2026
Anstand und Abstand
Es gibt kaum etwas, das wichtiger für uns Menschen ist als soziale Beziehungen. Dennoch lügen wir uns gegenseitig an, betrügen, manipulieren, intrigieren und zerstören einander. Soziale Beziehungen sind wie die Luft zum Atmen. Doch so, wie wir unsere Umwelt und dadurch die Luft verschmutzen, so vergiften wir oft auch unser Miteinander.
Warum tun wir das?
Kontrolle ist nicht der Grund. Wenn es Kontrolle wäre, würden wir das, was uns am wichtigsten ist, schützen und bewahren, statt es zu zerstören.
Unwissenheit ist es auch nicht. Spätestens, wenn wir isoliert und ohne Halt zurückbleiben, lernen wir die fundamentale Wichtigkeit von Nähe.
Selbstzerstörung ist es nicht. Es gäbe weitaus schnellere und effizientere Wege, sich selbst zu schaden.
Vergesslichkeit spielt eine Rolle, erklärt das Phänomen aber nicht vollständig. Denn in uns existiert immer auch die Fähigkeit, uns zu erinnern.
Unsere Destruktivität entspringt wohl eher einer komplexen Mischung aus charakterlichen Schwächen und situativen Momenten. Doch so sehr es sich lohnt, diese Gründe zu ergründen, so wichtig ist es, einen Ausweg aus diesem schmerzhaften Kreislauf zu finden.
Das Fundament: Der Anstand
Zum Glück haben vorangegangene Generationen uns einen unschätzbaren Erfahrungsschatz hinterlassen. Der wertvollste Lösungsweg, der in der Menschheitsgeschichte je erzeugt wurde, heißt Anstand.
Anstand lehrt uns, mit festen Werten zu leben. Er verlangt, unsere Familie, unsere Freunde und unsere Institutionen zu respektieren – unabhängig davon, wie fehlerhaft sie sein mögen. Anstand bedeutet jedoch nicht, Fehler stillschweigend zu akzeptieren. Er fordert uns auf, Missstände mutig anzusprechen und zu protestieren.
Vor allem aber lehrt uns der Anstand eines: Es darf keine Vergebung ohne vorherige Reue geben.
Gleichzeitig schützt uns der Anstand vor Überheblichkeit. Er spiegelt uns unsere eigene Unvollkommenheit wider und zeigt uns, dass auch wir tagtäglich Fehler machen. Wenn wir selbst nicht in der Lage sind, anderen zu vergeben, wie können wir dann erwarten, dass uns vergeben wird? Doch diese Vergebung setzt zwingend voraus, dass derjenige, der den Fehler begangen hat, echte Reue zeigt. Erst wenn wir den eigenen Fehltritt aufrichtig bereuen, erlangen wir das Recht, um Vergebung zu bitten.
Wir lernen diesen Anstand von unseren Eltern, Familien, Freunden, von Seelsorgern, Politikern, Künstlern, Philosophen und den großen Persönlichkeiten der Geschichte. Die Möglichkeiten, Anstand zu lernen, sind zahlreich – doch leider gibt es in unserer Welt noch weitaus mehr Gelegenheiten, den akuten Mangel daran zu erleben. Niemand von uns ist perfekt anständig. Das Schöne am Anstand ist jedoch, dass er keine Perfektion verlangt. Er erfordert lediglich den ununterbrochenen Willen, an ihm festzuhalten, Reue zu üben und Vergebung zu suchen.
Ein persönlicher Abschied auf Zeit
Ich schreibe diese Zeilen heute aus einem konkreten, schmerzhaften Anlass. Ein Mensch, den ich seit über 20 Jahren als meinen besten Freund betrachtet habe, hat mich zutiefst enttäuscht. Aus Gründen des Anstands sehe ich mich gezwungen, ab jetzt Abstand von ihm zu nehmen – so lange, bis er Reue zeigt und um Vergebung bittet.
Ich habe in dieser Freundschaft unendlich viel gegeben und getan. Auch von ihm kam viel zurück, wenngleich in der Summe deutlich weniger. Doch das ist nebensächlich. Freundschaft ist keine Mathematik und kein Handelsgeschäft. Es geht nicht darum, Aufzurechnen oder mehr zu bekommen, als man gibt. Es geht einzig um die Bereitschaft, alles zu geben, was man kann, wenn es nötig ist.
Aus Anstandsgründen werde ich weder seine Identität noch seine konkrete Tat öffentlich nennen. Es geht hier nicht um Pranger oder Rache, sondern um die Verletzung, die mir zugefügt wurde, und das Leid, das daraus folgte. Sein Mangel an Anstand hat mich tief erschüttert.
Als fehlerhafter und sündiger Mensch, der ich selbst bin, bete ich heute zum Gott des Anstands. Ich bete darum, dass Er meinem Freund hilft, sein Fehlverhalten zu erkennen, den in mir ausgelösten Schmerz zu begreifen und den Mut aufzubringen, diese Untat aufrichtig zu bereuen und wieder gutzumachen.
Es gibt nichts wichtigeres als den Mut zum Abstand, nach dem wir deutlich genug gesprochen haben, nicht nur damit der Anstand seine Wirkung entfalten kann, sondern damit wir uns vor künftigen Verletzungen schützen. Was bleibt uns anderes übrig? Unsere Freunde zu bekämpfen, zu bestrafen, zu zerstören, zu hassen, bloß zu stellen, das alles wollen wir nicht, denn dadurch kommt es zu keiner Besserung in unserem Leben. Aber unseren Schmerz und unsere Enttäuschung darzustellen, das müssen wir, dazu verpflichtet uns der Anstand, genauso wie er uns dazu verpflichtet, nach deutlicher Darstellung, zum Selbstschutz auf Abstand zu gehen.
Wohl überlegt will jeder Eintritt in eine freundschaftliche Beziehung sein, denn nichts fordert mehr von uns in dieser Welt und zugleich kann uns auch nichts mehr bereichern. So ist es dann auch, wenn eine Freundschaft endet, viel nimmt sie uns, unser Herz bricht sie uns und so beharren wir im Anstand und in Bereitschaft zu vergeben, bis und falls Reue gezeigt wurde.
Die Physik der Kriegsspirale und ihre Opfer
Warum muss das Beenden von Kriegen ein für alle Mal, zum einzigen legitimen Ziel jeder Politik werden?
Wenn kriegerische Konflikte analysiert werden, greifen Historiker und Soziologen häufig auf die Sprache der Naturwissenschaften zurück, um die Dynamik der Gewalt zu beschreiben. In der Soziologie des Krieges wirkt das Phänomen, das als „Kriegsspirale“ bekannt ist, nach Prinzipien, die erschreckend an Newtons Gesetz von Aktion und Reaktion erinnern. In menschlichen Konflikten ist diese Reaktion jedoch fast nie gleich stark; sie ist asymmetrisch, genährt von existenzieller Angst, kollektiven Traumata und dem Wunsch nach Vergeltung.
Die anfänglichen Verbrechen einer Seite setzen einen dialektischen Prozess in Gang, in dem die andere Seite entmenschlicht wird. Der Feind hört auf, ein einzelner Mensch mit Vor- und Nachnamen zu sein, und wird zu einem Kollektiv, das beseitigt werden muss. Dieser Text hat nicht die Absicht, Leid abzuwägen oder zu messen, denn jede Träne und jedes ausgelöschte Leben haben dasselbe Gewicht. Dieser Text hat zum Ziel es zu unterstreichen, dass die größte Pflicht der Politik darin bestehen sollte, Kriege zu verhindern. Das ist nur möglich, wenn man der Kriegsspirale ihren Treibstoff entzieht — denn Opfer führen zum Bedürfnis nach Rache, und dieses führt zu neuen Opfern und einem neuen Bedürfnis nach Rache und so dreht sich immer weiter ein Teufelskreis aus dem man nur schwer entrinnen kann.
Das Verständnis dieser „Physik der Gewalt“ ist kein Instrument zur Amnestierung der Täter oder zur Relativierung von Verbrechen. Im Gegenteil: Es ist der einzige Weg zu verstehen, wie Krieg zu einem sich selbst erhaltenden Mechanismus wird, der Menschen und Moral gleichermaßen verschlingt und hinter sich nur Massengräber auf allen Seiten zurücklässt.
Viele Kriege haben auf unserem Planeten stattgefunden. Einer der besonders gewaltsamen und blutigen Kriege, der sich vor nicht allzu langer Zeit auf dem europäischen Kontinent ereignete, war im Vergleich zu den großen Kriegen, die zig Millionen Opfer forderten, zwar relativ klein, zeigt aber zugleich die menschliche Grausamkeit und die Logik dieser Kriegsspirale. Es handelt sich um den Krieg in Bosnien und Herzegowina zwischen 1992 und 1995.
Viele Kriegshandlungen und Verbrechen fanden in diesem Krieg statt, der insgesamt über 80.000 Opfer hatte. Die Kriegshandlungen und Verbrechen in und um Srebrenica bleiben jedoch, auch heute, 30 Jahre nach dem Ende dieses Krieges deutlich mehr in Gesprächen als andere.
Die lokale Gewaltspirale im Gebiet der Gemeinden Srebrenica, Bratunac, Vlasenica und Zvornik wurde im Frühjahr 1992 in Gang gesetzt. Systematische Angriffe von Einheiten der Armee Bosnien und Herzegowinas (ABiH) aus Srebrenica auf umliegende serbische Dörfer führten zur vollständigen Verwüstung der serbischen zivilen Infrastruktur. Nach Angabe verschiedener Quellen wurde dieser Region über 90 Prozent der serbischen Vorkriegsbevölkerung vernichtet oder vertrieben, durch eine Welle schwerer Verbrechen, Folterungen und Brandstiftungen, bei denen 156 ethnisch serbische Dörfer und Siedlungen zerstört und niedergebrannt wurden während anschließend in einem organisierten und an verschiedenen Orten begangenen Verbrechen in 1995 über 8000 männliche Bosniaken von Seiten der Armee der Republika Srpska hingerichtet wurden.
Schauen wir uns diese Chronologie der Ereignisse in etwas mehr Detail an:
A) Mai – Juni 1992: Der Beginn
Gniona und Blječeva (6. Mai 1992 – Đurđevdan): Die ersten Ziele lokaler Einheiten aus Potočari. In Gniona wurden ältere serbische Einwohner getötet, darunter der bewegungsunfähige Radojko Milošević (74), der lebendig in seinem Haus verbrannt wurde. Die Dörfer wurden vollständig geplündert und niedergebrannt.
Vijogor, Osredak, Kovačice und Orahovica (15. Mai 1992): In einer koordinierten Aktion wurden diese serbischen Weiler niedergebrannt. Mehrere Zivilisten wurden auf ihren Türschwellen getötet, und das Eigentum wurde vollständig verwüstet und geplündert.
Oparci und Obadi (Mai/Juni 1992): Die Dörfer erlitten brutale Überfälle. In Oparci wurden sechs Zivilisten getötet, darunter drei Mitglieder der Familie Petrović. Die Häuser wurden zerstört, um jede Rückkehr der Bevölkerung zu verhindern.
Ratkovići, Magdovići, Kaludra und Brađevina (21. Juni 1992): In den frühen Morgenstunden wurden 24 Menschen getötet, überwiegend Zivilisten. Die bewegungsunfähige Živana Prodanović wurde auf grausame Weise getötet, und ältere Frauen kamen in brennenden Häusern ums Leben. Die Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht.
Brežani (30. Juni 1992): Bei dem Angriff wurden 32 Zivilisten und Soldaten getötet. Viele Opfer erlitten schwere Folter; einige wurden enthauptet aufgefunden, andere lebendig verbrannt. Die älteren Dorfbewohner Miloš Novaković (85) und Vidosava Trifunović (75) wurden auf grausame Weise auf ihren Grundstücken getötet.
B) Juli – September 1992: Belagerung und Zerstörung engerer Enklaven
Krnjići (5. Juli 1992): Es kam zu einem Massaker an 24 Dorfbewohnern. Die Angreifer töteten Menschen während der Feldarbeit, darunter alte Menschen und Frauen. Der Dorfpriester Slobodan Lazarević wurde auf äußerst brutale Weise getötet, sein Körper wurde verstümmelt, bevor die Kirche geschändet wurde.
