. Der Bruder besitzt eine Sammlung wertvoller Stücke, die er verschlossen aufbewahrt. Darin befinden sich Werke von Komponisten wie Johann Pachelbel, Johann Jakob Froberger, Johann Caspar Kerll und Girolamo Frescobaldi.[2] Bach darf sie nicht benutzen. Doch der Wunsch zu lernen ist stärker als das Verbot. Nacht für Nacht kopiert er die Noten bei Mondlicht, heimlich, geduldig, über Monate hinweg. Als der Bruder es entdeckt, nimmt er ihm die Abschrift wieder weg.

Diese Szene ist entscheidend. Bach erlebt einen Rückschlag – und gleichzeitig wächst sein Wille. Wissen wird ihm entzogen, aber der Prozess des Kopierens hat ihn bereits verändert. Er hat die Musik verinnerlicht, nicht nur gelesen. Verlust verwandelt sich in Antrieb. Diese Haltung wird sein Leben prägen: Hindernisse werden nicht als Ende erlebt, sondern als Aufforderung, mehr zu tun.

In Ohrdruf begegnet er vor allem den Chorälen der lutherischen Tradition. Ein Choral ist ein Gemeindelied, meist in einfacher Melodie, das im Gottesdienst von allen gesungen wird. Diese Melodien sind für die lutherische Frömmigkeit zentral: Sie verbinden Theologie, Gemeinde und Musik. Für Bach, ich denke das kann man so sagen, werden sie zum Fundament seines Denkens. Der Choral ist schlicht, aber voller Bedeutung. Eine klare Melodie, ein Text über Gnade, Trost, Vergänglichkeit usw. Indem er diese Choräle begleitet, variiert und improvisiert, lernt Bach, dass Musik eine Botschaft trägt. Sie dient nicht dem Applaus, sondern dem Glauben. Durch sie wird ebenfalls Gott gedient. Ich denke diese Erkenntnis wächst langsam in Bach, fast unmerklich und mündet in einer Einstellung zur Musik, in der Musik beginnt als Verkündigung zu verstehen.[3]

Mit fünfzehn Jahren verlässt Bach auch Ohrdruf. Der Weg nach Lüneburg ist weit, etwa 300 Kilometer zu Fuß. Gemeinsam mit seinem Freund Georg Erdmann macht er sich auf den Weg.[4] Mehrere Wochen sind sie unterwegs, schlafen in einfachen Herbergen, gehen täglich zwanzig bis dreißig Kilometer. Diese Reise ist nicht nur geografisch. Zwei junge Männer verlassen die Enge Thüringens und betreten eine größere Welt. In Lüneburg, einer Stadt mit etwa 12.000 Einwohnern, ist das Leben vielfältiger. Händler, Schüler, Musiker, Soldaten – alles wirkt offener, beweglicher.[5]

In der Michaelisschule wird Bach Chorsänger. Der Tagesablauf ist streng: Gebet am Morgen, Unterricht in Latein und Theologie, Chorproben, Gottesdienste. Er singt im Mettenchor, lernt Polyphonie, Kontrapunkt, neue Stile. Dann erlebt er den Stimmbruch. Die Stimme, mit der er bisher diente, verschwindet. Wieder ein Verlust, nach all den Verlusten bis zu dem Zeitpunkt. Wieder wird ihm der Halt genommen. Doch erneut verwandelt er den Verlust und die Haltlosigkeit in Antrieb und damit wird für mich eindeutig, dass der junge Bach bereits sehr tief religiös war und seinen eigentlichen Halt in Gott fand, als unvergänglicher Instanz, die ihn nicht im Stich lässt, die ihn nicht verlässt. Er wendet sich intensiver den Tasteninstrumenten zu. An der Stelle seiner Stimme werden Orgel und Cembalo zu seiner Sprache.

In Lüneburg entdeckt Bach auch neue musikalische Horizonte. Er hört den Organisten Georg Böhm, dessen Werke ihn prägen.[6] Böhm verbindet klare Choralmelodien mit kunstvollen Variationen. Bach erkennt, dass man die schlichte Gemeindemelodie in einen größeren Klangraum stellen kann.