Zalazje, Sase, Biljača und Zagoni (12. Juli 1992 – Petrovdan): Ein koordinierter Großangriff, bei dem 69 Serben getötet wurden. In Zalazje wurde ein Teil der gefangenen serbischen Kämpfer und Zivilisten lebend nach Srebrenica gebracht, wo sie schwere Folter erlitten, bevor sie liquidiert wurden. Ihre sterblichen Überreste wurden erst 2010 auf einer örtlichen Müllhalde gefunden.
Magašići (Gornji und Donji) und Hranča (Juli 1992): In Gornji Magašići wurden am 20. Juli acht Zivilisten getötet, überwiegend Frauen, die auf den Feldern arbeiteten. Unter den Opfern befand sich auch die schwangere Ljiljana Ilić (26). In Donji Magašići und Hranča wurden Häuser systematisch niedergebrannt, und angetroffene Zivilisten wurden hingerichtet.
Ježestica (August 1992 / Januar 1993): Das Dorf wurde mehrfach angegriffen. Beim ersten Angriff wurden neun Dorfbewohner getötet; den Brüdern Anđelko und Dragan Miladinović wurden vor den Augen ihrer Mutter die Köpfe abgeschlagen, die die Angreifer als Trophäen nach Srebrenica mitnahmen. Im Januar 1993 wurde das Dorf endgültig vernichtet und niedergebrannt.
Podravanje (24. September 1992): In vollständiger Umzingelung wurden 32 Dorfbewohner getötet. Die meisten Opfer wurden massakriert und erlitten vor ihrem Tod erschreckende körperliche Folter. Alle Häuser wurden geplündert und bis auf die Grundmauern niedergebrannt.
C) Oktober – Dezember 1992: Ausweitung des Konflikts in Richtung Drina
Fakovići und Boljevići (5. Oktober 1992): Ein systematischer Angriff, bei dem 25 Serben getötet wurden. Die Opfer wurden in ihren Häusern und Höfen getötet, viele Leichen wurden später verkohlt in niedergebrannten Gebäuden gefunden. Die Verbindung entlang der Drina wurde unterbrochen.
Loznička Rijeka (1992): Dieser Ort erlitt durch aufeinanderfolgende Überfälle schwere Verluste, wobei Dutzende Menschen getötet und die gesamte Bevölkerung vertrieben wurde.
Sikirić und Bjelovac (14. Dezember 1992): Bei einem massiven grenzüberschreitenden Angriff wurden 68 Menschen serbischer Nationalität getötet. Unter den Opfern waren viele Frauen und Kinder. Überlebende Zivilisten versuchten in Flüchtlingstrecks, die Drina in Richtung Serbien zu durchschwimmen, während ununterbrochen Scharfschützen- und Maschinengewehrfeuer auf sie eröffnet wurde.
Brana Bačići (Dezember 1992): Ein industrieller und ziviler Punkt, der angegriffen wurde, um den Uferstreifen zu kontrollieren; dies war begleitet von Tötungen von Arbeitern und Wachleuten.
D) Januar – April 1993: Höhepunkt der Winteroffensive der Armee Bosnien und Herzegowinas
Kravica und Šiljkovići (7. Januar 1993 – Weihnachten): Einer der brutalsten Angriffe unter dem Kommando von Naser Orić. Getötet wurden 49 Dorfbewohner, mehr als 80 wurden verwundet. Das jüngste Opfer war Vladimir Gajić (4 Jahre), das älteste Mara Božić (84 Jahre), die vor ihrem Tod gefoltert und verbrannt wurde. Das gesamte Zentrum des serbischen Widerstands mit über 600 Häusern wurde vollständig niedergebrannt, Vieh und Lebensmittel wurden geplündert.
Skelani (16. Januar 1993): Der Angriff umfasste den Ort selbst und zahlreiche umliegende Weiler. Getötet wurden 69 Dorfbewohner, 165 wurden verwundet. Die meisten Zivilisten wurden auf der Brücke getötet, die Skelani und Bajina Bašta verbindet, während sie unter Feuerstößen nach Serbien zu fliehen versuchten. Auf dieser Brücke wurden auch die Jungen Aleksandar (5) und Radisav Dimitrijević (11) getötet.
Konjević Polje und Sandići (Anfang 1993): Serbische Grundstücke und Gemeinschaften wurden im Verlauf der Winteroperationen der ABiH vollständig beseitigt und besetzt, mit dem Ziel, Srebrenica mit Cerska und Žepa zu verbinden.
Osmače, Međe und Višnjica (bis Frühjahr 1993): Grenznahe und Randdörfer erlitten vollständige ethnische Säuberung und Zerstörung, bevor die Vereinten Nationen Srebrenica im April 1993 zur „Schutzzone“ erklärten.
Diese Verbrechen erzeugten unter den lokalen Serben ein kollektives Trauma aus Frustration, großen Verlusten und Ohnmacht. Sie dienten als erschreckender Treibstoff des Zorns.
Kulmination und Zusammenbruch der Spirale: Juli 1995
Drei Jahre nach Beginn der anfänglichen Konflikte erreichte die Kriegsspirale ihr blutigstes und tragischstes Crescendo. Nach dem Einmarsch der Armee der Republika Srpska (VRS) unter dem Kommando von Ratko Mladić in die UN-Schutzenklave Srebrenica im Jahr 1995 wurde ein massives, kaltblütiges und systematisches Verbrechen an gefangenen männlichen Bosniaken begangen. Frauen, Kinder und alte Menschen wurden von der VRS verschont und mit Bussen in Sicherheit gebracht. Danach wurden alle wehrfähigen Männer in kleineren Gruppen an verschiedene Orte gebracht, hingerichtet und begraben.
Warum und wie konnte das alles geschehen?
Nach der Erklärung Srebrenicas zur UN-Schutzenklave im April 1993 wurde ihre vollständige Entwaffnung vereinbart. Die Demilitarisierung wurde jedoch vor Ort nie umgesetzt. Die Kräfte der 28. Division der Armee Bosnien und Herzegowinas unter dem Kommando von Naser Orić behielten ihre leichten Waffen, ihre Kommandostruktur und ihr militärisches Potenzial innerhalb der Enklave.
So wurde Srebrenica zu einem militärischen Paradox: ein Ort unter dem Schutz des Völkerrechts, von dem aus militärische Überfälle auf umliegendes serbisches Gebiet durchgeführt wurden. Wie ein Fuchs, der im Winter in einen Hühnerstall eindringt, schreckliche Verluste verursacht und dann seine Spuren geschickt im Schnee verwischt, nutzten die Einheiten unter dem Kommando von Naser Orić die Schutzzone als sicheren Zufluchtsort. Sie brachen zu schnellen, zerstörerischen Kriegszügen gegen umliegende serbische Dörfer auf und kehrten nach den Angriffen in die Enklave zurück, wo sie in der Zivilbevölkerung untertauchten.
Der französische General Philippe Morillon, der als erster nach Srebrenica gelangte, erklärte später in seiner Aussage vor dem Haager Tribunal, Naser Orić habe einen Krieg nach der Taktik von Partisanenüberfällen geführt, bei denen Zivilisten häufig als Schutzschild genutzt worden seien. Unter solchen Umständen konnte die VRS die militärischen Kräfte, die sie angriffen, nicht lokalisieren oder neutralisieren. Dies erzeugte in den Reihen serbischer Kämpfer und der Bevölkerung einen kumulativen, unerträglichen Zorn. Jeder Überfall und jede schnelle Rückkehr der Angreifer unter den Schutz der Vereinten Nationen zog die Feder dieser Kriegsspirale weiter auf, bis sie im Juli 1995 endgültig brach.
Nach den rechtlich und wissenschaftlich festgestellten Tatsachen vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) und dem Internationalen Gerichtshof (IGH) wurden im Juli 1995 über 8.000 bosniakische Männer und Jungen organisiert hingerichtet. Die Opfer wurden an Orten wie Kravica, in der landwirtschaftlichen Genossenschaft, Orahovica, Pilica, Branjevo und Petkovci massenhaft erschossen. Diese Tat wurde rechtlich als Genozid eingestuft.
Die dialektische Verbindung zwischen 1992 und 1995 zeigt sich darin, dass dieses Massenverbrechen nicht isoliert vom dreijährigen Kontext der Belagerung, gegenseitiger Angriffe und eines angestauten Wunsches nach Vergeltung betrachtet werden kann. Die Spirale der Gewalt, einmal in Gang gesetzt, löschte soldatische Ehre und moralische Hemmungen vollständig aus und verwandelte die Aktion zur Verteidigung von Territorium aus dem Jahr 1992 in eine monströse Exekution Tausender Gefangener im Jahr 1995.
Erklärung ist keine Rechtfertigung
In jeder ernsthaften gesellschaftlichen und historischen Analyse ist es entscheidend, zwei Begriffe voneinander zu unterscheiden: Erklärung und Rechtfertigung. Die Physik der Kriegsspirale zu verstehen — zu begreifen, dass die schrecklichen Verbrechen von 1992/1993 Zorn und die Bedingungen für den Schrecken von 1995 erzeugten — ist eine wissenschaftliche Erklärung kausaler Zusammenhänge.
Diese Erklärung darf jedoch keinesfalls eine moralische oder rechtliche Rechtfertigung sein. Die Massenexekution gefangener Menschen im Juli 1995 war ein eigenständiges, planmäßig organisiertes Verbrechen, das alle Normen des internationalen Kriegsrechts und zivilisatorischer Werte überschritt, genauso wie die verbrecherischen Feldzüge gegen 156 serbische Dörfer und Weiler in der Umgebung von Srebrenica. Die Kriegsspirale erklärt, wie Menschen in der Masse ihre Menschlichkeit verlieren, aber sie amnestiert nicht denjenigen, der den Befehl gab und den Abzug betätigte.
Frieden als höchstes politisches Interesse
Diese grausame Anatomie des Leidens im Podrinje hinterlässt uns eine einzige, höchste Lehre: Die Kriegsspirale besitzt kein eingebautes Bremssystem. Sie ernährt sich wahnsinnig von den Körpern Unschuldiger auf beiden Seiten, bis sie sich physisch erschöpft oder bis eine äußere Kraft sie stoppt.
Deshalb ist das Gedenken an alle Opfer ohne Unterschied — an serbische Zivilisten, die auf ihren Türschwellen getötet wurden, ebenso wie an bosniakische Jungen und Männer, die in Srebrenica hingerichtet wurden — kein Aufruf zur Suche nach einer simplifizierten Symmetrie der Schuld. Es ist der gemeinsame Nenner des Leidens, der uns deutlich zeigt, dass es im Krieg keine Sieger gibt und keine Sieger geben kann.
Wenn Krieg einmal beginnt, weicht die Logik der Humanität und des Rechts der blinden Physik des Konflikts. Politiker und Heerführer, die glauben, den Krieg zu kontrollieren, sind in Wirklichkeit nur Figuren in einem Mechanismus, der sie übersteigt. Das größte, bedeutendste und einzig wirklich legitime Ziel jeder verantwortlichen Politik muss sein: alle Kriege ein für alle Mal zu beenden. Es gibt kein nationales, staatliches oder ideologisches Interesse, das das Leben eines einzigen Kindes wert wäre. Das Gedenken an die Opfer ist unsere Pflicht gegenüber der Vergangenheit, und die Bewahrung eines dauerhaften Friedens ist das einzige Unterpfand für eine Zukunft, in der sich eine solche Spirale niemals wieder in Bewegung setzt.
Dieser schreckliche Krieg forderte insgesamt mehr als 80.000 Opfer. Die Verbrechen in der Umgebung von Srebrenica und in Srebrenica selbst machen somit insgesamt nur einen kleineren Teil davon aus, sind jedoch wegen ihrer Grausamkeit zum Gegenstand zahlreicher Gespräche geworden, die bis heute, mehr als 30 Jahre nach dem Ende dieses Krieges, nicht verstummen.
Wissenschaftliche und dokumentarische Quellen, auf die sich der Artikel stützt
„Das bosnische Buch der Toten: Menschliche Verluste in Bosnien und Herzegowina 1991–1995“ – Forschungs- und Dokumentationszentrum (IDC) Sarajevo, Autor Mirsad Tokača. Dies ist die umfassendste unabhängige wissenschaftliche Studie und Datenbank, die methodische Präzision in die Erfassung der Opfer aller Nationalitäten in Bosnien und Herzegowina brachte und den Raum für politische Manipulationen verringerte.
Archiv des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) / Internationaler Residualmechanismus für die Ad-hoc-Strafgerichtshöfe (IRMCT):
Fall „Ankläger gegen Radovan Karadžić“ (IT-95-5/18).
Fall „Ankläger gegen Ratko Mladić“ (IT-09-92).
Fall „Ankläger gegen Naser Orić“ (IT-03-68) – Gerichtsprotokolle, Zeugenaussagen von Sachverständigen und Militäranalysten zu den Operationen der ABiH im Podrinje 1992–1993.
Demografische Studien der Sachverständigeneinheit des ICTY (Ewa Tabeau und Jakub Bijak): Wissenschaftliche Arbeiten und statistische Berichte, die dem Gericht vorgelegt wurden und die demografischen Veränderungen sowie die Zahl der Getöteten in der Region Srebrenica und im Podrinje während des Krieges präzise analysieren.
Bericht des Generalsekretärs der Vereinten Nationen über Srebrenica (1999): Dokument A/54/549, das die erschreckende Chronik der Ereignisse seit Kriegsbeginn, die Rolle der Schutzzonen und die Dynamik des Konflikts vor Ort detailliert analysiert.
Dokumentation des Zentrums für die Erforschung des Krieges, der Kriegsverbrechen und der Suche nach vermissten Personen der Republika Srpska / Verband der Lagerinsassen der Republika Srpska: Medizinische Dokumentation zu Todesursachen, Fotodokumentation von Exhumierungen und offizielle Listen getöteter Zivilisten in den Dörfern Kravica, Zalazje, Skelani und Brežani.
Johann Sebastian Bach # 4 - die universelle Ordnung, Tod, Vergessenheit und Wiederauferstehung
Dies ist der vierte und abschließende Text meines philosophischen Projekts zu Johann Sebastian Bach. Nachdem wir seinen Weg von der handwerklichen Zunftstruktur der Eisenacher Kindheit über die existenziellen Wandlungen der Jugend bis zur äußeren Gestaltung der Weimarer und Köthener Jahre nachverfolgt haben, gilt es nun, den Blick auf das monumentale Finale seines Lebens zu richten. Hier, in der längsten und schmerzhaftesten Phase seines Wirkens, bricht sich eine Zäsur Bahn, die nicht nur Bachs eigene Existenz, sondern die Koordinaten der westlichen Kultur für immer verändert hat. Es ist das philosophische Projekt eines Mannes, der die Trümmer der Zeitlichkeit in eine unerschütterliche Architektur des Geistes goss – und dessen Werk für die Musikgeschichte zu dem wurde, was Sokrates für die Philosophie, Jesus für die Religion oder Newton für die Physik bedeuten: eine radikale Zeitwende, ein absoluter Nullpunkt.
Das Leipziger Spätwerk – Architektur im permanenten Ausnahmezustand
Als Johann Sebastian Bach am 22. Mai 1723 mit seiner Familie in Leipzig eintrifft, um das Amt des Thomaskantors und Director Musices anzutreten, ist er achtunddreißig Jahre alt. Er befindet sich auf dem Höhepunkt seiner geistigen und handwerklichen Kräfte, doch er ist keineswegs die unumstrittene erste Wahl der Stadtväter. Erst nachdem Georg Philipp Telemann und Christoph Graupner abgesagt hatten, einigte man sich auf Bach – verbunden mit dem berühmt-berüchtigten Stoßseufzer des Ratsherrn Abraham Christoph Platz, man müsse, da man die Besten nicht bekommen könne, „also mittlere nehmen“.
In Leipzig betritt Bach die Bühne seiner anspruchsvollsten und zugleich aufreibendsten äußeren Ordnung. Siebenundzwanzig Jahre lang, bis zu seinem Tod am 28. Juli 1750, wird er in der Dienstwohnung im südlichen Flügel der Alten Thomasschule leben. Es ist ein Ort der totalen Verdichtung: Wand an Wand mit den lärmenden, oft kranken Internatsschülern, konfrontiert mit einem monumentalen Pensum aus wöchentlichen Kantatenaufführungen und im permanenten, zähen Konflikt mit den weltlichen Behörden der Universitätsstadt, die seinen künstlerischen Anspruch oft als „halsstarrig“ empfinden.
Doch die tiefste Erschütterung dieser Leipziger Jahre vollzieht sich nicht in den Ratssälen, sondern im privaten Refugium des Hauses. Wenn wir Bachs Leben philosophisch als den Versuch verstehen, durch musikalische Struktur der Vergänglichkeit zu trotzen, dann finden wir in Leipzig das radikalste Paradoxon dieser Haltung.
Aus seiner ersten, tragisch geendeten Ehe mit Maria Barbara brachte Bach vier überlebende Kinder mit nach Leipzig: Catharina Dorothea, Wilhelm Friedemann, Carl Philipp Emanuel und Johann Gottfried Bernhard. Drei Kinder hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits verloren. Mit seiner zweiten Frau, Anna Magdalena, die im Mai 1723 ein Säugling an der Hand hält, wird er in Leipzig zwölf weitere Kinder zeugen. Insgesamt beläuft sich die historische Bilanz auf zwanzig geborene Kinder – von denen exakt zehn im jüngsten Alter oder als Säuglinge sterben.
In den Jahren zwischen 1726 und 1733 – exakt in jener Phase, in der Bach die monumentale Architektur der Matthäus-Passion, die ersten großen Kantatenjahrgänge und die bahnbrechenden Teile der Clavierübung erschafft – sterben in der Kantorenwohnung nacheinander fünf seiner kleinen Kinder: Christian Gottlieb, Ernestus Andreas, Regina Johanna, Christiana Benedicta und Christiana Dorothea. Im Durchschnitt muss dieser Mann alle zwei bis drei Jahre einen kleinen Sarg aus dem Haus tragen.
Hier bricht sich die entscheidende philosophische Frage Bahn: Wie konnte ein Mensch, dessen Alltag eine permanente, traumatische Trauerarbeit war, eine Musik schreiben, die keine Spur von nihilistischer Verzweiflung in sich trägt? Wie entsteht die reinste, stabilste und trostreichste Ordnung der Kunstgeschichte inmitten eines existenziellen Trümmerfeldes?
Die Antwort liegt im Begriff des „gebauten Raums“. Für Bach war die kontrapunktische Struktur kein mathematisches Glasperlenspiel und keine bürgerliche Dekoration. Sie war ein metaphysischer Schutzwall. Je brüchiger, unberechenbarer und tödlicher sich die äußere Welt erwies, desto radikaler flüchtete er in die Gesetzmäßigkeit der Töne. In der Fuge, im Choral, in der strengen Symmetrie des Satzes errichtete er eine Gegenwirklichkeit. Es ist eine Welt, in der jede Dissonanz sich auflösen muss, in der jede Stimme einen unumstößlichen Sinn besitzt und in der das Chaos keine Macht hat.
In seinen letzten Lebensjahren zieht sich Bach folgerichtig immer weiter aus dem tagesaktuellen Leipziger Musikbetrieb zurück. Während sich der Zeitgeschmack längst dem galanten, leichteren, frühklassischen Stil zuwendet, blickt Bach über seine Epoche hinaus. In spekulativen Spätwerken von mathematischer Reinheit – wie der Kunst der Fuge, dem Musikalischen Opfer oder der h-Moll-Messe – sucht er die überzeitliche, kosmische Wahrheit der Musik. Als er am 28. Juli 1750, nach einer missglückten Augenoperation, erblindet stirbt, hinterlässt er ein Werk, das die Zeitgenossen als „gelehrt“, aber veraltet archivieren. Die barocke Form scheint an ihr Ende gelangt. Doch der Raum, den er gebaut hat, wartete im Verborgenen auf jene, die seine Fundamente freilegen sollten.
Die Zäsur der Musikgeschichte – Bach als Nullpunkt und Gesetz
Es gehört zu den bemerkenswertesten Phänomenen der Kulturgeschichte, dass wir die Zeitrechnung der Musik implizit in ein „Vor Bach“ und ein „Nach Bach“ unterteilen. Er ist nicht einfach ein historischer Komponist unter vielen; er ist der archimedische Punkt der Tonkunst geworden.
Diese historische Stellung lässt sich nur durch Parallelen zu den fundamentalen Umbrüchen des menschlichen Geistes begreifen:
Wie Sokrates die Philosophie aus dem Mythos in die rationale Selbstreflexion des Logos überführte, so befreite Bach die Musik aus der reinen Unverbindlichkeit des Klangs und erhob sie zum System einer objektiven Vernunft.
Wie Jesus von Nazareth durch seine Existenz eine neue ethische Zeitrechnung begründete, die die alte Welt unumkehrbar in ein Davor und Danach trennte, so setzte Bach einen ästhetischen Nullpunkt: Nach ihm konnte Musik nicht mehr harmloses Handwerk sein; sie war nun Trägerin transzendenter Wahrheit.
Wie Isaac Newton mit den Principia Mathematica die unsichtbaren Naturgesetze der Gravitation und Bewegung formulierte, so legte Bach die physikalischen und mathematischen Urgesetze der Tonalität und des Kontrapunkts offen. Im Wohltemperierten Clavier rechnete er das Tonsystem bis an seine Grenzen durch. Er hat die musikalischen Formen nicht bloß erfunden oder genutzt – er hat sie ausgeschöpft.
Nach Bach war es schlicht unmöglich, im alten System des barocken Kontrapunkts etwas Größeres zu schreiben. Die Musikgeschichte musste neu anfangen, weil Bach das Fundament bis auf den Grund ausgehoben hatte. Deswegen verstanden ihn die nachfolgenden Generationen nicht als Vergangenheit, sondern als Naturgesetz. Robert Schumann konstatierte tiefsinnig, Bachs Musik sei ihm das „täglich Brot“, das den Geist reinige, und Johannes Brahms forderte: „Studiert Bach, dort findet ihr alles.“ [7]
Das Echo der Unvergänglichkeit – Die Entdecker des Raums
Ein Raum, der auf ewigen Prinzipien ruht, kann nicht im Vergessen untergehen. Die Rezeptionsgeschichte Bachs ist kein musealer Vorgang, sondern ein phänomenologischer Erkenntnisprozess, getragen von Geistern, die Bachs Struktur jeweils als existentielles Rettungsboot in ihren eigenen Epochen begriffen haben.
Felix Mendelssohn Bartholdy: Der ethische Kompass
Als der junge Felix Mendelssohn Bartholdy am 11. März 1829 in Berlin die seit fast einem Jahrhundert vergessene Matthäus-Passion wiederaufführt, tut er dies inmitten der heraufziehenden Moderne. Die Romantik war geprägt von Industrialisierung, der Zersplitterung des Weltbildes und einer tiefen Krise der religiösen Gewissheiten. Mendelssohn – Enkel des Aufklärungsphilosophen Moses Mendelssohn – erkennt in Bach den Gegenpol zum emotionalen und sozialen Chaos seiner Zeit. Für ihn wird Bach zum ethischen Kompass. Er begreift, dass Bachs Kontrapunkt keine mathematische Kälte besitzt, sondern die reinste Form einer geordneten inneren Bewegung ist. Mendelssohn holt Bach nicht aus historischer Nostalgie zurück, sondern um einer zerrissenen, säkularen Gesellschaft durch die monumentale Symmetrie dieser Musik wieder einen gemeinsamen, tragenden Boden zu geben. Felix Mendelssohn Bartholdy starb 1847 und weniger als ein Jahrhundert später fielen trotz seiner und vieler anderer Verdienste jüdischer Menschen um die Kultur in Deutschland, diese allesamt in Ungnade...