Mit achtzehn Jahren erhält Bach seine erste Anstellung in Arnstadt. Er ist jung, voller Energie, verantwortlich für eine neue Orgel. Doch er spürt, dass er noch lernen muss. Mit zwanzig Jahren nimmt er Urlaub und reist zu Fuß nach Lübeck, etwa 400 Kilometer.[7] Sein Ziel ist der berühmte Organist Dieterich Buxtehude. Diese Reise ist ein Wagnis. Er bleibt länger als erlaubt, riskiert Kritik. Aber er folgt einem inneren Drang.

In Lübeck hört er die Abendmusiken, große geistliche Konzerte, die Musik und Predigt verbinden. Buxtehude improvisiert, verbindet Choräle mit freier Fantasie. Bach erlebt eine neue Dimension. Musik kann monumental sein und zugleich zutiefst religiös. Diese Erfahrung bestätigt, was er innerlich bereits ahnte: Musik ist definitiv ein Weg, Gott zu dienen.

Als er zurückkehrt, ist er verändert. Seine Spielweise wird komplexer, freier. Nicht alle verstehen ihn. Es kommt zu Spannungen, sogar zu der bekannten Auseinandersetzung mit dem Fagottisten Johann Heinrich Geyersbach. Der junge Bach verteidigt seine musikalischen Ansprüche leidenschaftlich. Diese Episode zeigt seine Entwicklung: Der stille Schüler ist ein junger Mann geworden, der für seine Überzeugungen einsteht. Auch die Verlängerung seines Aufenthaltes bei Buxtehude und die Tatsache, dass er damit seine Stelle riskiert, was oft erwähnt wird in der Bachforschung, wird als Nachweis für seine Bereitschaft gesehen für seine Überzeugungen einzustehen.

Nach meiner Ansicht vollzieht sich bei Bach zwischen zehn und dreiundzwanzig Jahren eine innere Reise. Verlust führt zur Suche nach Ordnung. Ordnung führt zur Arbeit. Arbeit führt zur Erkenntnis, dass Musik mehr ist als Klang. Jeder Rückschlag – der Tod der Eltern, das verbotene Notenbuch, der Stimmbruch, Kritik in Arnstadt – wird zum Antrieb. Bach hat schon in dieser Zeit eindeutig Halt in Gott gefunden und gelernt deshalb Halt nicht in äußeren Umständen zu suchen, sondern sucht lediglich einen zuverlässigen Weg zu dienen durch die Musik. Er sieht in der Struktur eines Chorals, in der Disziplin des Übens, in der Gewissheit, dass Musik eine höhere Aufgabe hat seine Weg wegen frühkindlicher Prägung im Elternhaus und so verbinden sich wohl in der Tiefe seiner Seele seine starke Verbindung zu Gott und seine musikalische Erziehung zu einer Art Vision seines Lebens.

So wächst in diesen Jahren ein Mensch heran, der seine Identität findet: nicht als Genie, sondern als Diener. Ein junger Mann, der begreift, dass Arbeit ihn trägt, dass Musik ihn ordnet und dass er durch diese Ordnung Gott dienen kann. Er fühlt die Größe seines Auftrags und sucht deshalb die Besten, um zu lernen, um sich zu entwickeln, um in der Lage sein zu können seinen Auftrag zu erfüllen. Seine spätere Größe beginnt exakt deshalb nicht im Ruhm, sondern in dieser stillen inneren Bewegung – in der Entdeckung, dass Sinn dort entsteht, wo Pflicht, Glaube und Musik einander tragen.

So beginnt seine dritte Phase des Lebens, die ich in meinem nächsten, dritten Text zu Bach, angehen werde.


Quellen
[1] Martin Geck, Johann Sebastian Bach. Leben und Werk, Reinbek 2000, 29–31.
[2] Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach: The Learned Musician, New York 2000, 33–35.
[3] Hans-Joachim Schulze, Die Bach-Familie, Leipzig 1984, 19–23.
[4] Peter Williams, J. S. Bach: A Life in Music, Cambridge 2007, 18–21.
[5] Michael Maul, Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche, Kassel 2015, 36–39.
[6] John Eliot Gardiner, Bach: Music in the Castle of Heaven, London 2013, 58–60.
[7] Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach, 68–72.

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