Albert Schweitzer: Der Musik-Poet und die Mystik
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zertrümmert der Philosoph, Theologe und spätere Tropenarzt Albert Schweitzer das Missverständnis des 19. Jahrhunderts, Bach sei ein „trockener Musik-Mathematiker“ gewesen. In seinem epochalen Werk „J. S. Bach“ (1905) weist Schweitzer nach, dass Bach ein genialer Musik-Poet war. Er decodiert Bachs Sprache und zeigt, dass sie auf einer präzisen Symbolik beruht – auf rhythmischen und melodischen Motiven, die theologische Begriffe wie das Fallen des Sündenfalls oder das Aufsteigen der Engel exakt abbilden. Für Schweitzer ist Bachs Musik gelebte Mystik an der Orgel: ein Akt, in dem die Unruhe des menschlichen Geistes in der Klarheit des Urtexts zur absoluten, metaphysischen Ruhe findet.
Glenn Gould: Die absolute, objektive Struktur
In der Mitte des 20. Jahrhunderts radikalisiert der kanadische Pianist Glenn Gould diese Suche nach der objektiven Wahrheit. Gould verweigert sich dem romantischen Pathos und sucht in Bach die totale Abwesenheit des Subjektiven. Indem er die Goldberg-Variationen fast ohne Pedal, extrem trocken und linear einspielt, legt er die nackte, mathematische Struktur der Partitur frei. Gould zieht sich schließlich komplett aus dem Konzertsaal in das sterile Aufnahmestudio zurück – eine zutiefst bachische Entscheidung: Im Studio eliminiert er den Zufall der fehlerhaften Außenwelt, um eine vollkommene, unzerstörbare Struktur zu errichten. Bei Gould wird Bach zum Beweis, dass Kunst eine kosmische Ordnung abbildet, die unabhängig von menschlicher Eitelkeit existiert.
Zuzana Růžičková: Die Ordnung gegen die Barbarei
Vielleicht am erschütterndsten offenbart sich die tragende Kraft des bachischen Raums im Leben der tschechischen Cembalistin Zuzana Růžičková. Als Überlebende der Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz und Bergen-Belsen blickte sie in den absoluten Abgrund des menschlichen Nihilismus und der totalen Barbarei. Nach dem Krieg widmete sie ihr Leben der Weltersteinspielung des gesamten Clavierwerks von Bach auf dem Cembalo. Für Růžičková war Bach kein ästhetischer Luxus, sondern eine Überlebensnotwendigkeit. Sie formulierte es so, dass in Bachs Musik eine unerschütterliche, transzendente Gerechtigkeit waltet. Wo die Menschen bestialisch wurden und das Chaos regierte, garantierte Bach die Existenz einer höheren, moralischen Symmetrie. Seine Struktur wurde zum konkreten, geistigen Widerstand gegen die Vernichtung.
Helmuth Rilling: Die globale Institutionalisierung der Struktur,
Nach dem wunderbar organisierten Bachfest der Internationalen Bachakademie Stuttgart, wo ich die Inspiration fand dieses Projekt zu starten, schließt sich unser Kreis auf der Trauerfeier zu Ehren des Gründers der Bachakademie, Helmuth Rilling. Rilling hat sein Leben im Endeffekt Bach gewidmet mit dem Ziel sicherzustellen, dass Bachs Werk zu keinem statischen Denkmal wird, sondern in eine weltweite, lebendige Bildungs- und Kulturarchitektur einfließt
Rilling, der als erster Dirigent alle geistlichen Kantaten Bachs einspielte, begriff diese Musik als eine Form der strukturierten, universalen Rede. In seinen legendären „Gesprächskonzerten“ legte er die theologische und architektonische Struktur der Werke vor dem Publikum offen, um sie intellektuell bewohnbar zu machen. Doch Rillings eigentliche Leistung liegt in der Globalisierung dieses Prinzips: Durch die Gründung der Bachakademie Stuttgart und die Initiierung von Bachakademien weltweit – von Santiago de Chile über Krakau und Budapest bis nach Tokio und Moskau – hat er bewiesen, dass Bachs Musik eine Universalsprache der Menschheit ist. Wenn junge Menschen unterschiedlichster Kulturen und Konfessionen zusammenkommen, um unter diesem Einfluss die h-Moll-Messe zu erarbeiten, solidarisieren sie sich nicht über politische Verträge, sondern über das gemeinsame Ausfüllen und Erleben einer ewigen, tragenden Vernunft. Auch Rillings Nachfolger Hans-Christoph Rademann ist sich dessen bewusst und akzentuiert heute bei seinen Konzerten mit der Gaechinger Kantorei und dem JSB, in meinen Augen in tiefer christlicher Liebe, dass junge Musikerinnen und Musiker aus über zwei dutzend verschiedenen Ländern und Kulturen miteinander musizieren. Was sagt uns das über das mögliche in unserer Welt?
Fazit: Das metaphysische Obdach
Johann Sebastian Bachs Leben begann im handwerklichen Dienst einer thüringischen Zunft und stand im permanenten, dunklen Schatten des frühen Kindstods, sowohl seiner Geschwister, als auch später seiner eigenen Kinder. Sein Leben endete in der Einsamkeit eines Mannes, dessen Spätwerk von der eigenen Epoche nicht mehr verstanden wurde.
Doch gerade weil er seine tiefen Verluste nicht in sentimentale Klage, sondern in die unzerstörbaren Gesetze einer kosmischen Kontrapunktik goss, hat er der Menschheit ein metaphysisches Obdach hinterlassen. Ob Mendelssohn in der Sinnkrise des 19. Jahrhunderts, Schweitzer auf der Suche nach der Mystik, Gould auf der Jagd nach Objektivität, Růžičková im Grauen von Auschwitz, Rilling in der globalen Vermittlung der Klangrede: Sie alle betreten denselben Raum.
Wer sich heute in Bachs Musik vertieft, flieht nicht vor der Realität. Er findet in ihr die tröstliche, unumstößliche Gewissheit, dass unter dem schmerzhaften Chaos und der Vergänglichkeit unseres Daseins eine tiefe, tragende und ewige Ordnung liegt. Eine Ordnung, die hält, weil ihr Urheber früh erfahren musste, dass das Leben selbst es nicht tut. Viele Wegen führen zu dieser Ordnung und der seelischen Entspannung, Bach hat in der Musik einen der schönsten aufgebaut.
Quellen und wissenschaftliche Bezüge:
[1] Christoph Wolff: Johann Sebastian Bach: The Learned Musician. W. W. Norton, New York 2000, (Zu den Umständen der Leipziger Berufung).
[2] Bach-Archiv Leipzig: Dokumente zum Leben und Wirken Johann Sebastian Bachs. Bärenreiter, Kassel. (Zur Topographie der Alten Thomasschule).
[3] Martin Geck: Johann Sebastian Bach. Leben und Werk. Rowohlt, Reinbek 2000, (Zur familiären Chronologie und den Kindstoden).
[4] Klaus Eidam: Das wahre Leben des Johann Sebastian Bach. Piper, München 1999
[5] Peter Williams: J. S. Bach: A Life in Music. Cambridge University Press, Cambridge 2007, (Zum Spätwerk und der Kunst der Fuge).
[6] Hans-Joachim Schulze: Die Bach-Familie. Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 1984
[7] Michael Maul: Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche. Bärenreiter, Kassel 2015
[8] Peter Mercer-Taylor: The Life of Mendelssohn. Cambridge University Press, 2000 (Zur Wiederaufführung der Matthäus-Passion 1829).
[9] Zuzana Růžičková: Lebensfuge. Wie Bach mich vor Auschwitz rettete. Propyläen, Berlin 2019.
[10] Otto Friedrich: Glenn Gould. Eine Biographie. Bruno Cassirer, Oxford 1990.
[11] Albert Schweitzer: J. S. Bach. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1908.
Rassismus, Nationalismus, Migrantismus – was kommt als Nächstes und woher?
Wenn ich uns Menschen historisch betrachte, fällt mir immer wieder dieselbe merkwürdige Bewegung im öffentlichen Denken auf: Wir erzeugen Identitäten und Kategorien, und kurz darauf beginnen diese Identitäten und Kategorien sich zu politisieren und bestimmte Gruppen zu diskriminieren.
Zuerst dienen sie allerdings der Orientierung. Dann der Zugehörigkeit. Schließlich der Abgrenzung. Und nicht selten enden sie irgendwann in Verachtung, Angst oder Gewalt.
Einmal waren es Stämme. Dann Religionen. Dann Klassen. Dann Nationen und Rassen. Heute sprechen wir zunehmend von Migranten. Der Begriff scheint, wie einst der Begriff Rasse, in aller Munde zu sein. Morgen werden wir vielleicht von Menschen und künstlichen Intelligenzen oder von biologischen und technisch erweiterten Menschen sprechen.
Die Begriffe wechseln. Die Struktur jedoch bleibt erstaunlich ähnlich.
Als ich jünger war, dachte ich oft, rassistische Weltbilder seien einfach das Werk böser oder besonders dummer Menschen. Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, dass dies zu einfach gedacht ist. Denn der Rassismus entstand nicht im luftleeren Raum. Er entstand aus sehr menschlichen Bedürfnissen: aus Angst, aus Identitätssuche, aus Machtstreben, aus dem Wunsch nach Ordnung und Zugehörigkeit.
Biologisch ergibt Rassismus kaum Sinn. Wir gehören weitgehend derselben Spezies an, Unterschiede zwischen Menschen sind überwiegend phänotypischer Natur. Und selbst wenn die Unterschiede größer wären – was würde daraus folgen? Humanistische Ziele bestanden doch gerade immer darin, Menschen trotz ihrer Unterschiede miteinander zu verbinden.
Und dennoch war der Rassismus real. Nicht nur am Rand der Gesellschaft, sondern oft in ihrer Mitte. Ganze öffentliche Meinungen, Institutionen und Wissenschaften waren von ihm durchdrungen. Dann starben Millionen Menschen im Namen von Weltanschauungen, die behaupteten, Ordnung zu schaffen, während sie in Wahrheit Entmenschlichung organisierten. Dasselbe gilt für den Nationalismus.
Heute scheint sich erneut eine neue große Kategorie in unser Denken zu schieben: der „Migrant“. Ich sage bewusst nicht „der Mensch, der emigriert oder immigriert“, sondern vereinfacht „der Migrant“, wie es nun in aller Munde zu sein scheint, denn genau darin liegt bereits etwas Interessantes. Aus einer Bewegung wird langsam eine Identität. Aus einer zeitweiligen Handlung wird eine dauerhafte Zuschreibung.
Dabei waren letztlich fast alle Menschen irgendwann in Bewegung. Unsere Vorfahren wanderten, flohen, siedelten um, eroberten neue Gebiete oder wurden selbst verdrängt. Migration ist keine Ausnahme der Menschheitsgeschichte, sondern beinahe ihr Normalzustand.
Ebenso unklar erscheint mir die Gegenkategorie des Einheimischen. Ab wann ist jemand einheimisch? Nach zwanzig Jahren? Nach vier Generationen? Nach tausend Jahren? Und wenn man weit genug zurückgeht, waren nicht fast alle Menschen irgendwann fremd an dem Ort, an dem ihre Nachfahren später Wurzeln schlugen?
Dennoch gewinnen diese Begriffe zunehmend emotionale und politische Kraft. Und ich werde nachdenklich, denn ich selbst bin definitiv auch ein Nachfahre von sog. Migranten, wir alle sind es, aber ich fühle mich zugleich überall auf unserem Planeten Zuhause, empfinde, dass der Planet als solcher meine Heimat ist. Zu was macht mich das? Es macht mich auf jeden Fall zu einem Menschen, der keinen anderen als Fremd betrachten kann, denn wir leben ja alle gemeinsam auf diesem Planeten. Das scheinen jedoch viele Menschen wohl noch nicht wirklich verstanden zu haben. Natürlich verstehe ich, dass wir global betrachtet unterschiedlich entwickelte Gesellschaften haben, dass es große Bildungs- und Einkommensunterschiede gibt und dass wir Menschen keine Schmetterlinge sind, sondern eben oft Konflikte erzeugen und folglich oft auch Angst voreinander haben. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft kann ich verstehen, aber das Bedürfnis nach Abgrenzung und folglich oft auch Hass und Zerstörung, all dies bleibt für mich ein Mysterium.
Es ist jedoch wohl so, wenn wir die Geschichte betrachten, dass jede starke gesellschaftliche Kategorie früher oder später ihre Gegenbewegung erzeugt. So wie das Rassenweltbild irgendwann den Begriff des „Rassismus“ hervorbrachte den Menschen nutzten um sich von dem Rassistischen Weltbild und Rassisten zu distanzieren, so ähnlich brachte das Nationalweltbild den Begriff "Nationalismus", den Menschen nutzten um sich von dem Nationalistischen Weltbild und Nationalisten zu distanzieren. Nun frage ich mich ob aus dem heutigen starken Beharren auf „Migranten“ und dieser neuen ideologische Fixierung auf Herkunft und Bewegung als zentraler Kategorien des Menschseins, irgendwann vielleicht etwas entstehen wird, das man vielleicht „Migrantismus“ nennen wird? Werden Menschen dies nutzen um sich von dem Migrantischen Weltbild und "Migrantisten" zu distanzieren, wobei „Migrantisten“ jene heißen würden, die Menschen primär über ihren Migrationsstatus definieren – sei es positiv oder negativ? Ich weiß es nicht. Vielleicht irre ich mich. Vielleicht sucht mein Geist nur erneut nach Mustern. Aber die Geschichte lehrt uns, dass Menschen erstaunlich kreativ darin sind, immer neue Trennlinien zu erschaffen. So sinne ich wohl oft über die einfache, fast kindliche Frage: Warum fällt es uns so schwer, miteinander zu leben, ohne einander ständig in Gruppen einzuteilen, gegeneinander aufzuwiegeln und schließlich zu hassen?
Johann Sebastian Bach #3 - Seelische Festigung und äußere Gestaltung
Als Johann Sebastian Bach im Jahr 1708 im Alter von dreiundzwanzig Jahren nach Weimar geht, tritt er in eine neue Phase seines Lebens ein. Die Jahre der Suche liegen hinter ihm. In Ohrdruf, Lüneburg, Arnstadt und Mühlhausen hat er gelernt, sich zu ordnen, zu arbeiten und seinen Weg zu behaupten. Nun beginnt eine Zeit, in der er nicht mehr nur lernt, sondern gestaltet.
Bach ist zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet. Am 17. Oktober 1707 hat er in Dornheim Maria Barbara Bach geheiratet, seine Cousine zweiten Grades, die aus einer ebenso musikalisch geprägten Familie stammt. Mit ihr beginnt er ein eigenes Leben aufzubauen. Doch dieses Leben ist von Anfang an nicht ruhig. Zwischen 1708 und 1718 werden sieben Kinder geboren: Catharina Dorothea (getauft am 29. Dezember 1708), Wilhelm Friedemann (geboren am 22. November 1710), die Zwillinge Johann Christoph und Maria Sophia (geboren am 23. Februar 1713, beide früh verstorben), Carl Philipp Emanuel (geboren am 8. März 1714), Johann Gottfried Bernhard (geboren am 11. Mai 1715) und schließlich Leopold Augustus (geboren 1718 in Köthen, ebenfalls früh verstorben). Drei dieser Kinder überleben die ersten Lebensjahre nicht.
Der Haushalt, den Bach in Weimar führt, ist kein privater Rückzugsort im modernen Sinne. Neben seiner Frau und den Kindern lebt auch Maria Barbaras Schwester Friedelena Margaretha Bach dauerhaft im Haus. Es handelt sich um einen offenen, funktionalen Haushalt: Ort des Lebens, des Lernens, der Arbeit. Hier wird unterrichtet, geübt, musiziert. Bach ist nicht nur Musiker, sondern Vater, Ehemann und Verantwortlicher innerhalb eines wachsenden familiären Gefüges.
In Weimar übernimmt Bach 1708 die Stellung als Hoforganist und Kammermusiker am Hof Herzog Wilhelm Ernsts. 1714 wird er zum Konzertmeister ernannt. Mit dieser Beförderung ist eine klare Verpflichtung verbunden: Er hat regelmäßig neue Kirchenmusik zu liefern, in der Regel monatlich eine Kantate. Seine Musik entsteht damit nicht außerhalb von Strukturen, sondern innerhalb fester Erwartungen. Sie ist Teil seines Amtes.
Diese Einbindung in Ordnung bedeutet jedoch nicht Anpassung. Bach zeigt in diesen Jahren eine ausgeprägte Eigenständigkeit. Als er 1717 eine neue Stelle als Kapellmeister in Köthen annimmt und seine Entlassung aus dem Weimarer Dienst erzwingen will, wird er verhaftet. Vom 6. November bis zum 2. Dezember 1717 sitzt er in Haft, offiziell „wegen seiner halsstarrigen Bezeugung und Erzwingung seiner Entlassung“. Diese Episode ist kein Randdetail. Sie zeigt einen Menschen, der bereit ist, persönliche Konsequenzen zu tragen, um seinen eigenen Weg zu gehen.
Nach seiner Freilassung verlässt Bach Weimar und tritt die Stelle als Kapellmeister am Hof Fürst Leopolds von Anhalt-Köthen an. Dort ist er „Director der Cammer-Musiquen“, verantwortlich für ein professionelles Ensemble, für Proben, Aufführungen und die gesamte musikalische Organisation des Hofes. Sein Leben verlagert sich stärker in den höfischen Raum. Die äußeren Bedingungen ändern sich, die Verantwortung wächst.
Doch auch in dieser Phase bleibt sein Leben nicht von Einschnitten verschont. Im Juli 1720 stirbt seine Frau Maria Barbara plötzlich in Köthen, während Bach sich mit dem Fürsten auf einer Reise in Karlsbad befindet. Er kehrt zurück und findet sein Haus verändert vor. Mit fünfunddreißig Jahren steht er als Witwer mit mehreren Kindern da. Wieder wird ihm ein tragender Teil seines Lebens genommen.
Und doch zeigt sich auch hier die Struktur, die sich durch sein Leben zieht. Bach bricht nicht. Er ordnet sich neu. 1721 heiratet er Anna Magdalena Wilcke, eine Sängerin am Köthener Hof, und stellt seinen Haushalt erneut auf. Leben wird nicht unterbrochen, sondern weitergeführt.
Parallel zu diesen äußeren Entwicklungen vollzieht sich eine innere Bewegung. Musik ist für Bach in diesen Jahren nicht mehr nur handwerkliche Tätigkeit oder berufliche Pflicht. Sie wird zu einem Ort, an dem sich für ihn eine Ordnung zeigt, die über das unmittelbar Sichtbare hinausweist. In der Arbeit an musikalischen Formen – im Aufbau von Stimmen, im Durchhalten von Strukturen, im Finden von Zusammenhängen – erfährt er etwas, das sich nicht allein technisch beschreiben lässt.
Später wird Bach in seiner Bibel notieren, dass bei andächtiger Musik Gott mit seiner Gnade gegenwärtig ist. Diese Haltung entsteht nicht plötzlich. Sie wächst in diesen Jahren. Sie ist Ergebnis eines Lebens, das sich zwischen Verantwortung, Verlust, Pflicht und Arbeit entfaltet. Musik wird für ihn zu einem Raum, in dem sich das Verhältnis zwischen Mensch und Gott konkretisiert – nicht theoretisch, sondern praktisch, im Tun.
Dabei ist Bach kein zurückgezogener Mensch. Er wirkt öffentlich, tritt auf, prüft Orgeln, spielt vor, wird wahrgenommen. Sein Ruf als Organist und Musiker wächst. Gleichzeitig bleibt er in die Hierarchien seiner Zeit eingebunden. Er dient dem Hof, erfüllt Erwartungen, bewegt sich innerhalb klarer sozialer Strukturen.
Gerade in dieser Spannung gewinnt sein Leben seine Form. Nach innen entsteht eine zunehmende Festigung: eine klare Ausrichtung, ein wachsendes Verständnis dessen, was seine Aufgabe ist. Nach außen gestaltet er: er führt einen Haushalt, übernimmt Verantwortung, wirkt in Amt und Gesellschaft.
So verbinden sich in diesen Jahren drei Ebenen: das familiäre Leben, das ihn bindet und fordert; die innere Arbeit, in der Musik für ihn zu einem Ort der Begegnung mit dem Göttlichen wird; und die äußere Ordnung, in der er als Amtsträger wirkt und sich behauptet.
Am Ende dieser Phase steht Bach nicht mehr als Suchender, sondern als ein Mensch, der seine Form gefunden hat. Er weiß, was er kann, und beginnt zu verstehen, wofür er es einsetzt. Seine Identität liegt nicht im Ruhm, sondern in der Verbindung von Pflicht, Glaube und Arbeit.
Als er 1723 nach Leipzig geht und dort das Amt des Thomaskantors übernimmt, beginnt eine neue Phase seines Lebens. Alles, was sich in diesen Jahren geformt hat, tritt nun in einen größeren Zusammenhang.
Quellen (Auswahl)
- Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach: The Learned Musician, New York 2000.
- Martin Geck, Johann Sebastian Bach. Leben und Werk, Reinbek 2000.
- Michael Maul, Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche, Kassel 2015.
- Peter Williams, J. S. Bach: A Life in Music, Cambridge 2007.
- John Eliot Gardiner, Bach: Music in the Castle of Heaven, London 2013.
- Bach-Archiv Leipzig / Bach Digital: Werk- und Personendatenbank
- Bach-Dokumente (Edition des Bach-Archivs Leipzig)
Johann Sebastian Bach # 2 - seelische und territoriale Wanderungen
Wenn Johann Sebastian Bach im Alter von zehn Jahren nach Ohrdruf kommt, trägt er bereits mehr Erfahrung in sich, als ein Kind tragen sollte. Mutter und Vater sind gestorben, das vertraute Haus in Eisenach existiert nicht mehr. Was macht dies mit einem Kind?
Was ihm bleibt, ist ein Teil der Familie – und die Musik. Sein älterer Bruder, Johann Christoph Bach, nimmt ihn auf. Dieser ist Organist an der Michaeliskirche in Ohrdruf, streng, gewissenhaft, ein Mann der Ordnung. Das Haus, in das der junge Johann Sebastian eintritt, ist kein Ort der Trauer, sondern ein Ort der Arbeit. Unterricht, Üben, Gottesdienst – alles folgt einem Rhythmus. In einer kleinen thüringischen Stadt mit etwa zweitausend Einwohnern kennt jeder jeden; der Alltag ist überschaubar, die Kirche bildet den Mittelpunkt.[1]
Hier lernt Bach, dass Musik nicht aus spontaner Eingebung entsteht, sondern aus Wiederholung. Stundenlang übt er Orgel und Clavier, kopiert Noten, beobachtet seinen Bruder beim Unterrichten. Seine Welt wird kleiner, aber innerlich dichter. Die Ordnung der Übungen ersetzt die verlorene Ordnung der Familie. In dieser Zeit ereignet sich die bekannte Szene mit dem Notenheft. Der Bruder besitzt eine Sammlung wertvoller Stücke, die er verschlossen aufbewahrt. Darin befinden sich Werke von Komponisten wie Johann Pachelbel, Johann Jakob Froberger, Johann Caspar Kerll und Girolamo Frescobaldi.[2] Bach darf sie nicht benutzen. Doch der Wunsch zu lernen ist stärker als das Verbot. Nacht für Nacht kopiert er die Noten bei Mondlicht, heimlich, geduldig, über Monate hinweg. Als der Bruder es entdeckt, nimmt er ihm die Abschrift wieder weg.
Diese Szene ist entscheidend. Bach erlebt einen Rückschlag – und gleichzeitig wächst sein Wille. Wissen wird ihm entzogen, aber der Prozess des Kopierens hat ihn bereits verändert. Er hat die Musik verinnerlicht, nicht nur gelesen. Verlust verwandelt sich in Antrieb. Diese Haltung wird sein Leben prägen: Hindernisse werden nicht als Ende erlebt, sondern als Aufforderung, mehr zu tun.
In Ohrdruf begegnet er vor allem den Chorälen der lutherischen Tradition. Ein Choral ist ein Gemeindelied, meist in einfacher Melodie, das im Gottesdienst von allen gesungen wird. Diese Melodien sind für die lutherische Frömmigkeit zentral: Sie verbinden Theologie, Gemeinde und Musik. Für Bach, ich denke das kann man so sagen, werden sie zum Fundament seines Denkens. Der Choral ist schlicht, aber voller Bedeutung. Eine klare Melodie, ein Text über Gnade, Trost, Vergänglichkeit usw. Indem er diese Choräle begleitet, variiert und improvisiert, lernt Bach, dass Musik eine Botschaft trägt. Sie dient nicht dem Applaus, sondern dem Glauben. Durch sie wird ebenfalls Gott gedient. Ich denke diese Erkenntnis wächst langsam in Bach, fast unmerklich und mündet in einer Einstellung zur Musik, in der Musik beginnt als Verkündigung zu verstehen.[3]
Mit fünfzehn Jahren verlässt Bach auch Ohrdruf. Der Weg nach Lüneburg ist weit, etwa 300 Kilometer zu Fuß. Gemeinsam mit seinem Freund Georg Erdmann macht er sich auf den Weg.[4] Mehrere Wochen sind sie unterwegs, schlafen in einfachen Herbergen, gehen täglich zwanzig bis dreißig Kilometer. Diese Reise ist nicht nur geografisch. Zwei junge Männer verlassen die Enge Thüringens und betreten eine größere Welt. In Lüneburg, einer Stadt mit etwa 12.000 Einwohnern, ist das Leben vielfältiger. Händler, Schüler, Musiker, Soldaten – alles wirkt offener, beweglicher.[5]
In der Michaelisschule wird Bach Chorsänger. Der Tagesablauf ist streng: Gebet am Morgen, Unterricht in Latein und Theologie, Chorproben, Gottesdienste. Er singt im Mettenchor, lernt Polyphonie, Kontrapunkt, neue Stile. Dann erlebt er den Stimmbruch. Die Stimme, mit der er bisher diente, verschwindet. Wieder ein Verlust, nach all den Verlusten bis zu dem Zeitpunkt. Wieder wird ihm der Halt genommen. Doch erneut verwandelt er den Verlust und die Haltlosigkeit in Antrieb und damit wird für mich eindeutig, dass der junge Bach bereits sehr tief religiös war und seinen eigentlichen Halt in Gott fand, als unvergänglicher Instanz, die ihn nicht im Stich lässt, die ihn nicht verlässt. Er wendet sich intensiver den Tasteninstrumenten zu. An der Stelle seiner Stimme werden Orgel und Cembalo zu seiner Sprache.
In Lüneburg entdeckt Bach auch neue musikalische Horizonte. Er hört den Organisten Georg Böhm, dessen Werke ihn prägen.[6] Böhm verbindet klare Choralmelodien mit kunstvollen Variationen. Bach erkennt, dass man die schlichte Gemeindemelodie in einen größeren Klangraum stellen kann.
Mit achtzehn Jahren erhält Bach seine erste Anstellung in Arnstadt. Er ist jung, voller Energie, verantwortlich für eine neue Orgel. Doch er spürt, dass er noch lernen muss. Mit zwanzig Jahren nimmt er Urlaub und reist zu Fuß nach Lübeck, etwa 400 Kilometer.[7] Sein Ziel ist der berühmte Organist Dieterich Buxtehude. Diese Reise ist ein Wagnis. Er bleibt länger als erlaubt, riskiert Kritik. Aber er folgt einem inneren Drang.
In Lübeck hört er die Abendmusiken, große geistliche Konzerte, die Musik und Predigt verbinden. Buxtehude improvisiert, verbindet Choräle mit freier Fantasie. Bach erlebt eine neue Dimension. Musik kann monumental sein und zugleich zutiefst religiös. Diese Erfahrung bestätigt, was er innerlich bereits ahnte: Musik ist definitiv ein Weg, Gott zu dienen.
Als er zurückkehrt, ist er verändert. Seine Spielweise wird komplexer, freier. Nicht alle verstehen ihn. Es kommt zu Spannungen, sogar zu der bekannten Auseinandersetzung mit dem Fagottisten Johann Heinrich Geyersbach. Der junge Bach verteidigt seine musikalischen Ansprüche leidenschaftlich. Diese Episode zeigt seine Entwicklung: Der stille Schüler ist ein junger Mann geworden, der für seine Überzeugungen einsteht. Auch die Verlängerung seines Aufenthaltes bei Buxtehude und die Tatsache, dass er damit seine Stelle riskiert, was oft erwähnt wird in der Bachforschung, wird als Nachweis für seine Bereitschaft gesehen für seine Überzeugungen einzustehen.
Nach meiner Ansicht vollzieht sich bei Bach zwischen zehn und dreiundzwanzig Jahren eine innere Reise. Verlust führt zur Suche nach Ordnung. Ordnung führt zur Arbeit. Arbeit führt zur Erkenntnis, dass Musik mehr ist als Klang. Jeder Rückschlag – der Tod der Eltern, das verbotene Notenbuch, der Stimmbruch, Kritik in Arnstadt – wird zum Antrieb. Bach hat schon in dieser Zeit eindeutig Halt in Gott gefunden und gelernt deshalb Halt nicht in äußeren Umständen zu suchen, sondern sucht lediglich einen zuverlässigen Weg zu dienen durch die Musik. Er sieht in der Struktur eines Chorals, in der Disziplin des Übens, in der Gewissheit, dass Musik eine höhere Aufgabe hat seine Weg wegen frühkindlicher Prägung im Elternhaus und so verbinden sich wohl in der Tiefe seiner Seele seine starke Verbindung zu Gott und seine musikalische Erziehung zu einer Art Vision seines Lebens.
So wächst in diesen Jahren ein Mensch heran, der seine Identität findet: nicht als Genie, sondern als Diener. Ein junger Mann, der begreift, dass Arbeit ihn trägt, dass Musik ihn ordnet und dass er durch diese Ordnung Gott dienen kann. Er fühlt die Größe seines Auftrags und sucht deshalb die Besten, um zu lernen, um sich zu entwickeln, um in der Lage sein zu können seinen Auftrag zu erfüllen. Seine spätere Größe beginnt exakt deshalb nicht im Ruhm, sondern in dieser stillen inneren Bewegung – in der Entdeckung, dass Sinn dort entsteht, wo Pflicht, Glaube und Musik einander tragen.
So beginnt seine dritte Phase des Lebens, die ich in meinem nächsten, dritten Text zu Bach, angehen werde.
Quellen
[1] Martin Geck, Johann Sebastian Bach. Leben und Werk, Reinbek 2000, 29–31.
[2] Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach: The Learned Musician, New York 2000, 33–35.
[3] Hans-Joachim Schulze, Die Bach-Familie, Leipzig 1984, 19–23.
[4] Peter Williams, J. S. Bach: A Life in Music, Cambridge 2007, 18–21.
[5] Michael Maul, Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche, Kassel 2015, 36–39.
[6] John Eliot Gardiner, Bach: Music in the Castle of Heaven, London 2013, 58–60.
[7] Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach, 68–72.
Das Huhn
Diesen Text schreibe ich demnächst auch auf Deutsch, für jetzt existiert nur die Version in serbischer Sprache.
Johann Sebastian Bach #1 - wie alles begann
Dies ist der erste von meinen insgesamt vier Texten zu Johann Sebastian Bach. In jedem geht es um meine Perspektive auf eine Phase seines Lebens, in diesem ersten Text geht es um seine Kindheit und frühe Jugend. Ich setze dieses philosophische Projekt um während ich am wunderbar organisierten Bachfest der Internationalen Bachakademie Stuttgart teilnehme.
Über Johann Sebastian Bach zu sprechen heißt oft, über Größe zu sprechen – über ein Werk, das größer geworden ist als sein Urheber. Doch jede Größe hat eine Herkunft. Und im Falle Bachs liegt diese Herkunft nicht im Mythos des Genies, sondern in der stilleren, strengeren Welt einer musikalischen Ordnung, die ihn von Kindheit an umgab und formte.
Johann Sebastian Bach wurde am 21. März 1685 in Eisenach geboren – als jüngstes von acht Kindern des Stadt- und Hofmusikus Johann Ambrosius Bach und seiner Frau Maria Elisabeth, geb. Lämmerhirt.[1] Er wurde nicht in eine Welt der Kunst geboren, sondern in eine Welt des Könnens, des Handwerks. Die Familie Bach war über Generationen hinweg eine Musikerfamilie, deren Mitglieder als Stadtpfeifer, Organisten und Kantoren tätig waren. Musik war hier kein Ausdruck individueller Innerlichkeit im modernen Sinne, sondern ein Beruf, ein Dienst, ein Handwerk – gebunden an Kirche, Stadt und Hof.[2]
Diese Differenz ist entscheidend. Bach entstammt keiner romantischen Künstlerbiographie, sondern einer Zunftstruktur. Der Musiker war Teil einer sozialen Ordnung; seine Aufgabe war es, zu funktionieren, zu tragen. Gerade deshalb war das Haus Bach kein Ort kontemplativer Abgeschiedenheit, sondern ein Arbeitsraum. Lehrlinge lebten im Haushalt, Instrumente waren Werkzeuge, Proben Teil des Alltags.[3] Musik war nicht das Außergewöhnliche – sie war das Normale.
Als jüngstes Kind trat Johann Sebastian in eine bereits geformte Welt ein. Seine älteren Geschwister – Johann Christoph, Johann Balthasar, Johann Jonas, Maria Salome, Johanna Juditha und Johann Jacob – bildeten nicht nur eine Familie, sondern ein Gefüge von Stimmen, Rollen und Vorbildern.[4] In einem solchen Haushalt wird man nicht Musiker, indem man sich dafür entscheidet. Man wächst hinein.
Doch diese Ordnung war früh von Brüchen durchzogen. Noch im Jahr seiner Geburt starb sein Bruder Johann Jonas (1685); ein Jahr später folgte der Tod seiner Schwester Johanna Juditha (1686).[5] 1691, im Alter von sechs Jahren, verlor Bach seinen Bruder Johann Balthasar.[6] Diese Verluste sind nicht bloß biographische Randnotizen. Sie markieren eine Kindheit, in der Vergänglichkeit nicht abstrakt, sondern konkret erfahrbar war. Die Familie bestand nicht nur aus den Lebenden, sondern auch aus den Abwesenden, deren Namen blieben. Man sollte diese Erfahrungen nicht psychologisieren, wenn man an den jungen Johann Sebastian denkt, aber ins Bewusstsein rücken, dass er in einer anderen Zeit und Gesellschaft aufwuchs, in der Familie und Arbeit oft ein und dasselbe waren, neue Generationen von Könnern von früh auf regelrecht gezüchtet wurden und in welcher der Tod von Kindern zum Familienleben dazu gehörte. Jeder Tod eines nahen Familienmitglieds hinterließ natürlich Narben und Johann Sebastian als Kind erlebte nicht wenige von diesen.
Der tiefste Einschnitt erfolgte 1694 mit dem Tod der Mutter.[7] Maria Elisabeth Bach war nicht nur Bezugsperson, sondern das ordnende Zentrum eines komplexen Haushalts. Ihr Tod bedeutete mehr als Trauer – er bedeutete den Verlust der inneren Stabilität. Der Vater heiratete noch im selben Jahr erneut, was weniger als emotionale Entscheidung denn als soziale Notwendigkeit zu verstehen ist. Ein Haushalt dieser Größe konnte in der Zeit anders nicht funktionieren. [8]
Doch auch diese neue Ordnung hielt nicht lange. Am 20. Februar 1695 starb auch sein Vater, Johann Ambrosius Bach.[9] Johann Sebastian war zu diesem Zeitpunkt noch keine zehn Jahre alt – Vollwaise in einem Alter, in dem andere Kinder erst beginnen, die Welt zu begreifen.
Hier zeigt sich jedoch eine zweite, ebenso prägende Struktur: die Kontinuität der Familie. Bach wurde zusammen mit seinem Bruder Johann Jacob nach Ohrdruf aufgenommen, in das Haus seines älteren Bruders Johann Christoph, der dort als Organist wirkte.[10] Dieser übernahm nicht nur die Vormundschaft, sondern auch die musikalische Ausbildung.
Damit setzte sich etwas fort, das für die Familie Bach konstitutiv war: die Weitergabe von Musik als innerfamiliäre Pflicht. Das Kind verlor seine Eltern, aber nicht seine Ordnung. Es trat in eine neue Form derselben ein.
Vielleicht liegt genau hier der Schlüssel zum Verständnis dieser frühen Jahre. Bachs Kindheit in Eisenach war keine idyllische Klanglandschaft, sondern eine Verbindung aus Struktur und Verlust, aus Handwerk und Endlichkeit. Er lernte früh, dass Musik nicht aus der Freiheit entsteht, sondern aus Bindung; nicht aus der Laune, sondern aus der Form.
Und ebenso lernte er, dass diese Form nicht vor dem Verlust schützt.
In dieser Spannung – zwischen Ordnung und Vergänglichkeit – beginnt etwas, das später in seiner Musik zur Vollendung kommt. Seine Werke wirken nicht wie spontane Äußerungen eines Inneren, sondern wie gebaute Räume. Räume, die tragen. Räume, die halten und Ordnung möglich machen im Angesicht der Vergänglichkeit. Vielleicht, weil ihr Urheber früh erfahren hat, dass das Leben selbst es nicht immer tut.
Wenn man also den jungen Johann Sebastian Bach in Eisenach betrachtet, dann sollte man ihn nicht als frühvollendetes Genie aus dem Nichts betrachten. Man sollte ihn sehen als das jüngste Kind eines Hauses, in dem Musik so selbstverständlich war wie Arbeit, Gebet und Pflicht; als Kind einer Familie, die Generationen von Musikern hervorbrachte, nicht weil sie den Ausnahmezustand des Genies suchte, sondern weil sie das musikalische Handwerk in den Alltag, in die Erziehung und in die Verwandtschaft eingeschrieben hatte; und als Kind, das früh mit Geschwistertod, Muttertod, Vatertod und erzwungener Übersiedlung in das Haus des älteren Bruders leben musste. Gerade darin liegt etwas Grundsätzliches über Bach: Seine Größe wuchs nicht gegen die Form, sondern aus ihr.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Lektionen seiner Eisenacher Kindheit: Dass das Höchste in der Musik nicht selten dort entsteht, wo Liebe, Ordnung, Verlust und Arbeit einander nicht ausschließen, sondern einander tragen?
Fußnoten
[1]: Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach: The Learned Musician (New York: W. W. Norton, 2000), 17–20.
[2]: Hans-Joachim Schulze, Die Bach-Familie (Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 1984), 9–25.
[3]: Philipp Spitta, Johann Sebastian Bach, Bd. 1 (Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1873), 35–40.
[4]: Martin Geck, Johann Sebastian Bach. Leben und Werk (Reinbek: Rowohlt, 2000), 21–23.
[5]: Klaus Eidam, Das wahre Leben des Johann Sebastian Bach (München: Piper, 1999), 34.
[6]: Peter Williams, J. S. Bach: A Life in Music (Cambridge: Cambridge University Press, 2007), 12.
[7]: John Eliot Gardiner, Bach: Music in the Castle of Heaven (London: Allen Lane, 2013), 45–47.
[8]: Christoph Wolff, Johann Sebastian Bach, 24.
[9]: Martin Geck, Johann Sebastian Bach, 28.
[10]: Michael Maul, Johann Sebastian Bach. Komponist im Dienst der lutherischen Kirche (Kassel: Bärenreiter, 2015), 30–33.
Von der Harmonie der Saiten und der Dissonanz der Seelen: Ein Versuch über den inneren Frieden
Ich sitze an meinem Schreibtisch, noch erfüllt von den Klängen des heutigen Abends in der Stuttgarter Matthäuskirche. Es war mein zweiter Konzertbesuch im Rahmen dieses zweiten Internationalen Bachfests, das nun, nach seiner glanzvollen Premiere im letzten Jahr, bereits zu einem unverzichtbaren Ankerpunkt unserer Stadt geworden ist.
Man muss sich die Hingabe vor Augen führen, mit der die Musikerinnen und Musiker sowie das gesamte Organisationsteam der Internationalen Bachakademie hier am Werk sind. Ob in der Heimat Stuttgart oder auf den Reisen der Gaechinger Kantorei in die fernen Winkel der Welt: Was hier unter Aufbringung höchster Disziplin und harter Arbeit geleistet wird, ist nichts Geringeres als das Angebot einer der wertvollsten seelischen Bereicherungen, die es auf unserem Planeten überhaupt gibt. Es ist die Konstruktion von Ordnung aus dem Chaos, von Schönheit aus der Stille.
Doch während wir in der Geborgenheit dieser Qualität schwelgten, hallten in meinem Kopf die Worte von Kiya Tabassian nach, mit dem ich mich gerne nach dem Konzert ausgetauscht habe. Er sagte zu Beginn: „Persien ist eine sehr alte Zivilisation und braucht Freiheit.“ Ein Satz, der wie ein Mahnmal über dem Programm „Von Sachsen bis Persien“ schwebte. Denn während wir die Brücke zwischen Bach und dem persischen Mystiker Omar Khayyam feierten, brennt die Welt jenseits unserer Kirchenmauern.
Was sind wir für Wesen, wir Menschen? Wir sind fähig, mit unendlicher Mühe Kathedralen des Klangs zu errichten, während wir gleichzeitig mit technischer Kühle die physischen Fundamente unseres Lebens vernichten.
Betrachten wir die nackten, grausamen Zahlen in diesem März 2026: Im Iran zählen wir bereits über 1.444 Tote – manche Quellen sprechen gar von über 3.000, darunter fast 1.300 Zivilisten. Ein einziger Schlag in Minab löschte 165 Leben in einer Schule aus... Auf der israelischen Seite stehen bisher 19 Todesopfer. Jedes einzelne verlorene Leben ist ein verlorenes Leben zu viel, und doch zwingt sich hier die Frage nach der Diskrepanz auf? Die Politikwissenschaft erklärt es uns nüchtern: Es ist die Überlegenheit der Technik. Hier der „Iron Dome“ durch die vielschichtige, zuverlässige Verteidigungsorganisation, dort in vielem Chaos und Schutzlosigkeit.
Wir haben gelernt, uns fast perfekt zu verteidigen und uns gegenseitig fast perfekt zu töten – aber haben wir gelernt, nach all der Philosophie, den Religionen, dem Sport usw. usf., haben wir gelernt uns selbst zu beherrschen?
Montaigne schrieb einst: „Auf dem höchsten Thron der Welt sitzen wir doch nur auf unserem eigenen Hintern.“ Wir tragen auch unsere inneren Unruhen weiter in uns und natürlich auch nach außen. Ist nicht auch der Krieg zwischen Israel und dem Iran eine weitere großflächige Projektion jener Kämpfe, die wir in uns selbst führen – der Widerstreit zwischen der Angst und dem Vertrauen, zwischen dem zerstörerischen Trieb und dem schöpferischen Willen?
Die wahre Tragödie liegt darin, dass die Probleme meist nicht zwischen uns Menschen existieren, sondern in uns. Wenn die Zerstörungslust ein Teil unseres Wesens ist, wie können wir sie bändigen? Das Konzert heute Abend war eine Antwort: Es war eine Übung in Resonanz. Es bewies, dass die „Freiheit“, die Tabassian für Persien forderte, nicht nur die Freiheit von äußeren Ketten ist, sondern die Freiheit zur geistigen Begegnung.
Doch am Ende frage ich mich: Was weiß ich wirklich? Vielleicht ist unsere menschliche Kultur nur ein dünner Firnis über einem Abgrund. Aber solange manche Menschen bereit sind, so hart für die Schönheit zu arbeiten, wie es die Bachakademie tut, besteht die Hoffnung, dass wir irgendwann kollektiv lernen, die Saiten in uns so zu stimmen, dass sie nicht mehr zum Kriegsbogen gespannt werden.
Einreichung für den BW Kongress
Titel
Vom Sparen zum Investieren – und vom Investieren zum Sparen: Ressourceneffizienz in der Kreislaufwirtschaft schöpferisch denken
Kurzbeschreibung
„Nein“, antwortete Zarathustra, „ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich nicht arm genug.“
Nietzsche verweist damit auf eine entscheidende Unterscheidung: Handeln aus Mangel ist etwas anderes als Handeln aus Fülle. Diese Unterscheidung ist für Ressourceneffizienz zentral – denn wir scheitern selten an fehlendem Wissen, sondern an fehlender Haltung.
Kreislaufwirtschaft wird häufig als technisches System beschrieben. Doch ob sie gelingt, entscheidet sich im Menschen: in der Art, wie wir Verantwortung verstehen, wie wir führen, wie wir Grenzen setzen, wie wir in Familien und Organisationen über „mehr“ und „genug“ sprechen.
Genau hier setzt mein Vortrag an und schlägt eine dialektische Perspektive vor, die in Baden-Württemberg tief anschlussfähig ist: Schöpfen und Sparen gehören zusammen. Nicht Sparen statt Investieren, sondern Investieren so, dass Sparen möglich wird – und Sparen so, dass weiteres Gestalten möglich bleibt.
Ressourceneffizienz ist damit nicht Verzicht, sondern kluge Kapitalallokation: Wir investieren in langlebiges Design, Reparierbarkeit, Kreislauffähigkeit, Datenkompetenz, Resilienz – und erhalten dadurch materiellen Wert, Zeit, Energie und Handlungsspielräume.
Es gibt viele wichtige Ressourcen in der Kreislaufwirtschaft, aber keine ist so wichtig wie wir Menschen. Es ist merkwürdig sich Gedanken über sich selbst zu machen in Form von einer Ressource, aber ob wir es wollen oder nicht, wir alle sind Ressourcen. Und ich meine und alle, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Politiker und Wähler, Eigentümer und Mieter, Verkäufer und Kunden, Eltern und Kinder - wir alle sind füreinander Ressourcen. Unsere Urteilskraft, unsere Fähigkeit zum Maß, unsere Lern- und Kooperationsfähigkeit und natürlich unsere Identitäten spielen alle eine Rolle, sind alle wichtig, aber wie genau gehen wir miteinander um? Sind wir effizient, wenn wir uns gegenseitig als Ressourcen nutzen? Sparen wir unsere Nerven und die Nerven anderer, wenn wir uns gegenseitig nutzen und wie steht es mit dem Investieren? Investieren wir genug ineinander?
Wenn man in seine Mitmenschen investiert (Führung, Bildung, Kultur, psychologische Sicherheit), reduziert man dann Reibungsverluste, Fehlerkosten und Überlastung – oder erreicht man dies nur, wenn man sich und seine Mitmenschen spart?
Oder kommt es für die Zukunft und den Erhalt unserer Wohlstandsgesellschaft vielleicht doch auf einen dritten Weg an? Auf eine Synthese des Sparens und Investierens in uns selbst und unsere Nächsten?
Und seien wir ehrlich, ist nicht diese, urchristliche Botschaft der Liebe, im Kern unser Erfolgsmodell im Ländle? Wo wären wir ohne alle die Tüftler, Erfinder und Schöpfer wo ohne all die zurückhaltenden, denkenden Sparer?
Auf zu einer Kreislaufwirtschaft die auf der Ressourceneffizientesten Haltung basiert, der Haltung einer investierenden Sparsamkeit - oder was wünschen Sie sich für sich selbst und Ihre Nächsten?
Die Breite oder die Tiefe? Die Antwort ist ja.
Wenn ich über die Methode nachdenke, die Welt durch ein Kaleidoskop von Stimmen zu betrachten – durch die serbischen Blätter Politika und Danas, die deutschen Spiegel und FAZ, die britischen Guardian und BBC, die amerikanischen CNN und Fox News, die russische Komsomolskaya Pravda, die chinesische People's Daily und die indische Times of India –, so erinnert mich das an Montaignes Wanderungen durch die Bücher der Alten. Seneca jedoch riet einst, wie auch viele Heilige der Orthodoxen Kirche, nicht in der Menge der Autoren zu schwelgen, sondern in der Tiefe einiger weniger. Was ist richtig? In die Breite zu gehen oder in die Tiefe?
Ich mache es so - in der Philosophie und in der Religion gehe ich in die Tiefe. In der Politik jedoch tue ich das Gegenteil: ich sammle nicht Tiefen, denn meistens gibt es sie auch nicht in der Politik, sondern Breiten.
Was ist Politik, wenn nicht ein ständiges Probieren, ein Tasten nach Wahrheit in den Schatten der Meinungen und dem Licht der Scheine? Wir lesen über die Politik nicht, um zu wissen, was ist, sondern um zu spüren, ob das was scheint auch wahr ist und wo etwas wesentliches verheimlicht wird – und in diesem Schauen der vielen Scheine und der Suche nach den Schatten enthüllt sich uns manchmal der Umriss des Wahren.
In der Stille meines Arbeitszimmers, rufe ich diese politischen Seiten auf, prüfe verschiedene Perspektiven in verschiedenen Staaten und die Welt entfaltet sich vor mir wie ein Garten mit vielen Blumen, von denen jedoch nur zwei wirklich zählen, zwei die wir alle kennen: Die Blumen, die süß nach Liebe und Freiheit duften und die anderen Blumen, die bitter nach Angst und Macht stinken. Früher war solch ein Zugang zu Informationen den wenigen vorbehalten – den Fürsten mit ihren Boten, den Gelehrten mit ihren Bibliotheken. Heute, durch die Magie der Maschinen, liegt er jedem offen, der nur die Hand ausstreckt. Und doch, wie seltsam ist es, dass so wenige danach greifen? Oder ist es das? Haben nicht genau die "Mächtigen" stets danach gesucht, die von ihnen beherrschten Menschen "ohnmächtiger" zu machen, vom "Greifen" fernzuhalten und abzugewöhnen? Schmiedeten sie nicht die Zäune und die Ketten um zu herrschen über ihre Mitmenschen wie über Schafe, um sie zu scheren, zu melken und regelmäßig auch zu schlachten? Haben zugleich nicht die Liebenden das Gegenteil versucht, ihre Mitmenschen zu befreien, Verantwortung zu lehren und mit ihnen zu teilen? Sind wir Menschen so tief gewöhnt an ein solches Leben zwischen Liebe und Macht, dass wir uns einst befreit von Ketten, freiwillig in neue schmieden, einst befreit von Mauern, wir uns freiwillig neue zulegen und umgekehrt, einst in Ketten gelegt, die abzulegen suchen und einst in Mauern gefangen, die zu durchbrechen? Das würde jedenfalls vieles erklären... Wie sich unsere Vorfahren gegenseitig geformt und verformt haben. Wenn wir uns selbst kennenlernen wollen, dann können und dürfen wir als Nachfahren diese lange Vergangenheit nicht ignorieren, es gibt zwar in jeder Generation einen gewissen Neustart, eine gewisse Tabula Rass, aber sowohl die genetische Festplatte als auch unsere Kulturen bleiben nahezu identisch und
Betrachten wir die Seele von uns Menschen, einer wankelmütigen Kreatur. Wir könnten von der Trägheit sprechen, jener acedia, die uns in der Bequemlichkeit wiegt. Der Geist sucht den Pfad des Geringsten Widerstands, wie Wasser bergab fließt. Widersprüchliche Berichte zu lesen – den Ukraine-Konflikt als Triumph in russischen Lettern, als Tragödie in westlichen und als zunehmend irrelevant und uninteressant überall sonst auf der Welt, wo man selbstverständlich mit eigenen Problemen viel mehr beschäftigt ist – erzeugt jene innere Unruhe, die die Alten dissonantia nannten, ein Zwiespalt, der schmerzt wie ein Splitter im Fleisch. Der Mensch, faul wie er ist, meidet diese Arbeit; er wählt die sanfte Lüge der Bestätigung, den Weg des geringsten Widerstandes, auf dem jede Nachricht sein eigenes Bild poliert. Und die modernen Apparate, diese Algorithmen, die wie unsichtbare Diener arbeiten, verstärken es: Sie füttern uns mit dem, was wir lieben, bis unsere Welt schrumpft zu einem Spiegelkabinett, in dem nur das Eigene widerhallt.
Doch ist es nur Trägheit? Nein, da mischt sich auch der Stolz, jener alte Feind der Weisheit. Wir klammern uns an unsere Narrative wie an Reliquien, denn sie formen unsere Identität: "Ich bin der Liberale, der Konservative, der Patriot." Eine fremde Sicht einzunehmen fühlt sich an wie Verrat – an sich selbst, an der Sippe. Ich merke, dass ich mich derzeit in Bezug auf die Politik in Russland, China und Indien auf die staatlichen Perspektiven reduziere, d.h. nicht wie in anderen Ländern die Stimmen der Position und der Opposition erforsche. Ich werde das erweitern, aber langsam und mit der Ruhe. Ab und zu lesen ich auf dem Balkan auch ein bisschen etwas aus anderen Ländern, es scheint mir die politische Wahrheit der Welt ist nichts anderes als ein Flickenteppich, den wir mit jedem essenziellen Titel stets weiter vervollständigen können.
Die Alten wussten das: Sokrates trank den Schierlingsbecher, weil er die Stadt herausforderte, ihre Blasen zu verlassen, zu durchstechen. Und heute? Die Medien selbst nähren leider diesen blasenartigen Tribalismus, indem sie den Anderen als Lügner brandmarken. Misstrauen blüht, wo Vertrauen und Auseinandersetzung welken sollten. Sprachen und staatliche Grenzen tun ihr Übriges; sehr viele Menschen, gefangen in ihrer Zunge, hören nur das Echo ihrer eigenen Kammer.
Aber wir wollen uns nun zu den Früchten wenden, die derjenige erntet, der durchhält – der, wie ich, die Vielfalt wagt. Ach, welch ein Gewinn! Nicht in Gold oder Ruhm, sondern in der Erweiterung der Seele. Indem man erkennt, dass Narrative keine Ketten sind, sondern Fäden in einem Gewebe, lernt man, sie zu weben, ohne eines zu zerreißen. Man muss nicht wählen zwischen verschiedenen, entgegengesetzten Blicken, nein, man trägt sie in sich, wie ein Reisender Karten aus verschiedenen Ländern. Diese Integration – ins Bewusste, ja ins Unbewusste – ist keine Last, sondern eine Befreiung. Unser Geist, elastisch wie Quecksilber, dehnt sich aus; kognitive Dissonanz wird zum Lehrer, nicht zum Peiniger. Ich denke an Epiktet, den Sklaven-Philosophen: "Nicht die Dinge quälen uns, sondern unsere Meinungen darüber." Indem du viele Meinungen sammelst, mildern wir die Qualen jeder einzelnen.
Was gewinnt man also? Zuerst eine tiefere Empathie: Man versteht den Anderen nicht als Feind, sondern als Spiegel eines anderen Lichts. Dann eine schärfere Urteilskraft: Wahrheit entsteht nicht aus Monolog, sondern aus Dialog der Geister. Und schließlich Freiheit – die wahre, innere Freiheit, die keine Blase duldet und die verängstigten und auch bösen Menschen, die Blasen schmieden und festigen, ziemlich sofort enttarnt. Ich habe mich geprüft, ich habe gezweifelt und ich habe mich gewandelt in Beziehung zu mir selbst; so tue ich es auch mit der Weltpolitik. Es ist der Weg der Skeptiker, der Stoiker: Akzeptiere die Vielheit, integriere sie, und erst dann wirst du ganz.
Zum Schluss: In dieser gespaltenen Epoche der politischen Welt, die wie ein zerbrochener Spiegel erscheint, ist der Pfad der Vielfalt der einzig gesunde. Er heilt die Seele von der Engstirnigkeit, stärkt sie gegen Täuschung und entlarvt überall die verängstigten und die Bösen und von denen gibt es, leider, sehr viele, überall. Die Alten lehrten: Nosce te ipsum – erkenne dich selbst. Aber in unserer Zeit ergänze ich: Erkenne die Welt in ihrer Vielfalt, und du erkennst dich wahrlich. So möge dieser Essay dich inspirieren; nimm ihn, überarbeite ihn, mache ihn dein eigen.
Wann Deutschland am erfolgreichsten war.
Anstand und Wohlstand – Über das deutsche Erfolgsmodell
Deutschland war nie erfolgreicher als nach dem Zweiten Weltkrieg. Nicht wirtschaftlich, nicht politisch, nicht gesellschaftlich.
Diese Feststellung irritiert manche. Denn sie widerspricht der verbreiteten Erzählung, Deutschland sei stark gewesen, wenn es hart, aggressiv oder autoritär auftrat. Die Geschichte zeigt das Gegenteil.
Das eigentliche deutsche Erfolgsmodell entstand nach 1945. Es beruhte nicht auf Überheblichkeit, sondern auf Selbstbegrenzung. Nicht auf Ausgrenzung, sondern auf Ordnung. Sein Kern bestand aus einer seltenen, aber kraftvollen Verbindung: Anstand und Wohlstand.
Anstand meint dabei keine moralische Überlegenheit und keine perfekte Tugend. Er meint etwas Bodenständigeres und Anspruchsvolleres: die bewusste Entscheidung, Macht zu begrenzen, Verantwortung zu übernehmen und Menschen als Menschen ernst zu nehmen. Anstand zeigte sich im Ton, im Maß, im Respekt vor dem Anderen – und vor den Regeln, die für alle galten.
Ein entscheidender Punkt dieses Modells war: Menschen wurden als Menschen genommen. Herkunft, Religion, soziale Wurzeln oder persönliche Geschichte entschieden nicht über den Wert eines Menschen. Entscheidend war der Beitrag, den jemand leisten konnte und wollte.
Deutschland verstand sich als Leistungsgesellschaft im besten Sinne des Wortes. Jeder sollte seinen Beitrag zum Ganzen leisten. Arbeit, Verantwortung und Verlässlichkeit waren keine leeren Begriffe, sondern gelebte Erwartungen. Leistung schuf Würde, Zugehörigkeit und Anerkennung.
Gleichzeitig galt ein ebenso klarer Grundsatz: Wer nicht leisten konnte, wurde nicht zurückgelassen.
Das soziale Netz war kein Widerspruch zur Leistungsgesellschaft, sondern ihre Voraussetzung. Es diente nicht dazu, Verantwortung aufzulösen, sondern Teilhabe zu sichern. Es sollte Menschen auffangen, stabilisieren und ihnen ermöglichen, wieder mitzuwirken, sobald sie dazu in der Lage waren.
Dieser Zusammenhang ist entscheidend: Anstand bedeutete nicht Anspruchslosigkeit, sondern Fairness. Wohlstand entstand nicht durch Beliebigkeit, sondern durch klare Erwartungen, eingebettet in Solidarität.
Dieses Modell speiste sich aus christlicher Anthropologie – der Einsicht in die Fehlbarkeit und Würde des Menschen – und aus demokratischen Prinzipien wie Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung und Kompromissfähigkeit. Gerade weil man dem Menschen nicht blind vertraute, schuf man Regeln, die Macht banden und Chancen eröffneten.
Aus dieser Haltung erwuchs Wohlstand. Nicht trotz Anstand, sondern durch ihn. Vertrauen in Institutionen, Verlässlichkeit des Rechts, soziale Stabilität und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit verstärkten sich gegenseitig.
Heute wird oft suggeriert, Anstand sei Schwäche. Moral sei Luxus. Zurückhaltung naiv. Doch diese Sicht verkennt die eigene Geschichte. Deutschland wurde nicht erfolgreich, als es alle Grenzen sprengte, sondern als es lernte, mit Grenzen verantwortungsvoll umzugehen.
Das heißt nicht, dass die Nachkriegszeit ideal war. Aber sie war geprägt von einer seltenen Einsicht: Stärke ohne Maß zerstört – Stärke mit Maß trägt. Anstand war kein moralischer Zierrat, sondern eine produktive Kraft.
Gerade in Zeiten von Verunsicherung, Polarisierung und wachsendem Extremismus lohnt es sich, daran zu erinnern. Nicht um nostalgisch zurückzublicken, sondern um Orientierung zu gewinnen. Wer Anstand gegen Wohlstand ausspielt, zerstört beides. Wer Leistung gegen Solidarität ausspielt, ebenso.
Deutschland braucht keine neue Härte. Es braucht den Mut, anständig leistungsfähig zu bleiben.
